Geschichte

Auf der Spur von Deutschlands erster Moschee

Vor 100 Jahren wurde in Wünsdorf Deutschlands erstes islamisches Gotteshaus eingeweiht. Es entstand mitten in einem Gefangenenlager.

Foto: x / BM

Die Postkarte ist einer dieser Glücksfunde, auf die Historikerin Heike Liebau immer wieder hofft. Die Berliner Straße in Zossen ist darauf abgebildet, eine Häuserreihe. Ein Pfeil zielt auf eines der Fenster. "Hier wohne ich", notierte der Kartenschreiber.

Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Wenn auf der Karte nicht auch eine Gruppe von Männern zu sehen wäre: Kriegsgefangene, die vermutlich ins sogenannte Halbmondlager in Wünsdorf gebracht wurden, wie die Berliner Südasienwissenschaftlerin erklärt. Während des Ersten Weltkrieges internierte das Deutsche Reich rund 17.000 Gefangene in zwei Sonderlagern – dem Halbmondlager in Wünsdorf und dem Weinberglager in Zossen. Überwiegend Muslime aus den britischen und französischen Kolonien.

Artikel über Fluchtversuche von Gefangenen

Seit September 2013 beschäftigt sich Heike Liebau mit der Frage, wie Menschen in Kriegsgefangenschaft Heimweh und Hoffnungslosigkeit bewältigten, wie die Kriegsgefangenen in Wünsdorf und Zossen mit einem Lichtblick auf Rettung umgingen. "Die Quellenlage ist schwierig", musste Liebau feststellen. Obwohl das Garnisonmuseum in Wünsdorf die Geschichte beider Lager aufbereitet und ausgestellt hat. Das "Teltower Kreisblatt" erwies sich schließlich als gute Quelle. "In Artikeln wurde über Fluchtversuche von Gefangenen berichtet – beispielsweise vom Eisenbahngelände in Sperenberg oder aus der Firma Flöter."

Die Königlich Phonographische Kommission, 1915 vom preußischen Kulturministerium initiiert, hielt außerdem Sprache und Musik der Gefangenen fest. Zusätzlich hofft Liebau auf den Zufall. Auf Zossener, die in Tagebüchern oder Aufzeichnungen ihrer Familie auf Hinweise zu den Lagern stoßen. In diesem Sommer haben die Freie Universität Berlin und das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege das Thema wieder in deren Bewusstsein gerückt: Archäologen gruben im Juli einige Wochen lang auf dem Areal des einstigen Wünsdorfer Halbmondlagers.

Dort sollen jetzt Flüchtlinge untergebracht werden

Auslöser für die Arbeiten: die Pläne des Landes, dort Container für 1200 Flüchtlinge aufzustellen. Genau dort, wo einst die erste Moschee Deutschlands stand. Damals in nur fünf Wochen von einer Charlottenburger Firma im Auftrag der Heeresverwaltung errichtet, wurde der Leichtbau aus Holz mit 25 Meter hohem Minarett am 13. Juli 1915 inmitten des Halbmondlagers eingeweiht. Das islamische Gotteshaus sollte bis zu 400 Gläubigen Platz bieten. Der rot, grau und elfenbeinfarben gestrichene Holzbau, dem Felsendom in Jerusalem nachempfunden, wurde mit nach Mekka ausgerichteter Gebetsnische und gefliestem Raum für die rituelle Totenwaschung ausgestattet. "Deutschland ging es darum, seine Position in der Welt aufzuwerten, um Propaganda", sagt Liebau.

Hinter dem Bau steckte eine militärische Strategie

Das Deutsche Reich versäumte es nicht, Postkarten mit dem Bild der Moschee zu verbreiten. Vor allem aber habe hinter dem Bau eine militärische Strategie gesteckt. "Das Kaiserreich hoffte, aus den Feinden Verbündete zu machen", sagt Liebau. Schützenhilfe bekam der Kaiser vom Osmanischen Reich. Am 14. November 1914 hatte Sultan Kalif Mehmed Raschad den "Heiligen Krieg", den Dschihad, gegen Großbritannien und Russland ausgerufen. Kaiser und Sultan hofften auf einen Solidaritätsakt der Muslime der Welt. In Wünsdorf, so hat Islamwissenschaftler Gerhard Höpp herausgefunden, gelang das nur bedingt: Nur etwa 2000 muslimische Gefangene wechselten die Seiten, kämpften fürs Deutsche Reich. Ein gescheitertes Experiment, das mit dem Abriss der Moschee 1930 in Vergessenheit geriet.

Hunderte starben an der Tuberkulose

Geblieben sind die fast 1000 Gräber auf dem Ehrenfriedhof Zehrensdorf. Hunderte waren der im Lager grassierenden Tuberkulose erlegen. Gefunden worden sei zwar nicht viel bei den archäologischen Grabungen, erklärt Denkmalpfleger Thomas Kersting: "Einige Eisenbolzen und Drähte, die bei der Kuppelkonstruktion verwendet wurden, grüne Glasscherben und Fliesenscherben aus dem Waschraum." Gelohnt hätte es ich trotzdem. "Wir haben leer geräumte Fundamentgräben entdeckt und konnten so den exakten Standort der Moschee ausmachen."

Ein Teil der Fundstücke werde die Ausstellung im Garnisonmuseum ergänzen, kündigt Kersting an. Auch Heike Liebau und ihre Mitstreiter bringen ihre Ergebnisse an die Öffentlichkeit.

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