Ehrenamtliches Engagement

Bürgerbusse machen Brandenburg mobil

Ehrenamtliche organisieren mit Bürgerbussen in vielen Regionen Brandenburgs ein eigenes Nahverkehrsnetz für Senioren.

Gerhard Franzen ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bürgerbusse Brandenburg. Die Initative organisiert einen ehrenamtlichen Transportservice vor allelm für Senioren

Gerhard Franzen ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bürgerbusse Brandenburg. Die Initative organisiert einen ehrenamtlichen Transportservice vor allelm für Senioren

Foto: Katrin Starke

Brieselang.  Bis vor Kurzem klemmte sich Günter Lüder (70) noch selbst hinters Lenkrad des Achtsitzers. Ein Augenleiden macht es ihm nun jedoch unmöglich, weiterhin in die Rolle des Busfahrers zu schlüpfen. Eines ehrenamtlichen. Lüder ist Gründer und Geschäftsführer des Brieselanger Bürgerbusses - einem von aktuell fünf Bürgerbussen in der Mark. Unter dem Motto „Bürger fahren für Bürger“ befördern von Ehrenamtlichen gelenkte Kleinbusse in Gransee, Brieselang, Dallgow-Döberitz, im Hohen Fläming und zwischen Schwielochsee und Spreewald speziell ältere Leute. „Die Jugend zieht in die Städte, zurück bleiben die Alten, die auf den Bus angewiesen sind. Doch viele dünn besiedelte Gebiete werden von den regionalen Busunternehmen nicht mehr bedient, weil es für die nicht rentabel ist“, erklärt der Rentner.

Idee aus Holland und England

Neu ist die Idee der Bürgerbusse nicht. „In Holland und England ist diese Form der Mobilitätshilfe gelebter Alltag.“ Ebenso mittlerweile in den alten Bundesländern. „140 Bürgerbusse in Nordrhein-Westfalen, 70 in Baden-Württemberg, 28 in Niedersachsen, etliche in Bayern“, zählt er auf. In den neuen Bundesländern hapere es an der Bereitschaft, unentgeltlich zu helfen, kritisiert der gebürtige Brieselanger, der als Kind mit den Eltern nach Spandau zog und nach der Wende zurückkehrte. Als er 2007 den Bürgerbus-Verein in Brieselang aus der Taufe hob, sei unter den damals 25 Fahrern nur ein Ostdeutscher gewesen. „Der Sinn, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, wächst erst langsam“, meint Lüder. „Aber wir brauchen rasch neue Fahrer, um unser Angebot aufrecht zu erhalten.“ Auf 20 ehrenamtliche Chauffeure ist das Team geschrumpft, „weil Helfer weggezogen oder aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen sind“. Das sei die Achillesferse der Brandenburger Vereine. „Die Bürgerbusse bedienen tagsüber ihre Linien. Da können uns Berufstätige bei den Fahrdiensten nicht unterstützen.“ Es blieben vornehmlich Senioren und Arbeitslose. „Die einen können körperlich irgendwann nicht mehr, die anderen sind weg, wenn sie einen Job haben.“

Den kleinen Personenbeförderungsschein bekomme jeder, der einen Führerschein und nicht mehr als drei Punkte in Flensburg gesammelt habe, mindestens 21 Jahre alt sei und Gesundheitscheck bestehe, erklärt Lüder. Fahrer zu gewinnen, ist jedoch ein mühsames Geschäft. „Aber was uns alle motiviert, ist die positive Resonanz in der Bevölkerung.“ Von Anfang an sei der Bürgerbus angenommen worden. Eine Nord- und eine Südroute bedient der Bus. „Linienführung, Haltestellen und Fahrplan haben wir den Wünschen der Fahrgäste angepasst“, erklärt Lüder. Das kommt an: Wurden 2007 noch 6121 Personen befördert, waren es 2014 schon 14.552. „Wir liegen bei einer Auslastung von fast 60 Prozent“, sagt Lüder. Er sitzt am Schreibtisch in seinem heimischen Arbeitszimmer - vor ihm Zahlenkolonnen, Dienstpläne, Korrespondenz mit Landkreis und Gemeinde, Rechnungen. „Der Organisationsaufwand ist nicht zu unterschätze“, sagt er.

Senioren haben Vorrang

Kurz vor acht Uhr rollt der Kleinbus in Brieselang an, kurz vor 18 Uhr geht er auf seine letzte Tour. „Ginge es nach den Brieselangern, könnten wir schon eine Stunde früher starten“, sagt Lüder. Das lehnt der Verein ab: „Unsere Zielgruppe sind nicht die Pendler, wir fahren Senioren.“ Ähnlich sieht es Gerhard Franzen, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bürgerbusse in Brandenburg und Chef des vor einem Jahr in Dallgow-Döberitz gegründeten Vereins. „Wir fahren nicht an den Wochenenden und wir bieten auch keine Touren für Nachtschwärmer an, die aus Berlin heimkehren.“ Wer sich Kultur in der Stadt leiste, müsse auch Geld für ein Taxi übrig haben.

Seit 1992 lebt Franzen in Dallgow-Döberitz. Früher war der 73-Jährige, Unternehmensberater, „als ich mich zur Ruhe setzte, wollte ich meiner neuen Heimat etwas geben.“ Das Fahren sei nicht ohne. „Aber ohne Ehrenamt würde diese Republik nicht funktionieren“, ist er überzeugt. Und die Brandenburger Ministerin für Infrastruktur Kathrin Schneider lobt: „Die Ergänzung des klassischen Verkehrssystems aus Bussen und Bahnen durch flexible Angebote wie Bürgerbusse, Kombi- oder Rufbusse hat sich bewährt.“