Baustellen-Chaos

Staufalle Potsdam - eine Stadt sucht ein Verkehrskonzept

In Potsdam scheint ständig und überall auf einmal gebaut zu werden. Mehr autofreie Zonen, Innenstadtring oder auch Tempo 30 – die Stadt diskutiert über ein wirksames Verkehrskonzept.

Egal, wo Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) derzeit unterwegs ist – immer wieder wird er auf den Verkehr angesprochen. Denn in Potsdam scheint ständig und überall auf einmal gebaut zu werden. Derzeit ist in den Stoßzeiten morgens und am späten Nachmittag vor allem die stark befahrene Nutheschnellstraße von und zur Autobahn A115 dicht. Der Grund: Stadtein- wie stadtauswärts steht wegen der Erneuerung der Straßendecke bis Juni nur eine Spur zur Verfügung. Der Streit um ein erfolgreiches Baustellen-Management und ein langfristiges Verkehrskonzept spitzt sich spürbar zu. Am Rande des Richtfestes zum Museum Barberini gab jetzt sogar Software-Milliardär Hasso Plattner dem Oberbürgermeister Tipps, wie die Stadt ihr Verkehrsproblem in den Griff bekommen könnte. Mit Kreisverkehren statt Ampeln zum Beispiel, meint der prominente Wahl-Potsdamer. Es gibt aber auch noch andere – höchst kontrovers diskutierte – Ideen.

Der neueste Vorschlag kommt von der Potsdamer CDU. Sie will den Verkehr auf einen weitgehend in eine Richtung befahrbaren Innenstadtring umleiten. Im Stadtzentrum sollen dafür neben der Fußgängerzone Brandenburger Straße weitere autofreie Bereiche geschaffen werden. CDU-Fraktionschef Matthias Finken hat jetzt angekündigt, einen Antrag in die Stadtverordneten-Sitzung am 6. Mai einzubringen. Der von der Union ins Spiel gebrachte Humboldtring soll ab der Humboldtbrücke über die Behlertstraße, die Schopenhauer- und die Breite Straße verlaufen – und am Hauptbahnhof vorbei über die Lange Brücke zur Auffahrt Nutheschnellstraße führen.

Kreisverkehr statt Ampeln

"Innerhalb des Rings ist weitgehend eine Beschränkung des Verkehrs auf 30 km/h zu realisieren", heißt es in dem Antrag. "In vielen Städten hat man mit der Organisation eines Ringverkehrs sehr gute Erfahrungen gemacht", sagt CDU-Fraktionschef Finken. "Damit würden auch Schleichwege durch die Wohngebiete unattraktiv, da sie immer auf dem Ring enden." Radfahrer sollten den Ring in beide Richtungen auf separaten Radwegen/Spuren nutzen können. An Knotenpunkten sei "langfristig die Realisierung von Kreisverkehren zu prüfen", schlägt wie Hasso Plattner auch die CDU vor.

In der Stadtverwaltung stößt die Schaffung eines Innenstadtrings auf Skepsis. "Wir haben diese Lösung in der Abteilung für Stadtentwicklung schon einmal geprüft und halten sie nicht für sinnvoll", sagte Rathaus-Sprecher Jan Brunzlow am Montag auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Dass die Lange Brücke stadtauswärts zur Einbahnstraße werde, gehe gar nicht. "Damit würde die Humboldtbrücke zum Nadelöhr", warnt Brunzlow. Die SPD und die Grünen innerhalb der Rathaus-Kooperation zeigen sich ebenfalls nicht überzeugt. SPD-Fraktionschef Mike Schubert will über das Ring-Konzept zumindest diskutieren.

Bürgerinitiative will Umgehungsstraße mit Havelbrücke

Den von der CDU außerdem schon länger geforderten dritten Havelübergang hingegen lehnt die SPD ab. Inzwischen haben vier Potsdamer Kommunalpolitiker eine überparteiliche Bürgerinitiative "Pro Havelspange" gegründet. Sie wollen die Umgehungsstraße mit Havelbrücke am Templiner See durchsetzen. Die Initiative ist auch eine Reaktion auf die umstrittenen Pläne der Stadtverwaltung, die hoch frequentierte Zeppelinstraße von derzeit vier auf drei Spuren zu verengen – und auf der Strecke Tempo 30 einzuführen. Potsdams Verkehrsbeigeordneter Matthias Klipp (Grüne) will damit erreichen, dass künftig nur noch 22.000 statt 27.000 Autos täglich auf dieser Magistrale fahren. Die Schadstoffbelastung liegt dort immer noch über den von der EU zugelassenen Grenzwerten pro Jahr. "Wir sind verpflichtet, die EU-Grenzwerte einzuhalten und müssen deshalb alle Maßnahmen prüfen", sagt Klipp. "Ansonsten drohen Verfahren durch die EU oder Klagen von Anwohnern." Der Widerstand ist aber riesig: Die umliegenden Gemeinden Werder und Schwielowsee haben eine Resolution dagegen verabschiedet. Bei einer Bürgerveranstaltung dazu ging es auch in Potsdam hoch her.

Ein Problem sind die Pendler

Der Stadt machen vor allem die vielen Pendler zu schaffen. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten wohnt nicht Potsdam. Die Verkehrs-Situation wird sich auch aufgrund des anhaltenden Zuzugs noch verschärfen. Die jüngste Bürgerumfrage durch die Stadt ergab: Auf Platz 1 der Negativ-Themen steht der Verkehr. 41,5 Prozent der Befragten halten Staus, Baustellen und fehlende Parkplätze für Potsdams derzeit größtes Problem. Noch in diesem Jahr soll deshalb ein Innenstadt-Verkehrskonzept erarbeitet werden. "Potsdam ist keine autogerechte Stadt", sagt Oberbürgermeister Jakobs, "und das ist auch nicht anzustreben." Er möchte so wenig Autos in der Innenstadt wie möglich. Doch selbst mit den größten Staus gelingt ihm das bislang offenbar nicht.

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