Angermünde

Der Brandenburger Häuslebauer

Prüfstatiker Bernd Heidenreich hat ein Modulhaus erfunden, das in Stunden auf- und abgebaut ist

Angermünde.  Ein eigenes Haus? „Nichts für uns.“ Darin waren sich Bernd und Kathleen Heidenreich einig. Mit einer Immobilie sei man an einen Standort gebunden, auch an die Quadratmeterzahl. „Und das oft ein Leben lang – obwohl sich im Schnitt alle 25 Jahre die Lebenssituation ändert“, sagt Bernd Heidenreich. „Erst kommt der Nachwuchs, dann wird er flügge. Erst benötigt man viel Platz, dann weniger.“

Dass die Heidenreichs heute doch in einem Eigenheim wohnen, hängt mit der Erfindung von Bernd Heidenreich zusammen: Der Prüfstatiker hat einen Haustyp konstruiert, dessen Größe sich variabel verändern lässt, „abhängig von den Bedürfnissen des Bewohners“. Seine Idee hat sich der 58-Jährige mittlerweile in den USA und Mexiko patentieren lassen. Seit 2011 läuft der Patentantrag für Europa. Im Gewerbegebiet in Angermünde haben die Heidenreichs eine Produktionshalle hochgezogen, mit Unterstützung des Landes Brandenburg 830.000 Euro in den Standort investiert. Seit Februar produzieren sie dort ihr Modulhaus in Serie.

Auch ein Hotel mit Wellnessbereich ist denkbar

Heidenreichs aktueller Auftrag: ein Erweiterungsbau für ein Hotel in Angermünde, der Platz bietet für einen Wellnessbereich und weitere Gästezimmer. Heidenreichs Konzept hat den Inhaber überzeugt. Sollte der Tourismusstandort Uckermark mal nicht mehr so gefragt sein, könne der Hotelier die zusätzlichen Zimmer einfach wieder abbauen oder Wohnungen daraus machen, erläutert Heidenreich sein Baukastenprinzip. Die Bauteile für Wände und Decke – alle in Form von gleichschenkligen Dreiecken – könnten nicht nur leicht zusammengefügt, sondern auch problemlos wieder demontiert werden. „Nichts wird gegossen, nichts gemauert“, erklärt Heidenreich.

Sogar auf eine Bodenplatte als Fundament verzichtet er, auch den Unterbau seines Modulhauses setzt er aus einzelnen Elementen zusammen. „Das gesamte Haus kann innerhalb weniger Stunden wieder demontiert und per Tieflader zu einem neuen Standort transportiert werden“, erzählt Heidenreich. Was ihn selbst begeistert: „Wenn Kinder ihr Elternhaus verlassen, selbst ein Haus bauen, können sie Module des Elternhauses einfach mitnehmen und daraus die eigenen vier Wände an neuer Adresse errichten.“

Acht Jahre ist es her, seit die Heidenreichs die erste Skizze für das Modulhaus innerhalb einer halben Stunde aufs Papier kritzelten. „Auf dem Balkon eines Hotelzimmers, beim Urlaub in Portugal“, erinnert sich Kathleen Heidenreich. Sie ist es, die das „Wohnen im Heidenreich“ mit Bleistift und Lineal in eine exakte technische Zeichnung umsetzte. Auf einem Grundstück in Sandkrug (Landkreis Barnim) errichtete das Paar einen Prototypen, einen Würfelbau mit Glaskuppel über dem Atrium – und zog selbst dort ein. „Nun haben wir doch ein eigenes Haus“, sagt Kathleen Heidenreich. „Zur Kontrolle“, fügt die 50-Jährige hinzu, „damit wir feststellen, was wir vielleicht noch verändern können am Konzept“. Ständig würden sie an Verbesserungen knobeln, einiges ausprobieren, wieder verwerfen, ergänzt Bernd Heidenreich.

Das zweite Haus sei technisch schon anspruchsvoller geworden. Darin wohnt nun der Sohn. Der gelernte Zimmermann und Bauwesen-Student habe das Haus zusammen mit Freunden binnen zwei Tagen in Dobberzin, einem kleinen Dorf bei Angermünde, aufgestellt, sagt Vater Heidenreich stolz. Eine neue Dämmung, eine besondere Luft-Wasser-Wärmepumpe und Wandheizungen haben die Gründer hier getestet – und reichlich Federn gelassen. „Bei diesem Bau haben wir uns wirtschaftlich völlig verkalkuliert.“

Schlaflose Nächte aus Sorge vor den finanziellen Konsequenzen

Daraus haben sie gelernt: Beim dritten Bauprojekt, der eigenen Produktionshalle inklusive Büro in Angermünde, klappte alles wie am Schnürchen. „Man muss eben einen langen Atem haben“, meint Bernd Heidenreich. Dass er manche Nacht nicht gut geschlafen habe aus Sorge, sich übernommen zu haben, gibt der Mann mit dem grau melierten langen Haar unumwunden zu.

Parallel habe er sein Büro als selbstständiger Prüfstatiker weitergeführt. „Sonst hätten wir das Modulhausprojekt nicht stemmen können.“ Mittlerweile hat Heidenreich ein Team aus sechs Leuten, das die Hausbauteile fertigt und anschließend beim Kunden montiert. „Alle kommen aus verschiedenen Berufen“, sagt Heidenreich. Dachdecker, Tischlermeister, Schlosser, Maurer. „Alle müssen jede Aufgabe im Produktionsprozess übernehmen können, vor allem aber müssen sie alle mitdenken.“ Immer noch werde getüftelt, nach dem Optimum gestrebt. Bauelemente für Häuser mit einer Fläche von 500 Quadratmetern hat er in der Halle gelagert. „Wir passen uns den Wünschen der Kunden an.“ Die reichen vom Garten- übers Ferienhaus bis zum Kindergarten- oder Turnhallenbau. „Die Kosten sind nicht höher als bei einem herkömmlichen Hausbau.“

Eigentlich möchte der 58-Jährige in Angermünde nur noch produzieren und die Häuser von einem Kooperationspartner montieren lassen, „bislang haben wir aber noch nicht den richtigen gefunden“. Was ihn grämt. Er braucht Zeit, um neue Projekte voranzutreiben – wie das geplante Stadthaus, das im Unterschied zum jetzigen Modulhaus mehrstöckig werden soll. In Eberswalde will er das erste Haus dieses Typs hochziehen, ein Grundstück hat er schon gekauft. Die Stadthäuser seien auch eine Alternative, um schnell Flüchtlinge unterbringen zu können, sagt Heidenreich. Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat er deswegen angeschrieben, ebenso Brandenburgs Ministerpräsidenten. Auf ein Echo wartet er noch.