Brandenburg

Umwege für Entdecker an der Autobahn nach Hamburg

Landeskunde: In einem neuen Buch beschreibt Autor Hans-Jürgen Mielke Attraktionen entlang der Autobahn 24 zwischen Berlin und Hamburg.

Das Schloss Meyenburg in der Prignitz. Der ehemaligen Sitz der Familie von Rohr  beherbergt heute ein Modemuseum

Das Schloss Meyenburg in der Prignitz. Der ehemaligen Sitz der Familie von Rohr beherbergt heute ein Modemuseum

Foto: dpa Picture-Alliance / Soeren Stache / picture-alliance/ ZB

Wer auf der Autobahn A24 unterwegs ist, an dem fliegen Städte, Kirchtürme, Wälder und Felder vorbei. Doch das brandenburgische Umfeld der Strecke hält einen großen Reichtum an Architektur, Landschaften und Geschichte bereit, für die sich Abstecher lohnen. Über diesen Reichtum informiert das neue Buch „A24 Landeskunde entlang der Autobahn Berlin-Hamburg“ des Berliner Autors Hans-Jürgen Mielke. In sieben Kapiteln beschreibt er fachkundig und anekdotenreich Städte wie Kremmen, Fehrbellin, Neuruppin, Wittstock und Meyenburg.

Der Autor erzählt zum Beispiel die Geschichte von Rhinluch, Havelländischem Luch und dem Torfabbau im 19. Jahrhundert. Damit ist die tragische Geschichte des Neuruppiner Kaufmanns Alexander Gentz verbunden. Er ließ den Brennstoff mit Kähnen nach Berlin liefern und finanzierte so den teuren Aufbau des Gutes Gentzrode und eines Herrenhauses im maurischen Stil. Als zunehmend Kohle zum Heizen verwendet wurde, ging Gentz bankrott. Er wurde verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Theodor Fontane schreibt, Gentz sei durch seine Bildung und seinen Reichtum überheblich geworden. In der Gerichtsverhandlung musste er aufgefordert werden, den Hut abzulegen und die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Nach Verbüßung der Haft sei Gentz „an Leib und Seele“ gebrochener Mann gewesen.

Von Herrenhäusern, Schlössern und Gedenksteinen

Das unter Denkmalschutz stehende Herrenhaus Gentzrode existiert noch, verfällt aber immer mehr. Das Ende des Torfabbaus hatte, wie Mielke schreibt, auch erfreuliche Folgen. Im Linumer Rhinluch wurden Teiche für die Fischzucht angelegt. Weißstörche, die Bereiche mit flachem Wasser lieben, siedelten sich an. Auch Kraniche und Gänse verbringen den Sommer in der Gegend.

Ausführlich widmet sich das Landeskunde-Buch dem Schloss Meyenburg. Es beherbergt eine ganz besondere Attraktion: das Modemuseum. Es zeigt seit 2006 eine der größten privaten Sammlungen von historischen Kleidern und Accessoires aus der Zeit von 1900 bis 1970. Josefine Edle von Krepl hat diese Sammlung angelegt. Die Modedesignerin und Journalistin aus Fürstenwalde arbeitete bei der DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“ und eröffnete 1980 die erste private Modeboutique im Ostteil Berlins. Im Frühjahr 1989 heiratete sie einen Westberliner, um legal ausreisen zu können. Sie übernahm den Antikmodeladen „Falbala“ in Westberlin und zog damit 1996 an den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Später bot ihr die Stadt Meyenburg die Räume im Schloss an.

Vieles hat die sozialistische Zeit nicht überlebt

Meyenburg war Sitz der Familie von Rohr, einer der bedeutenden Familien der Geschichte Brandenburgs. Auch andere Adelsnamen sind erwähnt, etwa die Familie von dem Knesebeck. Ihr gehörte bis zur Enteignung 1945 das Herrenhaus von Karwe am Neuruppiner See. Später diente es als Schule und wurde 1983 abgerissen. Ein Mitglied der Familie von dem Knesebeck ist in den 90er-Jahren wieder nach Karwe gezogen und lebt im umgebauten Pferdestall, der zum Herrenhaus gehörte. Ebenfalls abgerissen wurde 1989 Schloss Dessow.

Auch anderes hat die sozialistische Zeit nicht überlebt. Die Behörden ließen ein Denkmal für Friedrich Wilhelm II. in Neuruppin entfernen und verschrotten. Nach der Wende wurde es anhand von Fotografien nachgebildet, in Lauchhammer gegossen und 1998 wieder in Neuruppin aufgestellt. Nicht zerstört, aber verändert wurde ein Gedenkstein aus dem Schlosspark Meyenburg aus dem Jahr 1924. Seine Inschrift erinnerte an Wichard von Rohr, der 1914 bei Lüttich gefallen war. Der Stein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entfernt. Ein neuer Stein mit einer neuen Inschrift erinnert an den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen, der Findling steht nun an der Freyensteiner Straße.

An einen Flugzeugabsturz im Dezember 1929 erinnert ein Gedenkstein nördlich von Wustrau. Zwei der drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Angeblich beförderte die Maschine Luftpost, doch tatsächlich wurde sie für die Reichswehr erprobt, was gemäß Versailler Vertrag nicht erlaubt war.

Wer langsam reist, kann Interessantes entdecken

Damit man bei der Fahrt durch Brandenburg viele interessante Einzelheiten wahrnehmen kann, empfiehlt der Autor ein langsames Reisen. Er verweist auf einen tödlichen Verkehrsunfall von 1912. Damals waren Prinz Georg Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg und sein Kammerdiener mit mehr als 100 Stundenkilometern zwischen Friesack und Wusterhausen unterwegs. Das Auto überschlug sich und prallte an einen Baum. Der Prinz, der am Steuer saß, und sein Kammerdiener starben. Der Chauffeur auf der Rückbank überlebte leicht verletzt. Ein Denkmal nahe dem Dorf Nackel erinnert an den Unfall.

Mielke empfiehlt auch einen Besuch im Kloster Stift zum Heiligengrabe in der Prignitz. Ein Luftbild der Anlage und Fotos der Gebäude werden gezeigt und ausführlich erläutert. Ebenfalls ausführlich ist ein Gang durch die kleine Stadt Freyenstein beschrieben, mit dem Schloss, den Resten der Wasserburg, der Stadtkirche und einem archäologischem Park in der Nachbarschaft.

Die A24 beschäftigt den Geografen und Biologen Hans-Jürgen Mielke schon länger. Der gebürtige Potsdamer hat auch ein Buch über ihre Geschichte und Entstehung verfasst. Es ist 2015 in der dritten Auflage erschienen.

„A24 Landeskunde entlang der Autobahn Berlin-Hamburg, Teil 1: Brandenburg“, Projekte Verlag Jena, 188 Seiten, 24,90 Euro