Arbeitsplatzabbau

Angst um Bombardier-Werk in Hennigsdorf

Etwa 1000 Bombardier-Beschäftigte in Hennigsdorf protestieren gegen den geplanten Stellenabbau - und kritisieren das Management.

Die Hennigsdorfer Bombardier-Belegschaft versammelt sich am Donnerstag zu einer Protestaktion vor dem Werkstor

Die Hennigsdorfer Bombardier-Belegschaft versammelt sich am Donnerstag zu einer Protestaktion vor dem Werkstor

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Hennigsdorf/Berlin.  Auf dem Schild, das Mathias Hoffmann hochhält, steht: „Keine Serienfertigung – keine Zukunft“. Der 26-jährige Mechatroniker hat bei Bombardier in Hennigsdorf gelernt. Fünf Jahre ist er im Unternehmen. Seit das kanadische Unternehmen angekündigt hat, in Deutschland 1430 von rund 10.500 Arbeitsplätzen streichen zu wollen, macht der junge Hennigsdorfer sich Sorgen. Er sagt: „Es kann jeden treffen.“ Fest steht: Am Standort Hennigsdorf sollen 270 Arbeitsplätze wegfallen – und damit fast jede zehnte Stelle. Beim ersten bundesweiten Protesttag der Gewerkschaft IG Metall haben sich am Donnerstag knapp 1000 Beschäftigte in Hennigsdorf vor dem Werkstor versammelt.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber und Bürgermeister Andreas Schulz (beide SPD) unterstützen den Protest. Der Wirtschaftsminister klatscht sogar, als das IG-Metall-Bundesvorstandsmitglied Wolfgang Lemb das Management von Bombardier scharf angreift. Er klatscht auch noch, nachdem Lemb sagte: „Es kommt mir immer so vor, als hätte das Management von Bombardier den IQ einer Eidechse.“

Wirtschaftsminister bietet Unternehmen Förderung an

Am Montag hatte Minister Gerber den Chef von Bombardier Deutschland, Dieter John, bei sich in Potsdam empfangen. „Ich habe ihm dabei nochmals angeboten, dass die Landesregierung das Unternehmen unterstützt, über eine Innovations-, Entwicklungs-und Forschungsförderung“, sagt Gerber der Berliner Morgenpost am Rande der Protestveranstaltung. Der Schienenfahrzeugbau sei weltweit ein wachsender Markt. Berlin-Brandenburg zähle zu den international führenden Standorten der Schienenverkehrstechnik – mit über 100 Unternehmen und mehr als 20.000 Beschäftigten in produzierenden Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen, 4700 davon im Schienenfahrzeugbau.

Der Zughersteller hält bislang trotz wachsenden Widerstands an den Plänen fest und begründet dies mit der nachhaltigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Er mache sich „schon Sorgen um den Standort, wenn wichtige Teile verlegt werden“, sagt Minister Gerber. In dem Gespräch habe er den Bombardier-Manager davor gewarnt, das Pfund von gut ausgebildeten Fachkräften nicht aufs Spiel zu setzen. Den Beschäftigten verspricht er unter Beifall: „Wir werden als Landesregierung alles tun, um zu helfen. Da könnt ihr ganz sicher sein.“

Auch für den Betriebsratschef Michael Wobst steht außer Frage: „Die Probleme sind Folge des jahrelangen Missmanagements und Konzeptlosigkeit.“ Seine Kernbotschaft: „Stellenabbau und Kompetenzverlagerung können die Probleme von Bombardier nicht lösen.“ In Hennigsdorf müssten laut dem bislang bekannten Plan 143 Mitarbeiter in der Produktion und 65 im Engineering gehen.

Es geht auch um die Zukunft des Standorts

Die Beschäftigten kämpfen nicht nur um ihre Arbeitsplätze, vielmehr gehe es um die Zukunft des Standortes. Was bislang nur vermutet werden konnte, habe der Chef von Bombardier Deutschland, Dieter John, jetzt bestätigt, so Betriebsratschef Wobst. Er zitiert aus einem aktuellen Interview mit der „Berliner Zeitung“. Bombardier wolle die Kompetenzen stärker fokussieren, betont der Bombardier-Chef darin. Hennigsdorf hat dabei laut John eine ganz klare Rolle: „Das Werk soll Kompetenzzentrum für Entwicklung und Fahrzeugkonstruktion werden, mit Testbetrieb und Vorserienfertigung“, so John.

Für den Betriebsratschef ist damit klar: „Das bedeutet, das Ende der Serienfertigung ist geplant. Und damit ein Tod auf Raten.“ Wobst wirft der Geschäftsführung Gesetzesbruch vor. „Es kümmert sich dort niemand mehr um die Verpflichtungen aus Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen. Sie werden ignoriert.“ Auch gebe es entgegen anderer Beteuerungen keine Gespräche mit dem Betriebsrat.

Der Deutschland-Bombardier-Chef hat inzwischen auch angekündigt, dass der Stellenabbau schwerpunktmäßig 2016 erfolgen und bis Ende 2017 abgeschlossen sein soll. „Bombardier steht zu Deutschland“, sagt John, verweist aber zugleich auf die Konkurrenz aus Asien und Osteuropa. „Wer Aufträge im Ausland gewinnen möchte, muss auch dort vor Ort produzieren“, so der Bombardier-Manager.

Entgangener S-Bahnauftrag soll nicht die Ursache sein

Kritik am geplanten Stellenabbau hatte es auch gegeben, weil der Konzern Gewinn macht und gut gefüllte Auftragsbücher hat. John kontert: „Wir befinden uns im globalen Wettbewerb, entsprechend ist es nicht möglich, allein im Sinne von Beschäftigungssicherung die Aufträge zuzuordnen.“ Er weist den Vorwurf zurück, die Beschäftigten der Zugsparte müssten für Probleme im Flugzeugbau herhalten. „Es ist definitiv nicht so, dass unsere strategischen Entscheidungen von der Entwicklung der Konzernschwester Aerospace abhängen.“ Auch dass Bombardier beim Auftrag für die neuen Berliner S-Bahnzüge nicht berücksichtigt worden ist, spiele keine Rolle.