Prozess in Cottbus

Internet-Freundin mit 78 Messerstichen getötet - Lange Haft

Ein 21-Jähriger ist nach der tödlichen Messerattacke auf eine Internet-Bekanntschaft zu mehr als 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte die 14-Jährige in Eichwalde auf der Straße erstochen.

Foto: Michael Mielke

Maurice M. hält sich beim Betreten des großen Verhandlungssaales im Landgericht Cottbus einen Leitzordner vors Gesicht. Als wolle er sich verstecken. Und auch wenig später, bei der Urteilsbegründung des Vorsitzenden der Jugendkammer Thomas Braunsdorf, heftet er den Blick auf die Tischplatte. Und wirkt noch kleiner, als er ohnehin schon ist. Ein schmächtiger junger Mann, in einem viel zu großen Anzug, das Haar zu einem Zopf gebunden. 13 Jahre und sechs Monate lautet das Urteil gegen ihn „Wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung“, sagt Braunsdorf mit brüchiger Stimme.

Fast widerwillig schildert der Richter, was sich am 18. November 2013 im brandenburgischen Eichwalde ereignete: Wie der damals 20-jährige Angeklagte der sechs Jahre jüngeren Schülerin Alyssa B. auflauerte und wie er sie tötete mit 78 Messerstichen. „Es ist eine Tat, die einen sprachlos macht“., sagt Braunsdorf. Er sei schon viele Jahre Richter, aber über „ein derartig grausiges Geschehen“ habe er noch nicht urteilen müssen.

Über Manga-Forum kennengelernt

Maurice M. und Alyssa B. hatten sich Monate zuvor über das Internet kennengelernt. Sie interessierten sich beide für japanische Manga-Comics. Über ein Fan-Forum kam es dann zur ersten virtuellen Begegnung. Maurice M., der in Lohmar (Nordrhein-Westfalen) bei den Eltern wohnte, nannte sich auf der Plattform "Ryuu", so heißt einer dieser Manga-Comic-Held. Doch er wollte von dem hübschen Mädchen sehr schnell mehr als nur den Austausch über Manga-Comics.

Er schrieb ihr dass er sie liebe, dass er sich umbringen werde, wenn sie ihn nicht erhöre. Das war seine Masche, so Richter Braunsdorf. Zeugen hätten berichtet, dass er auch andere Mädchen derart bedrängte. Es bleibt offen, wie Alyssa B. anfangs damit umging. Der Nebenklagevertreter ihrer Eltern beschrieb sie in seinem Plädoyer als „ein sehr humorvolles, sanftes Mädchen“. Die 14-Jährige, so Anwalt Sven Peitzner, habe sich in einer Phase „zwischen Kindsein und Pubertät“ befunden. Der Angeklagte sei „in eine stabile und liebevolle Welt eingebrochen“ und habe diese Welt zerstört.

Im Oktober 2013 kam Maurice M. zum ersten Mal aus dem heimischen Lohmar in das brandenburgische Eichwalde, um Alyssa B. zu besuchen. Im November kam er ein zweites Mal. „Im Grunde hat es Alyssa auch ihrem großen Herzen zu verdanken, dass sie nicht mehr lebt“, sagt Richter Braunsdorf. Zwar habe auch „die Faszination für das gemeinsame Interesse“ für Manga eine Rolle gespielt. Für das Mädchen sei aber der wichtigste Grund „Mitleid gewesen, mit dem Angeklagten Kontakt zu halten.“

„Mensch, Engelchen, der hat doch Probleme“

Alyssas Mutter sagte vor Gericht, dass sie schon bei der ersten Begegnung mit Maurice M. kein gutes Gefühl gehabt habe. „Er war freundlich, fast zu sehr, auch höflich - aber er konnte mir nicht in die Augen schauen“, so Jeanette B. Sie und ihr Mann hätten jedoch zugestimmt, dass Maurice M. nach Eichwalde kommen dürfe. „Wir dachten, immer noch besser, als wenn sie ihn heimlich trifft.“ Schlafen musste er natürlich im Gästezimmer. Alyssa hatte ihrer Mutter gesagt, dass sie sich den ersten Sex für „den Richtigen“ aufhebe. Und Maurice M. sei das nicht. Jeanette B. weiß noch, dass sie damals zur Tochter sagte: „Mensch, Engelchen, der hat doch Probleme.“ Worauf die Tochter geantwortet habe: „Ja Mama, ich weiß, aber vertrau mir doch!“

Als Maurice M. im November zum zweiten Mal kam, reagierte Alyssa nicht mehr so souverän. Die Tochter sei bedrückt gewesen, sagte Jeanette B. Und als sie fragte, warum, sei Alyssa weinend zusammengebrochen und habe erklärt, „dass sie diese Freundschaft unbedingt beenden wolle, aber nicht wisse, wie sie Maurice das beibringen solle“. Sie habe ihr gesagt, „dass sie ihm das schreiben könne, wenn er wieder zuhause sei“, erinnerte sich Jeanette B. „Aber Alice wollte es ihm persönlich sagen, und wir, mein Mann und ich, sollten dabei sein.“

Kurz darauf kam es in der Küche zu einer Aussprache. Alyssa habe Maurice M. tapfer erklärt, dass sie seine dauernden Liebesbekundungen nicht ertragen könne; dass ihr das alles zu eng werde und dass er Hilfe brauche. „Aber ich kann das nicht, ich bin doch erst 14!“, hatte sie gesagt. Maurice M. habe daraufhin zu weinen begonnen und gedroht, dass er sich umbringen werde. „Das hat mich wütend gemacht“, sagte Jeanette B. Suizid ist ein besonders schmerzhaftes Wort in ihrer Familie. Ihr ältester Sohn hat sich mit 20 das Leben genommen. Deswegen habe sie anfangs auch gedacht, dass sich da vielleicht aus besonderen Gründen zwei gefunden haben: „Er hat keine Geschwister und sucht eine kleine Schwester. Und sie sieht in ihn vielleicht den großen Bruder.“

Am nächsten Morgen brachte Jeanette B. den jungen Mann mit den Auto nach Berlin zum Busbahnhof. Er gab damals vor, nach Hause fahren zu wollen, doch sein Plan war anders. „Er hat das alles heimtückisch eingefädelt“, sagt Richter Braunsdorf. „Er hat Alyssa sogar SMS geschrieben, dass er mit dem Bus im Stau stehe und nicht vorwärts komme.“ Statt dessen war Maurice M. jedoch zurück nach Eichwalde gefahren und hatte dort, ganz in der Nähe von Alyssas Elternhaus auf das arglose Mädchen gelauert.

Sie kam mit ihrem Schulkameraden Willi H. vom Unterricht. Sie wollten gemeinsam Hausaufgaben erledigen. Als sie ein Wäldchen durchquerten, trat plötzlich Maurice M. hinter einem Baum hervor. Alyssa war erstaunt. Sie dachte, Maurice M. sei längst zuhause. Sie hätten sich gestritten, erinnerte sich Willi vor Gericht. Fast eine Stunde lang. Er habe sich abseits aufgehalten, „50 bis 60 Meter entfernt“, wollte nicht indiskret sein. Und dann habe er gesehen, wie sich Alyssa wegdrehte und gehen wollte. Und wie Maurice M. dem Mädchen eine Bierflasche, die er schon die ganze Zeit in der Hand gehalten habe, auf den Hinterkopf schlug. Einmal - sie versuchte zu fliehen. Dann noch einmal - sie kam ins Straucheln. Und ein drittes Mal - da stürzte sie. Willi sagte, er sei schon beim ersten Schlag sofort losgerannt, hin zu dem Mädchen. Und bei diesem Herablaufen habe er gesehen, wie Maurice M. das Mädchen am Haar zu einem Rucksack zerrte, ein großes Küchenmesser aus dem Rucksack nahm und auf sie einstach. Er habe versucht, Maurice M. in den Arm zu fallen, sei selber an der Hand verletzt worden. Danach habe er wie erstarrt gestanden und sei schließlich losgerannt, um Hilfe zu holen.

Schwere Persönlichkeitsstörung, aber schuldfähig

Der psychiatrische Sachverständige Alexander Böhle diagnostizierte bei dem Angeklagten eine schwere Persönlichkeitsstörung, aber nicht so groß, dass er zur Tatzeit etwa vermindert schuldfähig gewesen sei, so der Gutachter. Auch das Gericht glaubte nicht an einen psychischen Ausnahmezustand. Maurice M. sei „ein egozentrischer, selbstmitleidiger Mensch, der es nicht ertragen habe, zurückgewiesen zu werden“, sagt Richter Braunsdorf. „Der Angeklagte hält sich für den Mittelpunkt der Welt und beschwert sich sogar, dass er in der Untersuchungshaft mit Verbrechern zusammengesperrt sei.“

Braunsdorf schätzte Maurice M.s Tat als „heimtückisch“ ein, ein zweites Mordmerkmal seien niedrige Beweggründe“. Normalerweise seien nach Jugendrecht zehn Jahre die Höchststrafe, bei Heranwachsenden könnte die Höchststrafe bei Mord und einer besonderen Schuldschwere aber bis zu 15 Jahre betragen. Zugute gehalten sei dem Angeklagten worden, „dass er über seinen Verteidiger ein Geständnis ablegte“ und dass „nicht versucht habe, die Schuld irgendwie auf Alyssa abzuwälzen“, so Braunsdorf.

Maurice M. wirkte nach der Urteilsbegründung nicht besonders beeindruckt. Es wurde sogar kurz gelacht, als er mit einem seiner Verteidiger sprach. Es ist zu vermuten, dass er in Revision geht. Seine Anwälte hatte auf Totschlag plädiert und eine Jugendstrafe von maximal neun Jahren gefordert.

Alyssas Eltern sind mit dem Urteil zufrieden. „Sie können damit leben“, sagte Anwalt Peitzner nach dem Urteil. „Damit ist aber nur das Urteil gemeint.“