Naturtrip

Kurz vor Berlin beginnt die Wildnis

In der Döberitzer Heide leben Wisente, Rothirsche und Wildpferde. Ein Ausflug in die Wildnis vor den Toren der Hauptstadt.

Die Wisente wurden durch die Sielmann Stiftung in der Döberitzer Heide angesiedelt. Daneben gibt es noch viele Tausend andere teils seltene Tier- und Pflanzenarten

Die Wisente wurden durch die Sielmann Stiftung in der Döberitzer Heide angesiedelt. Daneben gibt es noch viele Tausend andere teils seltene Tier- und Pflanzenarten

Foto: Massimo Rodari

Elstal.  Zuerst einmal ist da nur ein Faltblatt. Auf dem Titelbild bohrt ein wuscheliges Rind mit seiner rosafarbenen Zunge in der Nase. Darüber steht: Bist DU bereit für die Wildnis? Ich bin bereit. Der Fotograf auch. Mit allem, was uns empfohlen wird: eine warme Jacke, feste Schuhe, ein Fernglas – und vor allem Wasser und ein Handy. Nein, in den Flieger müssen wir nicht. Wir steigen ins Auto und sind vom Berliner Funkturm aus in einer guten halben Stunde da. Die Wildnis liegt nämlich im Havelland, per Luftlinie gerade einmal einen Kilometer vor der westlichen Stadtgrenze Berlins.

Sie ist so groß wie 5500 Fußballfelder und so wild, dass nur ein Teil betreten werden darf. 55 Kilometer Wegstrecke in der Döberitzer Heide immerhin sind freigegeben. Zu Fuß oder mit dem Mountainbike. Im Winter auch auf Skiern. Ermöglicht hat das der 2006 verstorbene Tierfilmer Heinz Sielmann. Anfang der 90er-Jahre hatte er den ehemaligen Truppenübungsplatz „Döberitz“ besucht und war von der Schönheit und Vielfalt der Landschaft angetan. Gemeinsam mit seiner Frau Inge gründete er 1994 die Heinz Sielmann Stiftung. Diese kaufte vom Land die rund 3550 Hektar Natur, auf denen über 5500 teils sehr seltene Tier- und Pflanzenarten beheimatet sein sollen. Seither kamen etwa 200 gefährdete Tiere dazu: 90 Wisente, 36 Przewalski-Wildpferde und 90 Rothirsche leben derzeit in der Heide. Mit etwas Glück sind sie auch außerhalb des Schaugeheges zu entdecken.

Hubschrauber auf der Suche nach verirrten Wanderern

Auf dem Elstaler Parkplatz an der Döberitzer Heide 10 am Schaugehege geht es noch zivilisiert zu. Die ersten Meter auf dem Weg in die Wildnis sind sogar geteert. Der Projektleiter von „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide“, Peter Nitschke, holt uns mit dem Jeep ab. Autofahren ist hier sonst für Unbefugte verboten. „Halten Sie sich gut fest“, sagt er. „Es kann holprig werden.“ Vor uns schlängelt sich ein sandiger Weg.

Links ist ein Gebäude zu sehen. Dort ist ein Besucherinformationszentrum geplant. Rechts am Weg steht eine blaue Tafel mit Hinweisen und einer Telefonnummer für den Notfall. Ohne Handy sollte keiner herkommen: In der Döberitzer Heide haben sich schon einige verirrt. Im Juli 2015 befreite die Polizei eine völlig orientierungslose und erschöpfte Potsdamer Familie sogar per Hubschrauber aus ihrer misslichen Lage. „Wir würden uns wünschen, dass bei derartigen Notfällen noch mehr auf unsere Unterstützung als Ortskundige gesetzt wird“, sagt Nitschke. „In den Notrufleitstellen seien nicht nur die Pläne und Schlüssel für die Tore im Naturschutzgebiet hinterlegt. Auch unsere Telefonnummern sind bekannt.“

Die Kernzone der Heide ist für Besucher gesperrt

Im März 2011 war ebenfalls ein Hubschrauber im Einsatz, auf der Suche nach vier Spaziergängerinnen mit ihren Hunden. Als sie die Orientierung verloren und den Weg zurück nicht fanden, hatten sie die Rettungskräfte alarmiert. Gegen 21 Uhr entdeckte sie der Pilot und schickte einen Streifenwagen. Ganz erklären kann Nitschke sich das nicht. „Die Wege sind gut ausgeschildert“, sagt der Diplom-Forstingenieur. „Man darf sie allerdings nicht verlassen.“ Jenseits der Wege ist es auch aus anderen Gründen riskant. Im Boden der fast 100 Jahre militärisch genutzten Heide könnte Munition schlummern. Wir fahren an einem alten grauen Bunker vorbei. Davor breitet sich wie überall der Ginster aus. Ab Mai blüht er in leuchtendem Gelb.

Die ersten Tiere, die wir zu sehen bekommen, sind Schafe. Heidschnucken, Skudden und auch Ziegen arbeiten in der Landschaftspflege mit, indem sie das Gras kurz halten. Auf der linken Seite der sandigen Piste zieht sich ein Zaun entlang. Durch Elektrodrähte gesichert, liegt dahinter die Wildniskernzone des Naturschutzgebietes. 1860 Hektar ist sie groß, etwa die Hälfte der Döberitzer Heide. „Dieses Gebiet überlassen wir weitgehend der Natur“, sagt Nitschke. Nur ein Tierpfleger schaue jeden Tag vorbei. Derzeit leben in der Kernzone 29 Wildpferde, dazu Wisente und Rotwild. Bevor die Tiere sich selbst überlassen wurden, lebten sie laut Nitschke im rund 36 Hektar großen Schaugehege und später in der 50 Hektar-Eingewöhnungszone. Die Gallowayrinder, die sich uns gerade nähern, befinden sich in der Natur-Erlebnis-Ringzone.

Wege mussten zuerst von Munition geräumt werden

Inzwischen sind wir am ersten Aussichtspunkt mit einer überdachten Sitzgruppe aus Holz angekommen. Etwa vier Kilometer liegen hinter uns. Erstmals kommt das Fernglas zum Einsatz. „Da drüben“, ruft Peter Nitschke. „Am Waldrand.“ Die ersten Wildpferde. Ein roter Milan kreist über uns. Eine Herde mit Wisenten werden wir später noch sehen. Gibt es hier eigentlich auch Wölfe? „Den letzten habe ich vor etwa zwei Jahren gesehen“, erinnert sich Nitschke. „Sie ziehen immer wieder mal durch. Ein Rudel hat sich offenbar noch nicht angesiedelt. Denen ist das Gebiet wohl auch zu klein.“

Die Sielmann Stiftung investierte eigenen Angaben zufolge rund 14 Millionen Euro in der Heide, dazu kommen rund sechs Millionen Euro öffentliche Fördermittel. Von dem Geld wurden die Wege von Munition befreit und Zäune gebaut. Fünf ständige Mitarbeiter sind vor Ort, das Projekt wird wissenschaftlich begleitet.

„Wollen Sie noch auf den großen Aussichtsturm?“, fragt Nitschke. „Der kommt in etwa sechs Kilometern.“ Wir entscheiden uns dagegen – und haben die richtige Wahl getroffen. Denn überraschenderweise ist der gelernte Förster nun doch bereit, ausnahmsweise die Elektrozäune zu öffnen, um uns zu einer Kontrollfahrt in die Kernzone mitzunehmen. Es ist gesperrtes Gebiet. Wie war das noch mal? Festhalten? Wenn das überhaupt noch möglich ist, bei dem Auf und Ab durch den lichten Eichen- und Birkenwald. Wir kommen an einen aufgewühlten Acker. Das war mal eine Wiese, ehe Wildschweine sie umgruben. Eine Gruppe wilder Pferde sieht uns kommen und nähert sich neugierig.

Tiere sind auch von den Wegen aus zu entdecken

Wenige Meter weiter äst Rotwild im Wald. „Die stehen ganz schön im Futter“, meint Nitschke. „Obwohl gerade Winter war.“ Der Höhepunkt ist die Begegnung mit einer Herde von Wisenten. Auch sie nähern sich uns auf dem freien Feld. Anders als die Pferde bleiben sie aber auf Abstand. Fast haben wir ein schlechtes Gewissen, dass wir sie gestört haben.

Der Besucher kommt im Normalfall auch auf den ganz normalen Wegen auf seine Kosten. Er sollte sich aber unbedingt an die Vorschriften halten und den Trip in die brandenburgische Wildnis nicht unvorbereitet antreten. „In zwölf Jahren haben sich lediglich eine Handvoll Wanderer verirrt“, sagt Nitschke. „Also keine Sorge.“ Na dann: Die Wildnis ruft. Über 13 Eingänge ist sie zu erreichen, unter anderem von Elstal, dem Havelpark in Dallgow-Döberitz, Potsdam-Sacrow und der Speckdammbrücke in Potsdam-Fahrland aus.


www.sielmann-stiftung.de