Berlin/Potsdam

Silvio S. im Gefängnis verprügelt

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Andreas Gandzior;Gudrun Mallwitz

Hunderte Potsdamer gedenken der getöteten Kinder Mohamed und Elias

Berlin/Potsdam.  Hunderte sind gekommen, um Elias zu gedenken. Sie zünden am Dienstagabend Kerzen für den getöteten Sechsjährigen an, beten für ihn, schweigen für ihn. Hier, vor dem Bürgerhaus im Potsdamer Plattenbaugebiet Am Schlaatz hatten die freiwilligen Helfer den Sommer über ihre Einsatzzentrale aufgebaut, von hier zogen nach seinem Verschwinden am 8. Juli Tag für Tag die Suchtrupps los. Es war ein Ort der Hoffnung, jetzt ist es ein Ort der Trauer.

„Wir haben zusammen gesucht, jetzt trauern wir zusammen“, sagt Gabi Franz, die den beispiellosen Helfereinsatz maßgeblich koordiniert hat. „Das hilft, es gibt nichts Schlimmeres, als in der Trauer allein zu sein.“ Sie umarmt eine Freundin, die neben ihr weint.

Es wird eine stille, eine würdige Feier. Für Elias aus Potsdam, aber auch für den vierjährigen Flüchtlingsjungen Mohamed aus Berlin. Beide Kinder waren vom gleichen Mann umgebracht worden. „Wir zünden eine Kerze auch für das Mädchen an, für das wir noch Hoffnung haben, für Inga“, sagt einer der beiden Geistlichen. Ein kleiner Junge dreht sich in diesem Moment zu seiner Mutter um und fragt verwundert: „Ist die denn auch weg?“ Es ist schwer, das alles zu verstehen. „Unser Mitgefühl gilt in erster Linie den Angehörigen, der Familie, der Mutter“, versichert Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs. „Wir stehen hier bestürzt und fassungslos über die Grausamkeit dieser Taten.“

Mutmaßlicher Kindermörder durch Faustschläge verletzt

Der 32-jährige Silvio S. aus dem brandenburgischen Dorf Kaltenborn im Kreis Teltow-Fläming hatte vorige Woche gestanden, Mohamed und Elias umgebracht zu haben. Er war am Donnerstag verhaftet worden. Wie jetzt bekannt wurde, hat ihn ein Mithäftling am Sonntag in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit in Berlin verprügelt. Das bestätigte am Dienstag eine Justizsprecherin.

Demnach wurde Silvio S. während einer Freistunde im Hof am vergangenen Sonntag in Begleitung von zwei Wachen von einem anderen Häftling attackiert. Die Beamten griffen sofort ein. „Sie konnten aber nicht verhindern, dass der mutmaßliche Mörder durch die Faustschläge leicht verletzt wurde“, so die Sprecherin. Gegen den Angreifer wird nun wegen Körperverletzung ermittelt. Silvio S. sitzt in Untersuchungshaft. Auf Rechnern des mutmaßlichen Doppelmörders sind inzwischen auch Kinderpornos entdeckt worden. Ermittler hatten die Computer bei der Durchsuchung der Wohnung im Elternhaus in Kaltenborn beschlagnahmt.

Der Vater hatte Silvio S. auf Bildern einer Überwachungskamera eines Geschäfts an der Stromstraße in Moabit erkannt. Die Mutter stellte ihn zur Rede, und er gestand ihr, den Flüchtlingsjungen Mohamed getötet zu haben. Daraufhin informierte sie die Polizei.

Wann der mutmaßliche Doppelmörder in die Haftanstalt Brandenburg an der Havel überführt wird, ist noch unklar. Dies solle „zeitnah“ geschehen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Potsdam. Neue Details zu den Ermittlungen wurden nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft hat am Montag die Ermittlungen in den beiden Mordfällen von der Berliner Behörde übernommen, weil beide Jungen in Brandenburg getötet wurden. Silvio S., der bei einem Teltower Wachschutzunternehmen arbeitete, hatte den kleinen Mohamed am 1. Oktober vor dem überfüllten Lageso-Gelände entführt. Er gestand, ihn sexuell missbraucht und dann erdrosselt zu haben. Wie Elias gestorben ist, dazu machte er bislang keine Angaben. Er beschrieb den Ermittlern aber, wo er Elias’ Leichnam vergraben habe. Sie fanden ihn in einem Kleingarten in Luckenwalde.

„Bisher haben wir keine weitere Aussage des Mannes“, sagte der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange. Im Vordergrund stehe nun die Rekonstruktion des Mordes an Elias. Erst dann könne ein erweiterter Haftbefehl beantragt werden. Die Ermittler stehen wegen der seit sechs Monaten vermissten Inga aus Sachsen-Anhalt weiter in Kontakt mit den Fahndern in Berlin und Brandenburg. Es gebe aber keinen Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Ermordung der Jungen, teilte die Polizei in Magdeburg mit. Das Mädchen aus Schönebeck im Salzlandkreis war Anfang Mai mit fünf Jahren in einem Wald bei Stendal verschwunden. Nach Angaben seiner Anwälte hat Silvio S. bisher keine weiteren Taten eingeräumt. „Er hat gesagt: Es gibt keine weiteren Opfer“, sagte sein Anwalt Mathias Noll aus Potsdam.

Der kleine Mohamed soll in den nächsten Tagen nach islamischem Ritus in Berlin beerdigt werden, wie seine Familie mitteilen ließ. Das Geld für die Beerdigung ist über eine Stiftung und durch Spenden zusammengekommen. Wann die Obduktion von Elias abgeschlossen sein wird, ist noch offen.

Unterdessen tragen sich immer mehr Menschen in ein Kondolenzbuch am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ein. „Lieber Mohamed, es ist unfassbar, was Dir angetan wurde. Mögest Du in Frieden ruhen!“ – so wie in diesem Eintrag, drücken viele andere ihr Entsetzen und ihr Mitgefühl zum Tod des vierjährigen Flüchtlingsjungen aus. Auch im Rathaus von Luckenwalde liegen Kondolenzbücher für die ermordeten Kinder aus – und im Bürgerhaus Am Schlaatz. Elias war in dem Stadtteil zu Hause.

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