Gastronomie

Wenn die Gäste in Brandenburger Lokalen ausbleiben

Die Zahl der Restaurants und Kneipen in Brandenburg sinkt drastisch. Doch es gibt auch Gastronomen, die den Neustart wagen.

Katharina und Timm Kleist im Biergarten ihres Restaurants „Landleben Potsdam“ in Groß Glienicke. Was bei ihnen auf der Karte steht, kommt möglichst frisch aus der Region

Katharina und Timm Kleist im Biergarten ihres Restaurants „Landleben Potsdam“ in Groß Glienicke. Was bei ihnen auf der Karte steht, kommt möglichst frisch aus der Region

Foto: Glanze

Zwei junge Gastronomieprofis haben es gewagt. Vor drei Jahren zog es sie von Berlin aufs Land. In Groß Glienicke hinter Spandau haben sie ein ehemaliges Erholungsheim der DDR-Staatssicherheit übernommen. Das klingt erst einmal nicht besonders ansprechend.

Doch es war die Lage, die sie von Anfang an bezauberte: mitten im Wald und auch noch direkt am Sacrower See. „Wir haben uns die Investition sehr gründlich überlegt“, sagt Timm Kleist. Wir, das sind er und seine Frau Katharina, und das war sein früherer Partner und Küchenchef Matthew Davis.

Die drei haben das Haus an der Seepromenade komplett umgebaut – und dabei all das umgesetzt, wovon der Erholung suchende Großstädter ihrer Meinung nach träumt, wenn er es mal ländlich haben will.

Produkte möglichst frisch aus der Region

Im „Landleben Potsdam“ – Groß Glienicke gehört seit der Eingemeindung zur brandenburgischen Hauptstadt – drängen sich im Sommer die Gäste auf der Seeterrasse im Biergarten. Das Restaurant ist nur knapp 50 Meter vom Mauerradweg entfernt. Es gibt auch vier Doppelzimmer.

Das Konzept scheint aufzugehen: Was auf der kleinen Karte steht, kommt möglichst frisch aus der Region. „Vom Eis bis zur Zitronenlimonade ist alles hausgemacht“, verspricht Timm Kleist. Sein bisheriges Fazit: „Wir können uns nicht beschweren.“

Viele herkömmliche Gaststätten hingegen müssen schließen. „Für Landgasthäuser wird es immer schwieriger“, stellt der Hauptgeschäftsführer des brandenburgischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Olaf Lücke, fest. „Vor allem, wenn sie nicht im Speckgürtel um Berlin und nahe der touristischen Hotspots liegen.“ Insgesamt aber gehe es im Land mit dem gastronomischen Angebot aufwärts.

Verändertes Konsumverhalten der Menschen

Die Wirte auf dem Dorf können nur noch selten allein von den einheimischen Gästen leben. „Der Bevölkerungsrückgang auf dem Land macht sich bemerkbar“, sagt Lücke. Oft höre der Inhaber auch aus Altersgründen auf und ein Nachfolger lasse sich schwer finden. Dazu komme, dass sich das Konsumverhalten geändert habe. „Die jungen Menschen treffen sich heutzutage meist nicht mehr abends in der Kneipe“, so der Gastronomieexperte. Auch in Brandenburg verabreden sie sich häufig lieber an Fast-Food-Ketten – oder chillen im Freien. Das Bier aus dem Laden oder von der Tankstelle ist eben billiger.

Ein Blick in die jüngsten Erhebungen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zeigt, wie drastisch das „Gaststätten-Sterben“ ausfällt: Gab es in Brandenburg im Jahr 2006 noch 2678 Restaurants, waren es 2013 nur noch 2278, also 400 weniger. Die Zahl der Schankwirtschaften ging von 396 auf 358 zurück. Es gab auch weniger Cafés – 332 statt 350 sieben Jahre zuvor. Die 156 Eisdielen hingegen konnten sich stabil halten, es kam sogar eine dazu.

Lokale wichtig für Touristen

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) sagt: „Wenn die Gäste ausbleiben, sind die Wirte leider gezwungen zu schließen.“ Das sei nicht nur schade für die Bewohner des Ortes, auch für die Touristen sei es wichtig, dass sie unterwegs Station machen können. Trotz des zu erwartenden weiteren Bevölkerungsrückgangs außerhalb des Berliner Umlands zeigt Gerber sich optimistisch. „Ich hoffe, dass sich das Blatt wieder wendet.“

In Barsikow, einem 200-Einwohner-Dorf bei Wusterhausen/Dosse im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, gibt es schon lange keine Gaststätte mehr. „Es beißt sich der Hund in den Schwanz“, sagt Ortsvorsteherin Barbara Linke. „Die Touristen sind traurig, wenn sie bei uns nicht einkehren können. Es kommen aber zu wenige, damit es sich für jemanden lohnen würde, eine Gaststätte aufzumachen.“ Barsikow liegt am Pilgerweg zur Wunderblutkirche in Bad Wilsnack. Die Kirche ist die Pilgerherberge und Herbergsvater Klaus-Jürgen Grützmacher versorgt die Gäste auf Wunsch. Ehrenamtlich, gegen Erstattung der Kosten.

Große Investitionen wären notwendig

Auch die Dorfbewohner finden es schade, dass sie sich nicht spontan an einem festen Ort um die Ecke treffen können. Vor zwei Jahren ist Familie Funke aus Bremen nach Barsikow umgezogen, vorher hatte sie in dem märkischen Ort ein Ferienhaus. Auch die Neu-Barsikower wünschen sich eine Gaststätte oder ein Café im Ort.

„Mein Mann hat den alten, leer stehenden Konsum im Dorf gekauft“, erzählt Anna Funke. „Wir haben schon häufiger überlegt, in dem Flachbau ein Café mit Kulturfunktionen wie Bücherecke, Ausstellungen und Veranstaltungen als Dorfzentrum einzurichten.“ Doch es müsste sehr viel investiert werden. Die Auflagen seien hoch: So würden beispielsweise eigene Toiletten fürs Personal benötigt, wegen der Energiesparordnung müsste das Haus gedämmt werden.

Initiativen wie die „Brandenburger Gastlichkeit“

„Nimm Dir Essen mit, wir fahren nach Brandenburg!“, textete der Musiker und Kabarettist Rainald Grebe vor Jahren. Nicht alle Brandenburger konnten darüber lachen. „Es hat sich viel Positives getan in der Brandenburger Gastronomie“, sagt Martin Linsen, Referatsleiter für Tourismus im Potsdamer Wirtschaftsministerium. Dazu beigetragen hätten auch Initiativen wie die „Brandenburger Gastlichkeit“, an der sich bereits mehr als 300 Unternehmen beteiligt hätten.

Der Hotel- und Gaststättenverband schickt Gasthöfen, Restaurants oder Eisdielen, die sich beteiligen, unangemeldet geschulte Tester vorbei. Erreicht das Unternehmen bei der Bewertung eine bestimmte Punktzahl, wird es mit dem Gütesiegel der Brandenburger Gastlichkeit ausgezeichnet. Das Siegel, mit dem natürlich auch geworben werden kann, ist zwei Jahre gültig, danach werden die Tests erneut durchgeführt.

Umsatzsteigerung bis 20 Prozent

Auf der Internetseite des Dehoga Brandenburg heißt es, Unternehmen, die seit Langem an der Aktion teilnehmen, „konnten die Zahl ihrer Gäste deutlich erhöhen und Umsatzsteigerungen von bis zu 20 Prozent realisieren“.

Wer in Brandenburg unterwegs ist, kennt sie trotzdem: die Gaststätten mit schlechtem Essen, langen Wartezeiten und unfreundlicher Bedienung. Es gibt sie mitunter immer noch. Wo der Gast sich aber willkommen fühlt und gut bewirtet wird, läuft es auch außerhalb des Berliner Umlands und mit einfacher, aber guter Küche. In Webers Gasthof in Naundorf bei Forst zum Beispiel kehren viele aus den umliegenden Orten ein. Es gibt dort immer noch selbst gebackenen Kuchen. Die Gaststätte mit Kegelbahn, Partysaal und Gartenterrasse ist Montag und Dienstag geschlossen. Auf Anfrage und Wunsch öffnet Gerhard Weber aber auch außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten.