Prozess

Gericht verurteilt Ex-Hells-Angel zu sieben Jahren Haft

Rocker regeln Fehden unter sich. Schweigen vor Gericht gilt als ehernes Gesetz. Doch ein brutal zugerichteter Ex-Rocker-Boss nannte Namen. Die Richter halten nicht alles für glaubhaft, was er sagte.

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Eine blutige Auseinandersetzung zwischen Rockern ging für die beiden Angeklagten jetzt relativ glimpflich aus. Ein 38 Jahre altes Mitglied der Berliner Hells Angels wurde am Freitag vor dem Frankfurter Landgericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ein zweiter 33 Jahre alter Rocker muss wegen gefährlicher Körperverletzung und unter Einbeziehung zahlreicher, einschlägiger Vorstrafen eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren verbüßen.

Angeklagt waren beide wegen versuchten Mordes, weil sie den früheren, angeblich wegen Untreue unehrenhaft entlassenen Präsidenten der Berliner Hells Angels Holger B. am 15. Mai 2011 vor seinem Grundstück in Altlandsberg (Märkisch Oderland) überfallen, ihn mit einem Baseballschläger sowie einem Messer traktiert haben sollen. Bevor die zwei Angreifer ihn auch noch mit dem Auto überrollen konnten, hatte sich das 54 Jahre alte Opfer nach eigenen Angaben mit letzter Kraft noch in Sicherheit bringen können. Der fast zwei Meter große Mann überlebte den Anschlag nur durch eine Notoperation und mehrere Bluttransfusionen.

Dass es diesen Überfall tatsächlich gegeben hat, belegten die schweren Verletzungen des Opfers, sagte der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs in der Urteilsbegründung. Allerdings: „Zu den jeweiligen Beteiligten aber haben wir keine sicheren Feststellungen.“ Opfer Holger B., genannt „Hocko“, habe das Tatgeschehen zwar glaubhaft geschildert, wer seine Angreifer waren, hätte er aber nicht erkennen können, weil diese sich von hinten genähert hatten, so der Vorsitzende Richter. Auch dafür sprechen nach seinen Angaben die Verletzungen des 54-Jährigen.

DNA-Spur als Beweis

Dass einer der beiden Angreifer der 33 Jahre alte Angeklagte gewesen sein muss, belegt hingegen laut Gericht eine gefundene DNA-Spur des Mannes auf der Jacke des Opfers – das wichtigste Indiz. Diese Hautpartikel könnten nur während des Überfalls dorthin gekommen sein. „Ansonsten hatten Täter und Opfer keine Berührungspunkte“, stellte Fuchs klar. Denn gegen „Hocko“, der in die Vereinskasse gegriffen haben soll, war bereits 2008 von den Hells Angels ein sogenanntes „Bad Standing“ verhängt worden.

Das heißt: Kein Mitglied durfte mit dem aus dem Club geworfenen Ex-Chef Kontakt haben, aber jeder hätte ihn aus dem Weg räumen dürfen. Einen Tötungsvorsatz jedoch konnte das Gericht bei dem Überfall nicht erkennen. Vielmehr sei es um einen „Denkzettel“ oder Racheakt gegangen, als Warnung an „Hocko“, endlich seinen Bemühungen auf Rückkehr in den Rocker Club aufzugeben. Dafür sprechen nach Überzeugung des Gerichts auch die Messerstiche in die Beine des Opfers, statt in Hals oder Brust.

Zudem wäre es wenig sinnvoll gewesen, einem Toten abschließend „schöne Grüße“ seines Club-Chef-Nachfolgers Andre S. zu bestellen, hieß es weiter in der Urteilsbegründung. Davon hatte das Opfer vor Gericht selbst berichtet. Indizien gegen den zweiten, 38 Jahre alten Angeklagten hatte die Beweisaufnahme laut Gericht nicht erbracht. „Hocko“ hingegen hatte die beiden Angeklagten zum Prozessauftakt Anfang Januar schwer belastet.

Die beiden Rocker schwiegen an allen Verhandlungstagen

Die beiden „Hells Angels“ selbst schwiegen an allen 14 Verhandlungstagen, gemäß dem Rocker-Ehrenkodex, mit den Vertretern des Rechtsstaates schon aus Prinzip nicht zu reden. Auch Opfer „Hocko“ hatte sich nach dem Überfall zunächst dran gehalten und machte gegenüber den Ermittlern keinerlei Angaben. Der entthronte Oberboss der Berliner Hells Angels, der sich rehabilitieren wollte, versuchte stattdessen, die Sache auf seine Weise zu regeln. Da „Hocko“ durch die ausgerichteten Grüße der Angreifer wusste, das Auftraggeber des Überfalls auf ihn Andre S. gewesen sein muss, gab er nun seinerseits einen Mord an S. in Auftrag, wollte diesen im Juni 2012 aus dem Weg räumen lassen.

Soll S. doch auch maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass der 54-Jährige nicht mehr zu den Hells Angels gehört. Der bei „Hocko“ deshalb verhasste Nachfolger überlebte die sieben Schüsse schwer verletzt, während sein Widersacher ein Jahr darauf vor dem Landgericht Berlin wegen Anstiftung zum Mord zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt worden war. Erst während des Ermittlungsverfahrens gegen ihn, packte „Hocko“ aus, beschuldigte die beiden Angeklagten.

Zweifel an Glaubwürdigkeit

„Zwei Jahre hat er geschwiegen. Er machte erst dann Angaben, als es darum ging, für sich in seinem eigenen Strafverfahren Vorteile zu erlangen“, sagte Fuchs. Zudem seien seine Beschuldigungen, die er im aktuellen Verfahren als Nebenkläger wiederholte, wenig glaubhaft, weil sie auf Gerüchten basierten, die andere „Hocko“ zutrugen und deren Namen er „vergessen“ haben will. Generell hatte das Gericht bei der Bewertung der Glaubwürdigkeit des gelernten Zimmermanns Holger B. „Vorsicht walten lassen“, wie es der Vorsitzende Richter formulierte.

„Das Opfer kommt selbst aus dem kriminellen Milieu, hat kaltblütig und aus Hass einen Mord an seinen Rivalen in Auftrag gegeben sowie als Zeuge in diesem Verfahren nur das gesagt, was er wollte.“ Der so Beschriebene, selbst noch immer in Strafhaft, war zur Urteilsverkündung nicht im Gerichtssaal dabei. In den Zuschauerreihen verfolgte jedoch ein gutes Dutzend Rocker den Ausgang des Verfahrens.