Klein Kienitz

Seit zwei Monaten tappt ein Brandenburger Dorf im Dunkeln

Die Straßenlaternen sind seit November abgeschaltet. Kinder laufen mit Taschenlampen zum Schulbus. Kein Einzelfall in Brandenburg.

Die Straßen von Klein Kienitz werden nur von einer Notbeleuchtung versorgt

Die Straßen von Klein Kienitz werden nur von einer Notbeleuchtung versorgt

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Rangsdorf.  Gut, dass momentan Schnee liegt – und in dieser Nacht der Mond so hell scheint. Das ist wenigstens ein Lichtblick in Klein Kienitz, einem 164-Einwohner-Dorf im Kreis Teltow-Fläming.

Den ganzen Winter schon tappen die Klein Kienitzer im Dunkeln. „Wir mussten Mitte November aus Sicherheitsgründen die Straßenlaternen abschalten“, sagt Ortsvorsteher Hans-Jürgen Beyrow betrübt. „Nachdem ein Elektriker feststellte, dass sie unter Spannung standen.“ Hätte jemand den Laternenmast angefasst, wäre das gefährlich gewesen. Er hätte womöglich einen Schlag abbekommen.

Ortsvorsteher gibt alles, damit das Problem gelöst wird

Schuld an dem Defekt sei vermutlich die alte Linde. „Ihre Wurzeln haben offenbar einen Wackelkontakt an einem unterirdischen Stromkabel verursacht.“ Dass das Problem nach zwei Monaten immer noch nicht gelöst ist, liegt nicht an Beyrow, sondern an der ausstehenden Entscheidung, ob die Lampen überhaupt repariert werden können – oder für noch mehr Geld eine komplett neue Straßenbeleuchtung her muss. Die Gemeindevertreter in Rangsdorf wollen ein Gutachten in Auftrag geben. „Es müssen erst einmal ungefähr 5000 Euro bereitgestellt werden, damit alle Laternen überprüft werden, ob sie geerdet sind oder nicht. Denn ein Teil der Laternen wurde zu tief gesetzt“, sagt Beyrow.

Wenn auch nachts kein Licht brennt, so brennt Hans-Jürgen Beyrow für sein Dorf. Er gibt alles, damit das Problem gelöst wird. Bei unserem Besuch im nächtlichen Klein Kienitz wirft sich der 57-jährige Ortsvorsteher nur schnell einen dünnen Mantel über sein schwarzes „The Doors“-T-Shirt. Handschuhe steckt er nicht ein. Los geht’s. Bei gefühlt minus 20 Grad stapfen wir die Straße zur Siedlung hoch. Besser gesagt: Wir tapsen. Es ist glatt und ziemlich duster. Nur aus einigen Fenstern leuchtet Licht und hier und da schimmert noch die Weihnachtsbeleuchtung an den Bäumen. Beyrow schaut in die Dunkelheit und sagt: „Nun stellen Sie sich vor, wie unsere Schüler im Dunkeln in aller Früh runter zur Bushaltestelle an der Dorfstraße hinunterlaufen müssen.“ Immerhin ist das Wartehäuschen beleuchtet. Der Notstrom kommt vom dahinter liegenden Sportplatz.

„Das ist eine Sauerei“

„Einen schönen guten Abend“, grüßt Beyrow. Er streckt dem Anwohner die eiskalte Hand entgegen. Dieter Wilke raucht gerade eine Zigarette vor seiner Tür. Die Schulkinder kommen jeden Morgen an seiner Wohnung vorbei. Mit ihren Taschenlampen. „Das ist eine Sauerei“, sagt der 62-Jährige. „Die tun mir echt leid.“ Er frage sich oft: Was ist, wenn was passiert? „Das kriegt doch keiner mit, wenn sie hier einer wegfängt. Wenn es ihnen so geht wie dem kleinen Elias in Potsdam“, meint Dieter Wilke. Der Mann muss als Kraftfahrer für eine Großbäckerei selbst früh raus, er hat sein Auto aber vor der Tür stehen.

Die Frühschicht von Ortsvorsteher Beyrow beginnt um 6.30 Uhr am Flughafen Schönefeld. Seit 40 Jahren arbeite er schon dort, erzählt er. Zu DDR-Zeiten zunächst als Lagerist, dann in der Küche. Beyrow ist bei einem Catering Service beschäftigt, der mehrere Fluggesellschaften beliefert. Bei den letzten Kommunalwahlen vor gut anderthalb Jahren haben die Klein Kienitzer ihn zum Ortsvorsteher gewählt. Mit 89 Prozent. Darauf ist er stolz. Es macht ihm zu schaffen, dass die Bewohner den ganzen Winter über ohne Beleuchtung auskommen müssen. Zumal sie sich sowieso schon immer benachteiligt fühlen.

Stiefmütterlich behandelt

„Die Klein Kienitzer“, so sagt Bey­row, „hatten schon immer das Eindruck, dass sie stiefmütterlich behandelt werden.“ Vielleicht liege das daran, dass Klein Kienitz der letzte Ort im Landkreis Teltow-Fläming an der Grenze zu Dahme-Spreewald ist, startet er einen Erklärungsversuch. Dieses Gefühl sei tief verzwurzelt, aber selbst Zugezogene würden das auch so empfinden. „Wenn wir was wollten, bekamen wir es oft nicht“, sagt Beyrow. So hätten sie gerne ein Vereinshaus am Sportplatz oder bessere Straßen.

Klein Kienitz ist ein Ortsteil von Rangsdorf. Die Gemeinde im Speckgürtel um Berlin boomt. 2003 hatte Rangsdorf keine 9000 Einwohner, mittlerweile sind es über 10.900. Bürgermeister Klaus Rocher (FDP) sieht das Dorf keineswegs im Nachteil. „Rangsdorf leistet sich vieles, und davon profitieren alle Ortsteile.“ Zum Beispiel sei in den Kitas zusätzliches Personal eingesetzt, über das vom Land vorgegebene Betreuungsverhältnis hinaus. „Natürlich ist die fehlende Beleuchtung in Klein Kienitz misslich“, sagt Rocher. „Die Eltern machen sich Sorgen, auch für Senioren ist das keine gute Situation.“ Vor allem sei es auch eine Sicherheitsfrage. „Viele haben Furcht vor Einbrechern.“

Kostenbeteiligung bei Reparatur oder Neuinstallation nötig

Bei einer Einwohnerversammlung in der Kirche hat der Bürgermeister darauf hingewiesen, dass die Straßenbeleuchtung laut Landesgesetz eine freiwillige Aufgabe der Kommune sei. Er hat den Klein Kienitzern sagen müssen, dass sie sich an der Reparatur und auch im Falle einer Neuinstallation an den Kosten beteiligen müssen.

„Hauptsache, es fällt bald eine Entscheidung“, sagt Daniel Borch. Der 39-jährige selbstständige Maler sieht uns im Mondlicht vor seinem Gartentor stehen. „Unsere zehnjährige Tochter muss jeden Tag im Dunkeln hinunter der Bushaltestelle“, klagt der Vater.

Klein Kienitz ist nicht das einzige Dunkel-Dorf im Land Brandenburg. Auch im Wünsdorfer Ortsteil Neuendorf warten die Bewohner seit Monaten auf Licht. „Der Vertrag wurde im Oktober vorigen Jahres unterzeichnet und der Auftrag ausgelöst“, sagt der Sprecher der Stadt Zossen, Fred Hasselmann. „Ende Dezember sollten die Arbeiten fertig sein.“ Doch leider habe es Verzögerungen gegeben. Die Masten stehen, die Kabel sind verlegt. Aber: „die Leuchtenaufsätze können laut der Firma erst ab fünf Grad plus montiert werden“, sagt Hasselmann. Mehr Glück hatten da die Bewohner anderer Straßenzüge in Wünsdorf. Auch dort war die marode Beleuchtung abgeschaltet worden, zu Weihnachten jedoch wurde es wieder hell.