Kultur

Kreativer Kosmos im Potsdamer Plattenbau

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Gudrun Mallwitz
Ex-Zahnarzt Wolfgang Göritz in seinem Atelier

Ex-Zahnarzt Wolfgang Göritz in seinem Atelier

Foto: Amin Akhtar

Im ehemaligen Rechenzentrum in Potsdams Mitte entsteht ein Haus für Kreativschaffende und Start-up-Firmen. Ein Besuch.

Ihr Büro, das mit der Nummer 417, liegt im obersten Stock. Vom Schreibtisch kann sie auf die Kuppel der Nikolaikirche schauen – und auf das Alte Rathaus mit dem vergoldeten Atlas auf der Spitze. „Man hat von hier aus einen wunderschönen Blick über Potsdam“, sagt Brigitta Bungard. Lediglich 107 Euro zahlt die 39-Jährige im Monat für den Raum, den sie sich mit einem jungen Architekten teilt.

Die Grafikdesignerin gehört zu den Kreativen, die in das Rechenzentrum eingezogen sind, einen Plattenbau im historischen Zentrum. Die Potsdamer Kulturszene darf laut einem Vertrag mit dem städtischen Sanierungsträger zu günstigen Mietpreisen drei Jahre bleiben. Bis das Gebäude der Garnisonkirche weichen muss – sollte sie wieder aufgebaut werden.

Fast alle derzeit zur Verfügung stehenden 115 Räume auf anderthalb Etagen sind belegt. Die große Eröffnungsausstellung im „Kreativ-Kosmos“ ist für diesen Donnerstag ab 18 Uhr bei freiem Eintritt geplant. Benannt ist das „Kosmos-Rechenzentrum“ nach den Mosaiken des DDR-Malers Fritz Eisler an der Plattenbaufassade.

„Das Kreativhaus ist eine tolle Sache“, sagt Brigitta Bungard. „Wohnungen und Gewerberäume sind in Potsdam knapp, da blieb zuletzt kaum mehr Platz für die freie Kunstszene und Start-ups.“ Für den Quadratmeter zahlen alle Mieter laut Vertrag mit dem Sanierungsträger Potsdam sieben Euro brutto warm. Die Räume sind 14 bis 60 Quadratmeter groß.

Bürgermeister Jakobs muss eingreifen

Nach Protestaktionen der sich vernachlässigt fühlenden Kreativszene hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) im Februar zu einem Auftaktgespräch eingeladen. Innerhalb weniger Monaten war die Zwischennutzung des Baus vertraglich festgelegt. Das Land zieht dort bald vollständig aus.

Die Rheinländerin Brigitta Bungard ist auf ungewöhnlichem Weg in Potsdam und im „Kreativhaus“ gelandet. 16 Jahre hat sie in New York gelebt und dort Karriere gemacht: als Assistent Creative Director im Museum of Modern Art, dem MoMA. Womöglich wäre sie immer noch in New York, hätte sie in der U-Bahn nicht einen Potsdamer kennengelernt. „Ein halbes Jahr später ließ ich alles hinter mir und zog nach Berlin“, erzählt sie. Die Grafik- und Kommunikationsdesignerin fand dort wieder einen tollen Job, bei der Agentur Heine/Lenz/Zizka – als Creative Director. Ein Jahr später wurde sie schwanger, mit Zwillingen.

Inzwischen will sie nicht mehr zwischen Potsdam und Berlin pendeln. Sie hat sich selbstständig gemacht, derzeit arbeitet sie unter anderem für die „Hamburger Kunsthalle“. Birgit Bungard sagt: „Hier kennt jeder irgendwie jeden in der Kulturszene.“ Eine Freundin hatte ihr den Tipp mit dem Büro gegeben: Anja Engel. Sie ist im Auftrag des Betreibers SPI, der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin, die Kulturmanagerin des „Kreativhauses“. Privat singt sie in der Band Fosbury Flop. Als wegen eines Wohnbauprojektes die Proberäume in der Alten Brauerei wegfielen, gründete sie die „Kulturlobby Potsdam“ mit. Ohne die Initiative gäbe es den „Kreativ-Kosmos“ heute nicht.

Anja Engels Drummer wollte sich im Kunst-und-Start-up-Quartier gerne ein Büro mit jemandem teilen, was mit Brigitta Bungard klappte. Robert Saling – Musiker, Architekt und Heilerziehungspfleger – hat vor etwa einem Jahr sein Architekturstudium beendet. Derzeit sitzt der 34-Jährige über einem Auftrag für barrierefreies Wohnen. „Mein neuer Arbeitsplatz liegt super zentral und bietet mir die Möglichkeit, mit verschiedenen Menschen zusammenzukommen, die kreativ sind“, schwärmt er über seinen Arbeitsort.

Papier als Leidenschaft

Nebenan, im Raum 417, faltet Beatrix Behrens im Stehen eine Schachtel aus Graupappe. „Papier war schon immer meine Leidenschaft“, sagt sie. Auf die Graupappe kommt feines Buchbinderpapier aus Italien und Japan. Die Ankleiderin am Hans-Otto-Theater verkauft ihre bunten Schachteln auf Märkten. Einige Türen weiter stellt Wolfgang Göritz gerade Bilder für die geplante Eröffnungsausstellung zusammen. Er malt gern großformatige Porträts in Acryl.

In seinem kleinen Atelier hat er es sich gemütlich eingerichtet. Mit einem braunen Ledersessel und einem roten Teppich. Früher war der Mann mit dem Vollbart Zahnarzt in Schleswig-Holstein. „Als ich mit 63 aufhörte, begann ich zu malen“, sagt er. Schon als Kind wollte er Maler werden. Doch seine Eltern brachten ihn dazu, „etwas Solides“ zu lernen. Göritz, der sich den Raum mit seinem Sohn teilt, freut sich auf den Austausch mit anderen Künstlern.

Im Anbau sitzt an diesem Nachmittag Kulturmanagerin Anja Engel mit dem Kunsthistoriker André Tomczak von der „Kulturlobby“ zusammen – im „Entwicklungsraum“. Dort ist ab Donnerstag die Ausstellung zu sehen. Beide wirken so gar nicht aufgeregt, sondern einfach nur glücklich. „Jetzt geht das Experiment richtig los“, sagt Engel. „Bisher führten die Potsdamer Künstler ein Nomadendasein, das frisst Ressourcen. Wir hoffen deshalb, dass das Haus über die vereinbarten drei Jahren hinaus ein Ort für Kreativschaffende bleibt.“

Und Tomczak meint: „Das Heute verschwindet vor dem riesigen Stück Ewigkeit des Potsdamer Kulturreichtums.“ Das aber werde sich jetzt ändern.