Wettbewerb

Ein Sieger ohne Kneipe, Kita und Schule

Der brandenburgische Ort Sauen gewinnt den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Mit Schweinen hat der Ort aber nichts zu tun.

Sauen.  Auch wenn der Ortsname es auf den ersten Blick nicht vermuten lässt: Sauen (Landkreis Oder-Spree) ist ein wahres Schmuckstück – ein typisches brandenburgisches Angerdorf mit Feldsteinkirche, Kopfsteinpflaster, Gutshof und sauberen Anwesen in Feld- und Backstein-Optik. Alles wirkt tipptopp gepflegt, kein Gehöft steht leer oder macht einen vernachlässigten Eindruck. „Der Ortsname Sauen kommt aus dem Wendischen und bedeutet Eule. Mit Schweinereien haben wir nichts zu tun“, stellt Anwohnerin Karen Leppin klar. „Eulennest e.V.“ nennt sich so auch der Dorfverein, unter dessen Regie das Leben in Sauen steht – vom Osterfeuer bis zum Weihnachtsbaumschlagen.

Der sorgsame Umgang mit der historischen Bausubstanz sei es vor allem, mit dem das Dorf beim Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ punkten konnte, glaubt der stellvertretende Ortsvorsteher Hartmut Noppe (parteilos). „Wir waren zwar der kleinste Ort unter den 20 Brandenburger Bewerbern, aber wir sind mit unseren 90 Einwohnern eben noch ein richtiges Dorf, wo der Zusammenhalt zählt. Wir ziehen alle an einem Strang“, sagt er. Von den 14 Dörfern der Gemeinde Rietz-Neuendorf sei Sauen der Ort mit der konstantesten Einwohnerzahl über Jahre, sagt Bürgermeister Olaf Klempert (parteilos) stolz. Durchaus wünschten sich die Sauener mehr Zuzug, meint Noppe. „Allerdings haben wir gar keine freien Gebäude, nur noch ein paar leere Grundstücke am Ortsrand“, muss er zugeben.

Und die historische Dorfstruktur soll möglichst erhalten bleiben. Die Tendenz zur Rückkehr nach Sauen sei allerdings unverkennbar. „Die Jugendlichen, die zu Ausbildung oder Studium in die Ferne zogen, kommen vermehrt wieder nach Hause“, hat Leppin beobachtet. Ohnehin nähmen die Sauener weite Wege zur Arbeit, zu Kita, Schule und der nächsten Einkaufsmöglichkeit in Kauf, um weiter in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft leben zu können. Im Ort selbst gibt es nur zwei Handwerker und die Agrarprodukte eG mit neun Mitarbeitern. Sie speist unter anderem die Biogasanlage, die wiederum zehn Gebäude im Dorf mit Wärme versorgt. Andere Sauener nutzen Holzvergaser und Solarstrom, erzeugt auf dem eigenen Dach, erläutert der stellvertretende Ortsvorsteher.

Was in Sauen auch sofort ins Auge fällt, sind die mächtigen alten Eichen entlang der Dorfstraße. Sie gehen auf den aus Hessen stammenden und lange Zeit in Berlin arbeitenden Mediziner August Bier zurück. In der Sommerfrische von Sauen ging er seiner zweiten Leidenschaft, der Forstwirtschaft nach. Bier kaufte 1912 das Gut Sauen mit Hunderten Hektar Kiefernheide, die er zu einem standortgerechten Mischwald umgestaltete. Seitdem wird der 1949 in Sauen gestorbene Wissenschaftler als Pionier des Waldumbaus verehrt. Seine Erben gründeten nach der politischen Wende die August-Bier-Stiftung, die den Sauener Vorzeige-Wald bewirtschaftet und weiterentwickelt, wissenschaftliche Tagungen veranstaltet und für Wald-Führungen von Besuchern einen speziellen Audioguide entwickelt hat.

„Sauen ist ein stolzes Dorf mit selbstbewussten Bürgern, die mit ihrer Begeisterung für ihre Heimat das eigentlich Zukunftsträchtige des Ortes ausmachen“, sagt Bier-Enkel Conrad August Baldamus, der mit seiner Frau seit zehn Jahren selbst im Ort wohnt und im Vorstand der Stiftung arbeitet. Auf die Sauener sei Verlass, sie gingen aufeinander zu und fänden immer eine Lösung, hat der Mediziner im Ruhestand erlebt. Verbesserungsmöglichkeiten sehen Noppe und Klempert indes noch bei der Kooperation mit den Berliner Kunsthochschulen, die im sanierten Gutshof von Sauen eine Residenz für Veranstaltungen haben. „Die Studenten, die aus Berlin her kommen, lassen hier manchmal wirklich die Sau raus“, deutet der Vizeortsvorsteher an.

Ihre Kreativität könnten die jungen Leute doch eher in die weitere Verschönerung des Dorfbildes stecken, ergänzt Klempert. Zunächst aber gilt es zu beratschlagen, wie die 10.000 Euro Preisgeld möglichst im Sinne der Dorfgemeinschaft verwendet werden sollen.