Hauptstadtflughafen

Vor Ort: Aufsichtsrat sieht BER-Starttermin nicht gefährdet

Heute berät der Aufsichtsrat über die Krise. Brandenburgs Flughafenkoordinator hält trotz des Baustopps an der Eröffnung in 2017 fest.

Die Baubehörde hat wegen möglicher Statikprobleme die Arbeiten in der Haupthalle des Terminals gestoppt. Sie dürfen erst wieder aufgenommen werden, wenn ein Prüfingenieur die Standsicherheit nachgewiesen hat

Die Baubehörde hat wegen möglicher Statikprobleme die Arbeiten in der Haupthalle des Terminals gestoppt. Sie dürfen erst wieder aufgenommen werden, wenn ein Prüfingenieur die Standsicherheit nachgewiesen hat

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Der neue Hauptstadtflughafen kann aus Sicht des Aufsichtsrat trotz des Baustopps im zweiten Halbjahr 2017 eröffnen. „Ich glaube nicht, dass der Eröffnungstermin durch diese Havarie gefährdet wird“, sagte der Brandenburger Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag.

Vize-Aufsichtsratsvorsitzender Bretschneider (SPD) sagte auf dem Weg zur Sitzung, die Statikprobleme seien Sturm im Wasserglas. Die eingebauten zu schweren Ventilatoren seien ein Fehler, der entdeckt worden sei und behoben werde. "Wenn wir Pech haben, finden wir noch 15 weitere Fehler", sagte er.

Zu Diskussionen über einen Plan B für den BER, sagte Bretschneider: "Die Grundsatzfrage nach diesem Flughafen zu stellen,halte ich für falsch." Doch dies wollen Fluglärmgegner, die vor dem Verwaltungsgebäude, in dem der Aufsichtsrat tagt, demonstrierten: "Milliardengrenze BER stoppt den Wahnsinn - neuer Standort jetzt", so ihre Forderung.

Der Aufsichtsrat der Berlin-Brandenburger Flughafengesellschaft berät an diesem Freitagvormittag über die aktuelle Krise am neuen Hauptstadtflughafen. Dort gilt seit Montag ein Baustopp, weil sich herausgestellt hat, dass die Rauchgasventilatoren im Terminaldach schwerer sind als in den Plänen angenommen.

Nicht alle Ventilatoren viel zu schwer

Große Bereiche im Terminal des Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld könnten in den kommenden Tagen wieder freigegeben werden. Davon gehe zumindest die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) aus, sagte der Staatssekretär in der Stadtentwicklungsverwaltung, Engelbert Lütke Daldrup, am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist Mitglied des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft. Der Vorsitzende des Kontrollgremiums, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), nahm an der Plenarsitzung wegen der Ministerpräsidentenkonferenz nicht teil.

Von den 15 Lüftern, die im Terminal zur Sicherung gegen Rauchgas eingebaut wurden, hätten zehn ein Gewicht von jeweils 2300 Kilogramm, so der Staatssekretär auf Anfrage der SPD-Fraktion. Das sei eine lediglich geringe Überschreitung des in den statischen Berechnungen angenommenen Gewichts von 2000 Kilogramm. Fünf Lüfter weisen hingegen, wie bereits berichtet, ein Gewicht von mehr als vier Tonnen auf. Die Bühnen, auf denen diese montiert sind, seien statisch unterdimensioniert, schilderte Lütke Daldrup. Die Dachstatik sei von der FBB bereits nachberechnet worden. Diese werde derzeit von einem Statikbüro geprüft.

Auswirkungen auf Eröffnungstermin nicht ausgeschlossen

Die Flughafengesellschaft erwarte, dass die Bereiche rund um die zehn leichteren Lüfter in den kommenden Tagen von der Bauaufsicht freigegeben werden können. Bei den fünf erheblich zu schweren Geräten könne die Freigabe bis zu vier Wochen dauern, räumte Lütke Daldrup ein. Ob das Auswirkungen auf den für Herbst 2017 geplanten Eröffnungstermin hat, lasse sich derzeit nicht abschätzen.

Das Zeitfenster zwischen vorgesehener baulicher Fertigstellung im Sommer 2016 und geplanter Eröffnung von zwölf und mehr Monaten erscheine ihm aber „auskömmlich“. Der Staatssekretär betonte, bei dem nun aufgetauchten Statikproblem handele es sich „im Kern“ um eine Altlast aus dem Jahr 2012. Eine Einsturzgefahr des Terminaldachs bestehe indes nicht.

Alle erkannten Probleme werden nachgearbeitet

Die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald hatte am Montag einen kompletten Baustopp unter dem Dach des BER-Terminals verhängt. Sie verlangt einen Standsicherheitsnachweis, ehe sie den Baustopp teilweise aufhebt. Landrat Stephan Loge (SPD) sagte am Donnerstag der Berliner Morgenpost: „Ich gehe davon aus, dass wir den Prüfbericht zeitnah bekommen. Danach werden wir entscheiden, ob zumindest eine Teilfreigabe des Terminals möglich ist.“

Die Geschäftsführung der Flughafengesellschaft müsse an diesem Freitag in der nächsten Aufsichtsratssitzung ausführlich zu diesen Sachverhalten Stellung nehmen, sagte Lütke Daldrup als Mitglied des Kontrollgremiums. Alle erkennbaren und erkannten Probleme würden nachgearbeitet. Bei der komplexen Technik am BER sei aber nicht auszuschließen, dass bei Nachbearbeitungen weitere „Überraschungen“ auftreten. Die Situation sei aber wesentlich transparenter als etwa vor einem Jahr.

Flughafenchef schließt weitere Probleme nicht aus

Auch Flughafenchef Karsten Mühlenfeld schließt weitere Probleme nicht aus. „Ich bin mir sicher, dass wir auch künftig auf Vorgänge aus der Vergangenheit stoßen, die auf den ersten Blick unfassbar erscheinen“, so Mühlenfeld in einer Mitteilung. Aber man müsse die Fehler der Vergangenheit „ans Tageslicht holen, um die BER-Eröffnung realisieren zu können“. Es sei „keine Frage, dass wir derzeit in einer schwierigen Projektphase sind.“ Die Gesellschaft werde den BER auf eine genehmigungsrechtlich verlässliche Basis stellen. Darüber hinaus habe man sich „im Zuge der bei der Cottbuser Staatsanwaltschaft anhängigen Betrugsermittlungen am Montag dieser Woche von einem langjährigen Mitarbeiter getrennt.“ Dabei handelt es sich um den Mann, der von Siemens überhöht gestellte Rechnungen „durchgewunken“ hat. Siemens hatte vor einigen Wochen gegenüber der Staatsanwaltschaft Cottbus die Möglichkeit von Überzahlungen eingeräumt.

Modulleiter mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden

Am Mittwoch hatte die FBB außerdem bekannt gegeben, dass sie wegen der Statikprobleme einen verantwortlichen Mitarbeiter des BER-Projekts mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden habe. Frank Röbbelen, bislang zuständig für Planung und Vertragsmanagement und seit Februar 2014 bei der FBB, übernehme die Funktion des Modulleiters Fluggastterminal. Flughafenchef Mühlenfeld sagte: „Wir sehen uns zu diesem Schritt gezwungen, weil wir sicher sind, dass wir mit Frank Röbbelen derart komplexe Themen künftig besser und transparenter managen können. Mit ihm übertragen wir im Bereich von Technikchef Jörg Marks die Verantwortung für das BER-Hauptterminal einem gestandenen Bauprofi.“ Die staatsanwaltlichen Vorermittlungen wegen möglicher Baugefährdung begrüßte Mühlenfeld.

Eine parlamentarische Anfrage mit Hintersinn stellte der Vorsitzende des Flughafen-Untersuchungsausschusses, Martin Delius (Piratenpartei): „Wurde und wird bei Aufsichtsratssitzungen der Flughafengesellschaft Alkohol konsumiert?“ Und: Wurden danach Beschlüsse gefasst? Aufsichtsratschef Müller antwortete: Grundsätzlich würden keine alkoholischen Getränke konsumiert. „Allerdings gibt es aus besonderen Anlässen hierzu auch Ausnahmen.“ Beispiel Weihnachtsessen. „Beschlüsse des Aufsichtsrates“, so Müller jedoch abschließend, „werden in diesem Rahmen nicht gefasst.“ Delius hatte wohl anderes befürchtet.