Sohn getötet

„Ein heimtückischer Mord“ – Mutter soll Sohn vergiftet haben

Eine 74-Jährige muss sich wegen der Tötung ihres Sohnes verantworten. Gericht versucht den Fall Mario F. nach 41 Jahren zu klären.

Die Angeklagte Erna F. (l.) unterhält sich im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek

Die Angeklagte Erna F. (l.) unterhält sich im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek

Foto: Bernd Settnik / dpa

Es wird für Erna F. ein Schock gewesen sein, als im Januar 2013 vor der Tür ihrer Wohnung in Göttingen Polizisten standen und sie befragen wollten. Und als sie plötzlich von der Geschichte wieder eingeholt wurde. Es ging um ihren Sohn Mario, der am 5. November 1974 mit acht Jahren starb. Erna F. soll ihn getötet haben. Sie ist inzwischen 74 Jahre alt und muss sich seit Mittwoch vor dem Schwurgericht in Neuruppin wegen heimtückischen Mordes verantworten.

Der von Staatsanwältin Anette Bargenda vorgetragene Anklagesatz ist kurz. Er legt folgenden Tatverlauf zugrunde: Erna F. schleppt den Jungen am Abend des 4. November 1974 aus dem Kinderzimmer in die Küche und setzt ihn dort vor den Gasherd. Entweder habe er tief geschlafen oder die Angeklagte habe ihn mit Schlaftabletten betäubt, vermuten die Ermittler.

Anschließend wartet Erna F. ab, bis sie der Meinung ist, dass der Junge eine tödliche Menge an Kohlenmonoxid eingeatmet hat. Hernach trägt sie das besinnungslose Kind ins Kinderzimmer zurück und alarmiert um 5.50 Uhr die Rettungsstelle. Als Motiv wird von Staatsanwältin Bargenda Überforderung genannt. Der verhaltensauffällige Jungen sei Erna F. „bei ihrer weiteren Lebensplanung hinderlich“ gewesen. Auch habe es bei der Angeklagten damals „finanzielle und persönliche Schwierigkeiten“ gegeben.

Auffällig hoher Gehalt an Kohlenmonoxid im Blut

Erna F.s Verteidiger Uwe Furmanek kündigt gleich zu Beginn des Prozesses an, dass seine Mandantin bestreitet, die Tat begangen zu haben. Ansonsten werde sie schweigen. Erna F. nickt ihrem Verteidiger freundlich zu, als er das sagt. Sie ist eine sehr gepflegt wirkende, zierliche Frau mit aufgestecktem Haar, jünger wirkend als 74.

Franko O., ermittlungsführender Kommissar, kennt die Zeugen bei seiner Aussage vor Gericht alle. Es ist erstaunlich, was er und seine Kollegen von der Mordkommission des Landeskriminalamtes Eberswalde Jahrzehnte nach der Tat noch alles zusammentragen konnten. Der Beamte berichtet von einem anonymen Schreiben, das am 5. August 2009 bei der Staatsanwaltschaft Hannover einging. Dort wurde erstmals behauptet, Erna F. habe ihren achtjährigen Sohn Mario umgebracht.

Hoher Kohlenmonoxidgehalt im Blut des verstorbenen Kindes

Der Fall wurde damals nach Frankfurt (Oder) an die für den mutmaßlichen Tatort zuständige Staatsanwaltschaft weitergegeben. „Wir haben erst einmal recherchiert, ob es diesen Jungen und diesen Todesfall überhaupt gab“, sagt der 50-jährige Franko O., der schon zu DDR-Zeiten in dieser Region als Polizist tätig war. Es war ihm bekannt, dass alle verstorbenen Kinder obduziert wurden, weil „die DDR an einem Programm zur Eindämmung der Kindersterblichkeit“ teilgenommen habe. Für den damaligen Bezirk Frankfurt (Oder), zu dem auch die Stadt Schwedt gehörte, war die Charité zuständig.

Auffällig an diesem Gutachten war, dass das Blut des verstorbenen Kindes einen Kohlenmonoxidgehalt von 73 Prozent aufwies. „Es stellte sich die Frage, wie in das Kinderzimmer, in dem die Leiche des Jungen gefunden wurde, eine derart hohe Konzentration an Kohlenmonoxid gelangen konnte“, sagt Franko O. Recherchen der Mordkommission hätten ergeben, dass ein Mensch schon bei einem Kohlenmonoxidgehalt von 30 bis 35 Prozent ohnmächtig wird. Und dass er sich, um derart viel Kohlenmonoxid einzuatmen, mit seinem Gesicht ganz nahe an der Gasquelle befinden muss.

Aussagen passen nicht zu den Untersuchungsergebnissen

Es passte also vorne und hinten nicht zu den Aussagen Erna F.s, die sie im November 1974 bei der Kriminalpolizei in Schwedt machte. Angeblich soll ihr Sohn Mario nachts aufgestanden und in die Küche gegangen sein. Das habe er nachts öfter getan, weil er was naschen wollte. In jener Nacht habe er ein Stück Rosinenkuchen gegessen und am Gasherd gespielt.

Einer ihrer Versionen zufolge habe er dabei so viel Gas eingeatmet, dass er anschließend daran verstorben sei. Nach einer anderen Version der Angeklagten habe er den Gashahn nicht wieder richtig zugedreht, sei ins Bett gegangen und dort infolge des austretenden Gases erstickt. Aber es gebe auch noch andere Widersprüche, sagte Franko O. Dazu zähle er auch die Aussagen von Erna F.s Tochter Carmen, die bei dem Tod ihres Bruders Mario zwölf Jahre alt war.

In der DDR war ein Mord nach 25 Jahren verjährt

Carmen gab bei Franko O. zu Protokoll, dass sie, die damals vier Jahre alte Schwester Martina und Mario stets gemeinsam in einem Raum geschlafen hätten. Bei geschlossenem Fenster. Das wisse sie noch so genau, weil sie zuvor einmal das Fenster aufgelassen und die kleine Martina sich stark erkältet habe. Die Mutter sei damals sehr wütend gewesen. Aber in der Nacht vom 4. zum 5. November 1974 musste das Fenster aufbleiben. Und nur sie und Martina schliefen in dieser Nacht in diesem gut belüfteten Raum. Mario lag im Nebenzimmer, wo er am nächsten Morgen tot gefunden wurde.

1987 reiste Erna F. mit ihrer jüngsten Tochter aus der DDR aus, wohnte später in Göttingen. Es könnte für sie verhängnisvoll werden, dass es nun wieder ein ungeteiltes Deutschland gibt. In der DDR war ein Mord nach 25 Jahren verjährt. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde jedoch geregelt, dass Morde aus DDR-Zeiten, die am 3. Oktober 1990 noch nicht verjährt waren, nicht mehr verjähren können. Doch es gibt für Erna F. im Falle einer Verurteilung auch einen Vorteil. Grundlage für ihr Verfahren ist das Strafrecht der DDR. Hier beginnen die Strafen für Mord bei zehn Jahren. Beim bundesdeutschen Strafrecht ist „lebenslänglich“ obligatorisch.