Grundschule

Drei Krebsfälle – Forster Eltern behalten Kinder zu Hause

Nachdem drei Kinder einer Forster Schule an Krebs erkrankten, wollen viele Eltern ihren Nachwuchs nicht zur Schule lassen. Sie misstrauen der Verwaltung. Eine chemische Reinigung bringt Diskussionen.

Foto: Amin Akhtar

Der bislang wärmste Tag in diesem Jahr. Kaum eine Wolke am Himmel, kein Wind zu spüren. Vor der St. Nikolai-Kirche bietet eine polnische Händlerin an einem der Stände gut gelaunt Obst und Gemüse an, das Kilo Birnen zu zwei Euro. Auf dem Markt duftet es nach gegrilltem Hähnchen, und es riecht nach billigem Kunstleder. Forst in der Lausitz, eine Kleinstadt am Rande Deutschlands – vor dem letzten Osterferien-Wochenende. Erst 10 Uhr, und schon einiges los im Stadtzentrum. Nicht alle aber gehen ihren Alltagsgeschäften nach oder unternehmen etwas mit ihren Kindern. „Wir haben es bisher nicht einmal geschafft, einen Ausflug mit unserer Tochter zu machen“, sagt Annette Schneider, „denn wir sind hier nur am kämpfen.“

Zusammen mit ihrem Mann Frank und anderen Eltern sitzt die Mutter im Hinterhof ihres Hauses in Forst. Die Gesichter sind angespannt. Seit Wochen sorgen sich die Eltern um ihre Kinder. Ja, schon seit Februar. Da war bekannt geworden, dass in der vierten Klasse der Nordstadt-Grundschule drei Kinder an Krebs erkrankt sind. Nur ein Zufall oder eine gemeinsame schreckliche Ursache? Ende März teilte die Stadtverwaltung in einem Elternbrief mit, sie werde dem von Eltern geäußerten Verdacht nachgehen, die Krebsfälle könnten durch gefährliche Schadstoffe ausgelöst sein. Untersuchungen in der Schule und im Umfeld liefen bereits und würden noch vertieft, versicherte der Vize-Bürgermeister Sven Zuber (CDU).

Annette Schneider und ihrem Mann reichte das aber nicht: Sie wollten ihre siebenjährige Tochter Isabell-Marie vorsorglich nicht mehr zur Schule gehen lassen. Das Mädchen blieb am letzten Schultag vor den Ferien zu Hause. So wie viele andere Kinder an der Nordstadt-Schule, deren Eltern durch die beunruhigende Nachricht aufgeschreckt sind. Wie es aussieht, werden Schneiders ihre Tochter auch am kommenden Montag nach den Ferien nicht zur Schule schicken. Obwohl laut Stadtverwaltung zumindest die ersten Messungen keine erhöhte Schadstoffbelastung am Standort ergeben haben. Das hat sich an diesem Freitagvormittag bereits herumgesprochen. Am Nachmittag will die Stadt Stadt eine Erklärung dazu herausgeben.

Nach Krebsfällen in Grundschule sind viele Eltern in Forst verunsichert

Die Schneiders erfahren die eigentlich erfreuliche Nachricht von einem Journalisten. Doch weder die beiden noch Melanie und Jens Siebert neben ihnen sind erleichtert. Auf der Hollywood-Schaukel wippt Jeanette Weidner nervös auf und ab. „Ich werde Simon erst wieder zur Schule gehen lassen, wenn ich was Schriftlich vorliegen habe“, sagt die Mutter. Melanie Siebert vertraut der Meldung auch nicht. Sie glaubt: „Die wollen doch garantiert nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“

Für Frank Schneider steht fest: „Wir werden darauf pochen, dass sie uns das Original-Protokoll der Messungen übergeben.“ Das will er dann von einem beauftragten Gutachter auswerten lassen. Außerdem bleibt er bei seiner Forderung, die Kinder woanders unterrichten zu lassen, bis jede Gefahr ausgeschlossen ist. Schneider hat nicht nur seine Tochter an der Grundschule, er war dort bis 2009 Hausmeister. Bis er wegen der seiner Ansicht nach durch den Schimmel im Schulkeller verursachten Lungenprobleme in Frührente gehen musste.

Chemische Textilreinigung soll Schuld an Krebsfällen sein

Auf dem Gartentisch vor ihnen liegt die neueste Ausgabe der „Lausitzer Rundschau“. Mit der Schlagzeile zu den Krebsfällen. Gerade eben hat sich der Reporter des Fernsehsenders N24 verabschiedet. Nicht nur ein Team des RBB war da, auch RTL schickte eins vorbei. Auch Sat.1 hat sich bei Frank Schneider angemeldet. Es geht zu wie im Taubenschlag. Den versammelten Eltern gibt das große Medieninteresse ein gutes Gefühl: Sie sind nun nicht mehr allein mit ihren Ängsten. Und der Druck auf die Verantwortlichen bei der Stadt- und Kreisverwaltung wächst. Denn in Forst geht die Angst um, eine chemische Textilreinigung, die zu DDR-Zeiten im Stadtzentrum betrieben wurde, sei schuld an den Erkrankungen der drei Kinder.

Erwiesen ist: Schädliche chlorierte Kohlenwasserstoffe waren von dort ins Grundwasser gelangt. Nach Angaben der Kreisverwaltung Spree-Neiße liegt die Grundschule 600 Meter von der früheren Reinigung entfernt, das Grundwasser fließt aber dorthin. Wo die Reinigung stand, ist mittlerweile die Commerzbank untergebracht. „Aus Vorsorgegründen erließ der Landkreis 2002 für den Bereich eine Allgemeinverfügung, die jegliche Grundwassernutzung wie Bewässerung, Badezwecke und Trinkwassernutzung untersagt“, sagt der Beigeordnete Olaf Lalk der Berliner Morgenpost. „Die jährlich überprüften Belastungen befanden sich bisher unter den Grenzwerten.“

Untersuchungen zeigen nichts Auffälliges

Am Nachmittag liegt die neuste Mitteilung der Stadtverwaltung vor. Die Messungen des Arbeitsmedizinischen Dienstes vom März hätten nach der Auswertung nichts Auffälliges ergeben. „Sämtliche durch das Labor untersuchte Stoffe sind überhaupt nicht oder in geringen nicht relevanten Konzentrationen nachweisbar“, heißt es. Untersucht worden seien auch chlororganische Verbindungen aus der ehemaligen Reinigung. „Sie wurden an allen vier Messstellen im Keller und im Erdgeschoss durch diese erste Untersuchung nicht nachgewiesen“, so die Stadt. „Damit bestätigt sich der geäußerte Verdacht eines Zusammenhanges mit der ehemaligen Reinigung und Erkrankungen am Schulstandort zunächst nicht.“ Dennoch will Vize-Bürgermeister Zuber weiter forschen. Die vertiefenden Messungen würden durch weitere Labore ausgewertet, kündigt er am Freitag an. Die Untersuchungen auf rund 100 Schadstoffe berücksichtigen auch Baumaterialien bei der Sanierung des Gebäudes. Alle Ergebnisse seien bis Ende April bewertet. Dann sei eine weitere Elternversammlung geplant.

Was aber ist bis dahin? Frank Schneider hofft weiter auf Unterstützung von außen. „Wir werden nicht aufgeben, bis wir Klarheit haben“, sagt der Vater. „Die Petitionsplattform change.org hat sich bei mir gemeldet. Da finden wir vielleicht sogar weltweit Gehör.“