Brandenburg

Wie Jann Jakobs Potsdam lebenswerter machen will

Der Oberbürgermeister will 50 Millionen Euro in den Nahverkehr und den Ausbau der Fahrradwege investieren.

Potsdam.  Jann Jakobs ist bereits seit November 2002 Oberbürgermeister von Potsdam. Mit der Berliner Morgenpost spricht der Sozialdemokrat über die Suche nach dem verschwundenen Elias, das Verhältnis zu Berlin und die Baustellen in seiner Stadt.

Berliner Morgenpost: Herr Jakobs, die Suche nach dem verschwundenen sechsjährigen Elias hält die Stadt seit Wochen in Atem. Haben Sie noch Hoffnung, dass das Kind lebend gefunden wird?

Jann Jakobs: Die Hoffnung geben wir alle nicht auf. Und es ist schwer auszuhalten, dass man nichts tun kann. Die Arbeit macht jetzt die Polizei allein. Diese versucht mit ihren professionellen Mitteln alles, den Jungen doch noch zu finden.

Hunderte Freiwillige – auch von außerhalb – beteiligten sich in den ersten 14 Tagen an der Suche. Einige kritisierten, die Stadt habe sie nicht genügend unterstützt. Waren vielleicht alle überfordert von dieser in Deutschland bislang nicht dagewesenen Hilfswelle?

Zunächst einmal ist es ein gutes Zeichen, wenn Menschen mitfühlen. Es hat sich gezeigt, dass wir in Potsdam eine gute Gemeinschaft haben. Es wird Anteil genommen. Dass sich über die sozialen Medien so viele Helfer zusammengefunden haben, ist ein neues Phänomen, mit dem man sich intensiver auseinandersetzen muss. Ihnen gebührt erst einmal Dank! Ich halte es aber für viel zu kurz gesprungen, der Stadt Vorwürfe zu machen. Wir haben logistische Unterstützung geleistet. Außerdem haben unsere Feuerwehr und das Ordnungsamt die Polizei und die Helfer unterstützt.

Welche Lehren im Umgang mit freiwilligen Helfern sind zu ziehen?

Wir werden das mit der Polizei auswerten. Eins ist klar: Man muss in einer solchen Situation deutlich machen, wer den Hut aufhat.

Berliner und Potsdamer mögen gut über die sozialen Medien vernetzt sein. Auf der gesellschaftlichen Ebene scheint es aber kaum einen Austausch zu geben. Wie erklären Sie sich das?

Ja, es sind zwei Gesellschaften. Ich beklage das ein bisschen, wenn ich oftmals bei Anlässen in Berlin nur ganz wenige Potsdamer treffe. Berlin und Potsdam sind eben unterschiedliche Städte. Sie haben ihre eigenen Netzwerke. In Potsdam gibt es mittlerweile eine Fülle an kulturellen und kulinarischen Angeboten. Da muss man nicht ständig nach Berlin fahren, kann es aber, wenn man Metropole braucht, mit all ihrem Gewusel. Umgekehrt kommen die Berliner gerne nach Potsdam. Sie sind begeistert von der Stadt.

Wie ist denn Ihr Austausch mit dem Regierenden Bürgermeister?

Michael Müller und ich kennen uns schon einige Jahre. Als er Fraktionsvorsitzender war, haben wir uns häufiger getroffen. Er hatte Interesse an einer Stadtführung, und ich habe ihm privat Potsdam gezeigt. Wir haben auch darüber gesprochen, wie man den Wohnungsbau ankurbeln kann. Bei aller Bedeutsamkeit der Landeshauptstadt aber: Ich bin nicht der erste Ansprechpartner in Brandenburg für den Regierenden Bürgermeister, das ist der Ministerpräsident.

Wohnen in Potsdam wird immer teurer. Viele können sich nur die Platte leisten. Wird die Schere zwischen Arm und Reich in der Stadt immer größer?

Statistisch lässt sich das nicht belegen. Vieles ist gefühlt. Natürlich ist es so, dass auf relativ begrenztem Raum in Potsdam sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Man kann sich kaum aus dem Weg gehen. Viele reden vom Nord-Süd-Gefälle, wobei in diesem Fall der Norden Potsdams der privilegiertere Bereich ist. Wir haben die Herausforderung früh erkannt und mit großem Aufwand zunächst im Neubaugebiet Am Schlaatz, dann Am Stern und jetzt in Drewitz viel unternommen und kräftig investiert: weiterführende Schulen, Sportanlagen oder eine Musikschule, Spielplätze, Grünanlagen. Die „Platte“ hat sich gemausert! Wir haben aber auch sehr viel in den Wohnungsbestand investiert und konzertierte Aktionen mit unserem städtischen Wohnungsunternehmen und den Wohnungsbaugenossenschaften gestartet. Das sind keine abgewirtschafteten Plattenbauviertel, die wir da haben. Im Gegenteil: Die Stadtteile haben an Qualität gewonnen, und die Menschen leben gern dort.

Wird es nicht auch dort zu Verdrängungen kommen, so sehr, wie die Mietpreise in Potsdam steigen?

Das ist ja auch durchaus gewünscht, dass nicht nur Empfänger von Sozialleistungen in diesen Stadtteilen leben. Aber ich sehe nicht einen Wettbewerb, der da heißt: Es gibt nur noch bestimmte Leute, die sich Potsdam leisten können. Da muss man aber aufpassen und gegensteuern, was wir auch tun. So haben wir mit Unterstützung des Landes für fast 4000 Wohnungen Mietpreisbindungen vorgenommen.

Wie viele neue Wohnungen soll Potsdam bekommen?

In den nächsten Jahren könnten rund 16.000 neue Wohnungen gebaut werden. Für etwa 6000 könnten schon derzeit Baugenehmigungen erteilt werden. Im Bornstedter Feld im Norden Potsdams, an der Heinrich-Mann-Allee oder auf dem Brauhausberg wird einiges entstehen. Und in Krampnitz.

Wann hört Potsdam auf, eine Dauerbaustelle zu sein?

Ein Ende ist in Sicht. Wir sind erst kürzlich mit einem großen Bauvorhaben, der Sanierung der Humboldtbrücke, fertig geworden. Das ist die letzte Brücke, die wir machen mussten. Weil das Geld fehlte, hatten wir zudem einen riesigen Sanierungsstau bei den Straßen, den wir nach und nach auflösen. Was bleibt, ist das Problem des wachsenden Verkehrs in der Stadt.

Müssen die Potsdamer sich umstellen? Weg vom Auto hin zum öffentlichen Nahverkehr?

Eindeutig ja. Man bekommt die nötige Entlastung der Innenstadt durch kein anderes Konzept hin. Wir werden daher beträchtlich in den öffentlichen Nahverkehr investieren und die Radwege weiter ausbauen. 50 Millionen Euro sind in den nächsten fünf Jahren dafür vorgesehen. Geplant ist unter anderem, die Straßenbahnlinie bis zum Campus Jungfernsee 2017 verlängert zu haben. Außerdem werden wir die Straßenbahnen so umrüsten, dass mehr Fahrgäste transportiert werden können. Der Verkehrsknoten Leipziger Dreieck soll ab 2018 komplett umgestaltet werden.

Sie haben derzeit noch ganz andere Baustellen. Wo sehen Sie eine Lösung im Streit am Pfingstberg?

Mathias Döpfner will die verfallene Villa Schlieffen sanieren und den umliegenden Park mit eigenem Geld sanieren. Das ist ein tolles Engagement. Dafür will er aber einen großen Teil des Parks um seine eigene Villa selbst nutzen und einzäunen. Das widerspricht dem Bebauungsplan, der eine überwiegend öffentliche Nutzung des Parks vorsieht. Eine Mehrheit der Stadtverordneten ist dagegen, den Plan zu ändern. Ich hoffe, dass sich mit Herrn Döpfner noch ein Kompromiss finden lässt.

Ein weiterer Prominenter macht gerade Schlagzeilen. Hasso Plattner droht wegen des geplanten Kulturgutschutzgesetzes damit, seine wertvolle private Gemäldesammlung nicht im künftigen Museum Barberini auszustellen. Wie ernst nehmen Sie die Drohung?

Diese Drohung müssen alle ernst nehmen. Damit wäre das gesamte Museumsprojekt infrage gestellt. Ich habe Kulturstaatsministerin Grütters einen Brief geschrieben und sie auf die verheerenden Auswirkungen ihres geplanten Kulturgutschutzgesetzes aufmerksam gemacht. Plattner befürchtet, dass die Sammlung – es handelt sich um eine der wertvollsten Privatsammlungen auf der Welt – den Status eines schützenswerten Kulturgutes erhält. Damit würde seiner Stiftung die Verfügbarkeit entzogen. Damit würde die Sammlung de facto entwertet. Der Bund ist für die Rahmenbedingungen zuständig, das Land aber soll bewerten, was ein schützenswertes Kulturgut ist. Der Bund wie auch das Land müssen Regelungen finden, die Plattners Befürchtungen aus dem Weg räumen. Sonst müsste Potsdam auf einzigartige Werke verzichten.