Speckgürtel

Kleinmachnow will nicht mehr wachsen

Sind maximal 22.000 Einwohner genug? Die Gemeinde Kleinmachnow im Süden von Berlin debattiert über rund 300 neue Wohnungen.

 Stefan Kahstein mit Mutter Ursula Kahstein und Hund Baddi

Stefan Kahstein mit Mutter Ursula Kahstein und Hund Baddi

Foto: Massimo Rodari

Kleinmachnow.  Die meisten Bürgermeister im Berliner Umland sind stolz auf das enorme Wachstum, das ihre Stadt in den vergangenen Jahrzehnten hingelegt hat. Sie tun alles, um noch mehr Bewohner zu locken. Die Nachfrage nach Grundstücken und Häusern ist trotz der gestiegenen Boden- und Immobilienpreise um die Hauptstadt ungebrochen. Ob Potsdam, Falkensee, Teltow oder Stahnsdorf – überall werden weitere Baugebiete erschlossen. Nur Kleinmachnow südwestlich von Berlin will nicht mehr richtig wachsen. Viel lieber klein und überschaubar bleiben, so wie es der Name schon sagt. Deutlich macht das die jüngste Diskussion um ein neues Quartier mit rund 270 Wohnungen nahe der Autobahnauffahrt.

Die Fraktionschefin der Bündnisgrünen in Kleinmachnow, Barbara Sahlmann, warnt: „Mit neuen Wohnungen werden wir ein zusätzliches Verkehrsproblem bekommen.“ Die Infrastruktur müsse angepasst werden. „Kitas, Schulen, Seniorenwohnheime und Parkplätze, an all das muss zusätzlich gedacht werden“, sagt Sahlmann. Mehr Einwohner bedeuteten auch mehr Versiegelung. Das Klimaziel, die CO2-Reduzierung, bliebe auf der Strecke. Die Grünen haben deshalb im Bauausschuss dagegen gestimmt, weiteren Wohnraum in größerem Maßstab zuzulassen.

Gewerbeflächen sollen für den Wohnungsbau bereitgestellt werden

Mehrheitlich segnete das Gremium schließlich aber den Vorschlag ab, vor allem auf Flächen, auf denen bisher nur gewerbliche Nutzungen vorgesehen waren, Voraussetzungen für Wohnungsbau zu schaffen. Ein Grundsatzbeschluss, der nun als nächstes im Hauptausschuss diskutiert werden soll. „Im Dezember wird sich dann voraussichtlich die Gemeindevertretung damit befassen“, sagt Rathaussprecherin Martina Bellack.

Bürgermeister Michael Grubert (SPD) sieht durchaus auch Probleme, wenn die bei Familien sehr beliebte Gemeinde noch stark wächst. Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Fall der Mauer nahezu verdoppelt – von einst rund 11.000 auf heute 20.600 Einwohner. „Eine weitere Verdichtung ist kaum mehr möglich“, sagt Grubert. Etwa 22.000 Bewohner könnte der Ort aber durchaus vertragen. Zumal das neue Wohngebiet außerhalb des Zentrums läge, etwa einen Kilometer vom Rathausmarkt entfernt.

Absage an große Wohnblocks – zugunsten von Einfamilienhäusern

Drei Flächen könnten dafür entwickelt werden, wie auch der Bauausschuss mehrheitlich beschloss. Ein Teil des gemeindeeigenen Gewerbegebietes zwischen Stahnsdorfer Damm und Stolper Weg, dann das verfallene sogenannte Fath-Gelände in Privatbesitz auf der anderen Seite des Stahnsdorfer Damms. Trotz Sicherung durch einen Zaun dient es heute Jugendlichen als Abenteuerspielplatz. Zudem sollen Flächen des Landes gegenüber der Biologischen Bundesanstalt einbezogen werden. „Wichtig ist uns, dass die Planung in einem Guss geschieht“, sagt Rathaussprecherin Martina Bellack.

Entstehen sollen nach den bisherigen Plänen keine großen Wohnblocks, sondern kleine Ein- und Mehrfamilienhäuser mit Gärten. Von den 270 Wohnungen auf einer Gesamtfläche von 43.000 Quadratmeter wären zwei Fünftel Sozialwohnungen, die auf kommunalem Boden entstehen könnten. „Falls die Gemeindevertretung einverstanden ist, würde die Verwaltung im nächsten Jahr die Bebauungspläne für das Gebiet entwickeln“, kündigt Bellack an.

Antworten auf demografische Veränderungen entwerfen

Die neuen Wohnungen sind laut Verwaltung nicht geplant, damit weiteres Geld in die Gemeindekasse fließt. „Seit Längerem befasst sich die Gemeinde mit der Frage, wie auf die sich abzeichnenden demografischen Veränderungen und die zunehmende Nachfrage nach altersgerechtem und barrierefreiem Wohnen regiert werden könne“, heißt es in dem Beschlussvorschlag. Der Bedarf an sozialem Wohnraum könne derzeit nicht gedeckt werden. „Die Nachfrage nach Gewerbeflächen ist derzeit hingegen geringer.“

Kleinmachnower Eltern sind froh, dass sie für ihre Kinder einen Schulplatz haben und neue Kitas entstanden sind. Eine Umfrage der Berliner Morgenpost auf dem Rathausmarkt und in der Nähe des Stolper Wegs ergab: Die meisten sind gegen größere neue Wohngebiete. Der Verkehr habe ohnehin stark zugenommen, ist das Hauptargument. Stephan Kahstein lebt seit 20 Jahren in Kleinmachnow und sagt: „Die Bebauung sollte sich in Grenzen halten, und sie sollte in die Struktur des Ortes mit den vielen Einfamilienhäusern passen.“ Er findet es aber in Ordnung, dass mehr sozialer Wohnraum geschaffen wird. Seine Mutter Ursula Kahstein hat in der Siedlung am Stolper Weg vor einigen Jahren neu gebaut. In der Nähe sollen die 270 Wohnungen entstehen. Sie sagt: „Der Verkehr wird immer schlimmer. Ab 15 Uhr steht man meist im Stau. Wenn noch mehr nach Kleinmachnow ziehen, verschärft sich dieses Problem.“