Nikolaikirche Potsdam

Fast 240.000 Euro abgezweigt - Ex-Kirchenrat verurteilt

Wer den Turm der Nikolaikirche besteigen will, muss ein Ticket aus dem Automaten ziehen. Bei den Einnahmen griff ein kräftig Kirchenrat .

Die von Schinkel erbaute Nikolaikirche in Potsdam: Eintrittsgelder leitete der Gemeindekirchenrat um

Die von Schinkel erbaute Nikolaikirche in Potsdam: Eintrittsgelder leitete der Gemeindekirchenrat um

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Das weltliche Urteil ist nun gesprochen: Gegen Joachim U., ehemaliger Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Potsdamer Nikolaikirche, wurde am Mittwoch von einer Potsdamer Amtsrichterin wegen veruntreuender Unterschlagung eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verhängt. Richterin Reinhild Ahle sagte bei ihrer Urteilsbegründung, der Anklagevorwurf habe sich in vollem Umfang bestätigt.

Der 53-Jährige hatte gleich zu Beginn des Prozesses ein umfassendes Geständnis abgelegt. Es ging um eine Summe von 237.527 Euro und 94 Cent aus dem Ticketautomaten für die Turmbesteigung der Potsdamer Nikolaikirche, die er in die eigene Tasche steckte. „Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage“, sagte Joachim U., der neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Gemeindekirchenrates auch als ehrenamtlicher Geschäftsführer der Nikolaigemeinde fungierte.

Als Grund für seine kriminellen Handlungen nannte der Angeklagte eine „finanzielle Schieflage“, in die er geraten sei. So habe er ein Haus und ein Auto abzahlen müssen, außerdem habe er seine Kinder finanziell unterstützt. „Es war aber nie ein Automatismus, es war immer ein Kampf zwischen schlechtem Gewissen und finanzieller Notwendigkeit“, beteuert U. Seit seiner Jugend sei er engagierter Christ.

Die Taten selber waren für ihn leicht zu bewerkstelligen. Joachim U. verfügte als Geschäftsführer über die Schlüssel zu den Eintrittskartenautomaten, an denen Besucher für fünf Euro Tickets für die Aussichtsplattform der Nikolaikirche kaufen können. Zu Joachim U.s Aufgaben gehörte es auch, die Automaten zu leeren und die Einnahmen zur Bank zu bringen. Kontrolliert wurde er nicht. Ein Vier-Augen-Prinzip wurde erst nach der Selbstanzeige und einem Hinweis des kirchliche Rechnungshofes eingeführt. „Ihnen wurde es leicht gemacht, niemand hat Sie kontrolliert“, stellte dann auch Richterin Ahle fest.

Im Juli 2013 selbst angezeigt

Zwischen Juli 2009 und Juli 2013 griff Joachim U. – von Beruf Finanz- und Versicherungsmakler – immer wieder zu. Etwa 160.000 Euro hatte er nach eigener Aussage auf sein Konto eingezahlt und mittlerweile verbraucht. Weitere Gelder, so Joachim U., habe er anderweitig verwendet. Einen genauen Überblick hat er nicht.

Joachim U. hatte sich im Juli 2013 selbst angezeigt, sich dem Gemeindepfarrer Matthias Mieke offenbart und parallel alle kirchlichen Ämter niedergelegt. Die Enttäuschung in der Gemeinde und bei seinen engsten Mitarbeitern war riesengroß. „Er besaß größtes Vertrauen“, sagte Pfarrer Mieke in einem Interview. Umso schmerzlicher sei jetzt der Vertrauensverlust. „Mit einem solchen Grad der Vertuschung, über Jahre betrieben, hat keiner von uns gerechnet.“ Habe sich Joachim U., der fast täglich ehrenamtlich für die Gemeinde tätig gewesen sei, doch auch sehr um die Sanierung des Gotteshauses gekümmert – ein Projekt von mehreren Millionen. Dazu gehörte auch die Aussichtsplattform, die 2009 eröffnet wurde. Die von den Besuchern gezahlten Gelder waren als Grundstock für die Tilgung des für die Sanierung aufgenommenen Kredits gedacht. Genau dort hatte er sich bedient.

Joachim U. sagte am Ende des Prozesses, er bereue das alles „aus tiefstem Herzen“. Und er sei „froh, dass nun alles geklärt ist“. Auch Pfarrer Mieke zeigte sich erleichtert, dass der Fall nun abgeschlossen ist. Geblieben sei jedoch „große Traurigkeit und Enttäuschung“. Und auch die finanzielle Misere ist mit diesem Urteil ja nicht behoben. „Dieses Geld fehlt uns im Haushalt“, sagte der Pfarrer.