Schwimmunterricht

„Hosen runter“ – Eltern protestieren gegen Badeordnung

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Gudrun Mallwitz

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Schulkinder sollen im Potsdamer Schwimmbad am Brauhausberg nackt duschen. Damit wird der Unterricht für manche Kinder kein unbeschwertes Vergnügen, wie Eltern berichten.

Schwimmen, das gefällt den meisten Kindern. Busfahren auch. Für die 3. Klasse der Steinweg-Grundschule in Kleinmachnow steht Schwimmen fest im Stundenplan. Und weil es in der Gemeinde südwestlich von Berlin kein Hallenbad gibt, fahren die Mädchen und Jungen einmal die Woche mit der Klassenlehrerin im Bus nach Potsdam. Zur Schwimmhalle am Brauhausberg. Doch für manche Kinder ist das kein unbeschwertes Vergnügen, wie die Eltern berichten. „Die Kinder werden vor dem Schwimmen gezwungen, sich beim Duschen vor dem Baden komplett auszuziehen – auch vor fremden Erwachsenen“, schildert die Kleinmachnowerin Sandra Pieper das Problem.

Die Mutter bestätigte auf Anfrage der Berliner Morgenpost, dass es wegen des Duschzwangs eine Klassenversammlung gab, sogar die Direktorin und die zuständige Schulrätin wurden eingeschaltet. „Alles ohne Erfolg“, bedauert Sandra Pieper. Wie andere Eltern auch, will die Mutter erreichen, dass es den Kindern künftig selbst überlassen ist, ob sie nackt oder in Badekleidung duschen. Pieper sagt: „Es gibt sicherlich Kinder und Eltern, die damit kein Problem haben. Es gibt aber auch Kinder, für die wird der Schwimmunterricht dadurch zur Belastung.“

Für die Mutter eines Achtjährigen ist der Ausziehzwang in der Gruppe schlichtweg „Nötigung“. Zudem ärgert sie sich über den rüden Umgangston, der in der Schwimmhalle offenbar herrscht. „Kinder erzählen, dass Schwimmlehrer sie zwingen, die Badehosen oder den Bikini auszuziehen.“ Es fielen Sprüche wie „nun habt euch nicht so“ und „Hosen runter“ oder gar: „Wenn ihr nicht in fünf Sekunden die Hosen auszieht, ziehe ich sie euch aus.“

Auch Stefanie Weymann, deren Sohn ebenfalls am Schwimmunterricht teilnimmt, setzt sich seit Jahren vergebens dafür ein, den Nackt-Duschzwang abzuschaffen. „Das Problem gab es schon, als meine zwei mittlerweile 15- und 16-Jährigen in die 3. Klasse der Steinwegschule gingen“, berichtet die Stahnsdorferin. Der „rüde und mitunter sehr seltsam anmutende Umgang mit den Kindern“ sei seit Jahren ein Thema an der Schule. Vor Jahren habe ein Vorfall für massive Entrüstung gesorgt, sagt die Mutter. „Ein Schwimmlehrer, der inzwischen aber schon in Rente ist, soll zu den Jungen der Klasse in der Dusche gesagt haben: ‚Nimm die Hand da weg, du kannst ja zeigen, was du hast.‘“ Kathrin Wedde, die stellvertretende Elternsprecherin der Klasse, kritisiert: „Die Lehrerin liefert die Kinder am Eingang ab, von da an sind sie sich selbst überlassen.“

„Vier Männer in der Dusche“

„Nachdem sich mehrere Eltern beschwerten, gab es vorigen Herbst einen Sonder-Elternabend“, sagt Elternsprecher Gunter Wakulat. „Die Klassenlehrerin erklärte uns dabei, dass die Schule leider nichts unternehmen könne.“ Die Badeordnung der Schwimmhalle schreibe vor, dass unbedingt unbekleidet geduscht werden muss. Auch die Rektorin der Schule, Brigitte Güllmar, erklärte das Problem für nicht lösbar. „Es wurde den besorgten Eltern lediglich zugesagt, dass Fremde in der Zeit keinen Zugang zur Dusche haben, in der die Kinder unbekleidet sind“, sagte Wakulat. „Doch selbst das wird nicht eingehalten. Als ich kürzlich dabei war, kamen währenddessen vier Männer in die Dusche.“ Sie fügt hinzu: „Sie haben im Gegensatz zu den Kindern übrigens nicht nackt geduscht.“ Neben dem Unterricht läuft der normale Badebetrieb. Manche Eltern äußern die Angst, dass ihre Kinder gar heimlich fotografiert oder gefilmt werden.

Wie Elternsprecher Wakulat bestätigt, prüft derzeit ein Anwalt, ob eine Grundrechtsverletzung vorliegt. Auf ihre Anfrage erhielt die Berliner Morgenpost keine Stellungnahme der Schulleitung. Dafür verteidigt die zuständige Schulrätin Heike Noll die umstrittene Duschbestimmung. „Wir können da leider nichts machen, da das Hausrecht nicht bei uns liegt“, erklärt sie. In der Badeordnung der Potsdamer Schwimmhalle am Brauhausberg steht tatsächlich vorgeschrieben: „Vor der Benutzung der Becken, Saunen und Massagen ist eine gründliche Körperreinigung in unbekleidetem Zustand vorzunehmen.“

In Berlin nur eine Bitte

Eine solch rigide Formulierung ist ungewöhnlich. In der Haus- und Badeordnung der Berliner Bäder werden die Badegäste lediglich gebeten: „Bitte waschen Sie sich vor Benutzung unserer Einrichtungen und legen Sie dazu die Badebekleidung ab.“ Auch in Brandenburg lesen sich Badeordnungen in der Regel anders. „Wir zwingen die Kinder nicht, sich nackt auszuziehen und zu duschen“, sagt der Veranstaltungsmanager Thomas Köbcke im Sport- und Bildungszentrum Lindow (Ostprignitz-Ruppin). „Wenn einer lieber mit Badekleidung duscht, ist das kein Problem.“ Im Sportzentrum schwimmen Schulkinder wie Freizeit- und Nachwuchssportler.

Hausherr am Brauhausberg ist die Bäderlandschaft Potsdam. Die GmbH, eine Stadtwerke-Tochter, sieht keinen Handlungsbedarf. Sprecher Stefan Klotz sagt: „Es geht nicht darum, Badegäste zu gängeln.“ Sinn der Bestimmung sei die Einhaltung der Körperhygiene. „Wenn der Schaum vom Duschen nicht abgespült wird, wird er durch die Kleidung aufgesaugt und kommt mit dem Badegast ins Badewasser. Außerdem verleitet das Duschen in Badekleidung dazu, sich nicht den ganzen Körper zu waschen.“ Klotz stellt in Aussicht, dass „im geplanten neuen Freizeitbad ein eigener Duschbereich für das Schulschwimmen eingerichtet wird“. Das Bad wird aber voraussichtlich erst Ende 2016 öffnen.

Die Eltern hoffen nun auf die Politik. Der SPD-Fraktionsvorsitzende in der Stadtverordnetenversammlung, Mike Schubert, sagt: „Ich kenne solche Beschwerden aus Potsdam nicht. Es wird aber sicherlich eine Lösung geben. Eine Badeordnung ist nicht unumstößlich.“ CDU-Fraktionschef Matthias Finken sieht das genauso: „Man wird mit der Bäderlandschaft ins Gespräch kommen.“ Auch Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg zeigt sich aufgeschlossen: „Es sollen sich doch alle wohlfühlen.“