Gegen das Bienensterben

Forscher aus Brandenburg züchtet die Superbiene

In Hohen Neuendorf forscht ein Professor mit den Namen Bienefeld gegen das Bienensterben. Sein Ziel: das resistente Insekt.

Der Leiter des Länderinstituts für Bienenkunde: Prof. Dr. Kaspar Bienefeld – Nomen est Omen

Der Leiter des Länderinstituts für Bienenkunde: Prof. Dr. Kaspar Bienefeld – Nomen est Omen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Hohen Neuendorf.  Der Herr der Bienen sitzt im ersten Stock. „Kaspar Bienefeld“ steht auf dem Schild vor seinem Büro. Die Frage lässt sich nur wenige Minuten zurückhalten, bei unserem Besuch im Institut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf im Kreis Oberhavel. „Auch auf die Gefahr hin, dass es Sie nervt: Wie kommt’s? Hat der Name Sie zu Ihrem Beruf geführt?“ Der Leiter der Bienenforschungseinrichtung schaut freundlich. „Die Frage nervt mich nicht, ich erwarte sie immer schon.“ Und sie kommt, mit höchster wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit. Egal, ob der Professor beruflich oder privat unterwegs ist. Beantworten kann er sie nicht wirklich. Kaspar Bienefeld war keineswegs schon als Kind ein Bienenfan. Erst während des Landwirtschaftsstudiums in Bonn und in München, mit Schwerpunkt Genetik, hat bei einem Vortrag seine Faszination für die Bienen eingesetzt.

Um dem Gegenüber nicht ganz die Illusion zu nehmen, liefert der Professor doch noch eine Analyse. „Womöglich kommt der Name daher, dass meine Vorfahren sich mit Bienen beschäftigt haben. Der Name Bienefeld ist am Niederrhein recht häufig.“ Erst bei der Frage nach der Rolle des Unbewussten beendet er das Thema: „Da müssen Sie schon einen Psychiater fragen.“

Seit 20 Jahren leitet Kaspar Bienefeld mittlerweile das Institut, das die Bundesländer Brandenburg, Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit rund einer Million Euro pro Jahr fördern. In seinem Büro umschwirrt uns keine einzige Biene. In den unteren Räumen und draußen im Park jedoch summt und brummt es. Im Dienste der Wissenschaft leben in Hohen Neuendorf und Umgebung 15 Millionen Bienen, in 350 Völkern. Die etwa zehn Tonnen Honig, die sie jedes Jahr liefern, werden in der gelben alten Villa an der Friedrich-Engels-Straße an Honigliebhaber verkauft. Jeden Mittwoch von acht bis zwölf Uhr und von 13 bis 15.30 Uhr. Um die 50.000 Euro nimmt das Institut immerhin damit ein.

26 Forschungsprojekte

Die elf fest angestellten Mitarbeiter und derzeit 30 Gastwissenschaftler, Doktoranden und Studenten haben einen anderen, einen bedeutenden Auftrag: Sie erforschen die Verluste und Krankheitserreger bei Bienenvölkern, züchten leistungsfähigere, sanftmütigere und vor allem: weniger krankheitsanfällige Honigbienen. 26 Forschungsprojekte laufen derzeit am Institut, von den beiden größten Vorhaben könnte langfristig das Überleben der Bienen abhängen. „Smartbees“ heißt eines davon. Professor Bienefeld und seine Helfer sind also auf der Suche nach den „schlauen Bienen“. Jenen, die der gefährlichen Varroamilbe am besten widerstehen können. Diese gilt als Hauptauslöser für das Sterben vieler Bienenvölker. „Bei massiver Invasion durch die Milbe sterben alle europäischen Bienenrassen“, sagt der Wissenschaftler. „Es ist nicht nur ein europäisches, es ist ein weltweites Problem.“

Was sich im Bienenstock abspielt, ist dramatisch: Die Varroamilbe ist nur 1,1 Millimeter klein und 1,6 Millimeter breit, sie ist gerade noch mit dem Auge zu erkennen. Sie entwickelt und vermehrt sich in der verdeckelten Brut im Bienenstock – mit dem Nachwuchs. Dabei schwächt sie die Bienen von Anfang an. Sind sie geschlüpft, leben sie meist nicht lange. Denn die Milbe hat ihr Immunsystem zerstört. Sie können sich nicht gegen Viren wehren.

Es gibt aber durchaus erwachsene Bienen, die den Parasiten rechtzeitig bemerken und die befallene Puppe aus den Brutzellen holen. „Die Asiatische Biene erkennt den Feind am schnellsten“, erläutert Professor Bienefeld. „Die europäische Honigbiene leider nur recht selten.“ Varroa-infizierte Zellen verströmen ein sehr schwaches Duftbouquet, das den Bienen den Befall anzeigt. Den Asiatischen Bienen reiche das, um zu reagieren. „Darüber hinaus putzen sich die Arbeiterinnen bei dieser Bienenart gegenseitig und töten die Milben mit ihren Kauwerkzeugen“, so der Professor.

Die Asiatische Biene lebt schon seit Tausenden Jahren mit diesem Feind. Sie schleppte die Varroamilbe in den 50er-Jahren über Sibirien nach Europa ein. „Wir sind nun auf der Suche nach den Genen, die auch den europäischen Bienen die Fähigkeit gibt, die Milbe zu entdecken“, sagt Bienefeld. Ziel sei es, eine Biene zu züchten, die der Milbe nicht mehr wehrlos ausgeliefert ist.

Kritiker warnen allerdings davor, in die Natur einzugreifen und die Artenvielfalt zu minimieren. 25 Bienenrassen gibt es laut Experten derzeit auf der Welt. Die Hauptschuld am Bienensterben sehen viele bei der Pestizidverwendung in der Landwirtschaft. Bienefeld sagt: „Das ist ein Problem. Die Hauptursache ist aber eindeutig die Varroamilbe.“ Im Rahmen von „Smartbees“ kümmern sich alle Partner aus elf beteiligen Ländern auch um den Erhalt der bedrohten Bienenrassen in Europa. Die Europäische Union bezuschusst das Forschungsprojekt seit November 2014 mit sechs Millionen Euro.

Seit Mai läuft das zweite große Projekt, mit 1,3 Millionen Euro vom Bundesagrarministerium unterstützt: Die Forscher wollen einen DNA-Chip entwickeln, mit dessen Hilfe sie auch kleinste Unterschiede in den Genen aufspüren können. Während der Professor erläutert, wie die Imker mit dem Chip später die Zucht resistenter Bienen vorantreiben sollen, sitzt im Aufzuchtzentrum in einem Nebengebäude eine junge Frau. Monika aus Nepal. Über ihr an der Leuchtstofflampe an der Decke brummen einige Bienen. Die Doktorandin holt ein Bienchen aus einem Holzkästchen, nimmt es an den Flügeln und gibt dem Tier einen Klecks durchsichtigen Nagellack auf den flauschigen Rücken. Darauf kommt ein winziges Plastikplättchen. Die Nummer, die Form des Blättchens und seine Platzierung zeigen den Forschern an, wer da im Dienst der Wissenschaft herumschwirrt. „Wir kennen damit die Eltern und wissen, aus welchem Bienenstock sie stammen“, sagt Bienefeld. „Im nächsten Jahr werden die Versuche auch an der Asiatischen Biene durchgeführt.“ In diesem Sommer sollen etwa 30.000 Bienchen markiert werden.

In einem Glashaus im Park des Instituts leben etwa 2000 von ihnen. In der sogenannten Beobachtungswabe haben die Forscher Zellen mit Varroamilben präpariert. Sie beobachten und filmen, welche Insekten den Feind erkennen. Manche können das, andere nicht.

Im Garten stehen die Bienenstöcke in grünem Styropor unter prächtigen Linden und hohen Robinen. Der Park ist ein kleines Paradies für jede Biene. Mit einem Teich und Apfelbäumen.

1000 „Spaß-Imker“ in Berlin

Das Institut forscht nicht nur, es informiert auch. Schulklassen kommen vorbei, Imker lassen sich beraten. 30 Kilometer entfernt, erlebt die Imkerei in Berlin – anders als auf dem Land – einen wahren Boom. „Berlin hat inzwischen 1000 Imker, der Zuwachs ist dort so stark wie in keinem anderen Bundesland“, sagt Bienefeld. In Brandenburg sind es nur knapp doppelt so viele. „Die Spaß-Imkerei in der Stadt tut den Menschen gut, der Landwirtschaft hilft sie nicht“, so der Experte. Auf dem Land gebe es inzwischen zu wenige Bienen, die Wild- und Nutzpflanzen bestäuben.

Auch Brandenburger Bienen summen über den Ministergärten in Berlin. Auf dem Dach der Landesvertretung Brandenburgs leben zwei Völker. Laut Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) sei das „weit mehr als ein Werbegag, sondern Werbung um Imkernachwuchs und für mehr Bienenvölker“. Die Zahl der Imker steigt zwar, sie betreuen aber immer weniger Völker. Während es in Deutschland um 1990 noch 1,2 Millionen Bienenvölker gab, waren es laut Imkerverband 25 Jahre später nur noch 700.000.

„Die Welt würde gewiss ohne bestäubende Bienen auskommen“, sagt Professor Bienefeld, „es wäre aber eine ärmere Welt.“ Eine Welt fast ohne Obst, mit weniger Vögeln, Insekten und weniger vielfältigen Wildpflanzen.

Mehr Informationen: Tag der offenen Tür am 6. September und im Internet auf www.honigbiene.de

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