Grenzregion

Über Leben und Tod kann die Seite der Brücke entscheiden

Menschen sterben, weil sie in Notfällen nicht rechtzeitig medizinisch versorgt wurden. Was klingt, wie die Situation in Entwicklungsländern, ereignet sich häufig gleich östlich von Oder und Neiße.

"Ich war schon auf zu vielen Beerdigungen, die nicht hätten sein müssen", sagt Joanna Jozefiak. Etwa auf der eines 18-Jährigen aus ihrem Bekanntenkreis, der bei einem Motorradunfall schwerste Kopfverletzungen erlitt und starb, weil er nicht transportfähig für die stundenlange Fahrt in ein polnisches Krankenhaus war.

Die 38 Jahre alte Polin kennt Dutzende Fälle, in denen Menschen starben, weil sie in Notfällen nicht rechtzeitig medizinisch versorgt wurden. Was klingt, wie die Situation in Entwicklungsländern, ereignet sich häufig gleich östlich von Oder und Neiße, oder wie es Jozefiak ausdrückt: Am anderen Ende der Grenzbrücke.

"Seit dem EU-Beitritt Polens wird häufig davon gesprochen, dass es innerhalb der Staatengemeinschaft keine Grenzen mehr gibt", sagt die studierte Ökonomin. Passiere einem Polen etwa ein schwerer Unfall, sei jedoch noch immer entscheidend, wo: Westlich der Grenzbrücke werde der verletzte Pole in das nächstgelegene deutsche Krankenhaus gebracht, die Kosten sind gedeckt. Ereignet sich das Unglück auf der östlichen Seite, kann es mit der medizinischen Notfallversorgung für den Betroffenen eng werden, weil das nächstgelegene polnische Krankenhaus weit weg ist.

"Sind die Fahrtzeiten zu lang, ist es oft für einen Schwerverletzten oder -erkrankten zu spät", macht Jozefiak deutlich. Sie leitet in der polnischen Grenzstadt Slubice die Beratungsfirma Brandston, die sich um deutsch-polnische Projekte bemüht.

Einer ihrer ersten Kunden war vor fünf Jahren das Klinikum Frankfurt (Oder). Dabei sei sie auf das Problem aufmerksam geworden. Verstärkt meldeten sich bei ihr polnische Patienten, die mit der medizinischen Behandlung unzufrieden waren, da es laut Jozefiak einfach zu wenige Ärzte in Polen gibt. "Wer es sich leisten kann, wird sich lieber in Deutschland behandeln lassen, scheut allerdings die Sprachbarriere. Wir vermitteln das und stellen Patientenbegleiter für den Aufenthalt in deutschen Krankenhäusern", so die Geschäftsfrau. Der Patient zahlt in diesen Fällen selbst für seine Behandlung, erklärt sie.

Kostenerstattung ist nicht geklärt

Die Kostendeckung ist nach ihren Angaben das A und O – auch bei Notfällen. "Natürlich ist es einfacher, einen nahe der Grenze verunglückten Patienten mit dem Rettungswagen etwa in das Frankfurter Klinikum oder in das Krankenhaus nach Guben zu bringen, als in ein etwa 100 Kilometer und mehr entfernte polnische Klinik", so Jozefiak. Allerdings ist bisher nicht rechtlich geregelt, wer bei dieser grenzüberschreitenden Notfallversorgung die Kosten trägt – trotz eines offenbar schon 2013 geschlossenen Kooperationsvertrages zwischen Brandenburg und Polen.

Im östlichen Nachbarland gibt es nur eine gesetzliche Krankenkasse, und die zahlt nur für ärztliche Hilfe im eigenen Land – mit Ausnahme von Unfällen oder Unglücken polnischer Bürger direkt im Ausland. "Hinter diesem Vorgehen steckt wahrscheinlich die Angst vor ausufernden Kosten durch einen dann zunehmenden Medizintourismus", vermutet Professor Axel Ekkernkamp, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Berliner Unfallkrankenhauses (UKB) in Marzahn. Es gehe in diesen Fällen aber um grenzüberschreitende Notfälle, betont der Mediziner, der sich seit Jahren um rechtliche Regelungen zwischen Deutschland und Polen bemüht.

Patienten müssten eigentlich abgelehnt werden

Da bisher auf politischer Ebene nichts geklärt sei, blieben die deutschen Krankenhäuser, die einem lebensbedrohlich verletzten Patienten aus Polen schon aus moralischen Gründen nicht die medizinische Hilfe verweigern würden, in der Regel auf den Behandlungskosten sitzen. "Und das sind zumeist die teuren, mehrere Zehntausend Euro umfassenden Fälle – Schlaganfälle, Herzinfarkte, Schädel-Hirn-Verletzungen. Auf Dauer ist das nicht zu kompensieren, aber auf politischer Ebene kneifen seit Jahren alle", bestätigt Thomas Funk, ärztlicher Direktor des Frankfurter Klinikums.

Aus formalrechtlichen Gründen müsste er solche Patienten eigentlich ablehnen, wenn ihm die von seinen Slubicer Kollegen geschickt würden. Allerdings sei ihm bewußt, dass das Krankenhaus in der polnischen Grenzstadt für derartige Notfälle einfach nicht ausgestattet sei. Rund 30mal im Jahr springe das Klinikum deshalb ein, schätzt Funk. "Wenn es um Minuten geht, können wir hier keinen wegschicken."

Noch prekärer sei die Situation in der polnischen Grenzstadt Gubin, in der es gar kein Krankenhaus mehr gebe, ergänzt Jozefiak, die mit einem deutschen Arzt zusammen lebt, der im Krankenhaus von Guben arbeitet. "Wer es sich als Pole leisten kann und in der Grenzregion lebt, krankenversichert sich in Deutschland", sagt sie. Nur habe eben nicht jeder das Geld dafür, deutet sie an.

Professor Ekkernkamp nennt noch ein weiteres Problem der grenzüberschreitenden Notfallhilfe: Die Rettungswagen sind bei Einsatzfahrten im jeweils anderen Land nicht versichert. Würde da etwas passieren, sei auch nicht klar, wer für den Schaden zahle. "Polen weigert sich generell, neben den Vorteilen der Europäischen Union auch die angeblichen Nachteile zu akzeptieren", ärgert sich der Direktor des Frankfurter Klinikums über die schon seit Jahren schwelende Kostendiskussion. Die Mediziner sind sich einig: Das Problem ist nur auf politischer Ebene der Europäischen Union lösbar – es geht um Notfälle, bei denen Menschen lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind.

Es geht um Menschenleben

"Für diese Patienten müssen endlich Rahmenbedingungen geschaffen werden, so dass sie in das nächst geeignete Krankenhaus gebracht werden – egal auf welcher Seite der deutsch-polnischen Grenze." Sonst, so sagt Professor Ekkernkamp, häufen sich die "unangenehmen Beispiele", mit denen Joanna Jozefiak immer wieder konfrontiert wird. Erst neulich erfuhr sie von einer Frau, die Hirnblutungen hatte und vom Slubicer Krankenhaus mangels Neurochirurgie wieder nach Hause geschickt wurde. Eine Verwandte fuhr sie in eine Frankfurter Apotheke. Dort brach die Schwerverletzte zusammen, wurde im Frankfurter Klinikum fünf Stunden lang operiert – und hat überlebt.

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