Wohnprojekt

Das ist Brandenburgs erste Inklusions-WG

In Brandenburg sollen Menschen mit Behinderungen gemeinsam mit Assistenten in einer Wohngemeinschaft leben. Das gibt es so bisher erst vier Mal in Deutschland - und könnte Vorbild für Berlin werden.

Foto: Katrin Starke

Der Kuchen auf dem Blech ist noch warm. Cornelia Regele, 23, hat ihn gerade erst aus dem Ofen geholt. Jonathan Mayer greift zur Gabel. „Gut, dass du so einen Backfimmel hast“, lobt der blonde 21-Jährige aus Flensburg die Hobby-Konditorin. Die grinst und verteilt duftende Streuselstücke. Auch André Ladwig, 31, gebürtiger Schweriner, probiert. Regele, Mayer und Ladwig wohnen zusammen und lassen sich gemeinsam in der Dietrich-Bonhoeffer-Schule im Ort zu Heilerziehungspflegern ausbilden. Die Idee zur WG stammt von Oliver Käding, Chef des Potsdamer Vereins „Einzelfallhilfe Manufaktur“. Bald sollen hier Menschen mit Behinderung einziehen. Die erste Inklusions-WG in Brandenburg soll entstehen.

Miete zahlen die Assistenten nicht

Inklusions-WGs gibt es nur vier in ganz Deutschland. Die Mitbewohner ohne Handicap nennt der Sozialpädagoge Käding Assistenten. Sie arbeiten nach einem genau geregelten Dienstplan. Schicht und Freizeit sind klar getrennt. Der Betreuungseinsatz wird den drei angehenden Pflegern als Teil der Ausbildung anerkannt. Miete müssen sie nicht zahlen, stattdessen erhalten sie bis zu 400 Euro Wohngeld. „Nur Montag und Dienstag ist Schule“, erklärt Mayer, der, um an der WG teilzunehmen, von seiner ersten Lehrstätte in Beelitz nach Teltow gezogen ist. Seine Schule liegt nur wenige Gehminuten vom neuen, 220 Quadratmeter großen Zuhause samt großem Garten entfernt.

Monatelang hat Käding nach einem geeigneten Mietobjekt gesucht, ehe er in der Mahlower Straße fündig wurde. „Viele Vermieter hatten Bedenken, als sie vom Projekt erfuhren, fürchteten um den Ruf in der Nachbarschaft oder dass Behinderte die Einrichtung beschädigen könnten.“ Käding schüttelt fassungslos den Kopf. In Österreich kenne man derartige WG-Inklusionskonzepte seit 20 Jahren. In der Mark betritt der Babelsberger Neuland. Und stößt auf erhebliche Schwierigkeiten. Die Bürokratie macht dem 27-Jährigen zu schaffen. Nicht unbedingt im Landkreis Teltow. „In der Kreisverwaltung von Potsdam-Mittelmark wurde sogar eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen.“ Aber in etlichen Sozialämtern Berlins und anderen Brandenburger Kommunen runzele man die Stirn, gebe sich ungelenk im Umgang mit dem Prozedere. Eltern geeigneter WG-Kandidaten kritisieren den großen „Papieraufwand“ bei der Antragstellung. „Die Genehmigungsverfahren ziehen sich über Wochen und Monate hin“, bemerkt Käding verärgert. Was seine Pläne, die WG in Teltow schnell zu komplettieren, ins Schleudern bringt.

Im Dachgeschoss wohnt nun ein Autist

Der erste Bewohner mit Handicap, ein junger Mann namens Darius, ein Autist, kann in diesen Wochen endlich ins ausgebaute Dachgeschoss einziehen. Bei Johanna Lühe, einer jungen Frau mit Downsyndrom, könnte es noch etwas dauern, befürchtet Käding. Vielfach habe er bei den Behörden vorgesprochen. Doch der Amtsschimmel bewege sich nicht.

Obwohl der Gesetzgeber die Weichen gestellt hat: „2008 wurde das persönliche Budget eingeführt“, erklärt Käding. Danach können Menschen mit Behinderung beim Staat finanzielle Unterstützung einfordern, über dieses Geld selbst verfügen und sich entscheiden, ob sie es für einen Platz in einem Wohnheim oder in einer WG ausgeben wollen. „Das Wohnen in einer Inklusions-WG ist nicht teurer als in einer stationären Unterbringung“, wirbt Käding für seine Idee. Doch die Genehmigungsverfahren zögen sich hin, „speziell wenn einer der potenziellen Mitbewohner in einem anderen Bundesland lebt“. Wie bei Johanna Lühe, die noch in Berlin-Lichtenberg gemeldet ist. Seit mehr als einem Jahr wartet sie auf grünes Licht vom zuständigen Sozialamt.

„Die WG ist auch ein Wagnis“

„Bei uns geht alles fließend ineinander über“, ist auch Jonathan Mayer vom Experiment überzeugt. „Darius ist ein Sportfan. Vielleicht nimmt er mich zum Joggen mit“, sagt Mayer. Im Fitnessstudio haben die beiden schon zusammen Schweiß gelassen. Über gemeinsame Aktivitäten könne man einen ganz eigenen Draht aufbauen. „Der vor allem nicht nach acht Stunden abbrechen muss, weil der Dienst zu Ende ist. Hier können wir, wenn wir wollen, einfach weitermachen“, ergänzt André Ladwig. „Aber natürlich ist die WG auch ein Wagnis.“ Ladwig bringt WG-Erfahrung mit, hat in reinen „Männer-Konstellationen“ in Berlin gelebt. „Die Frage der Hygiene war dort ein Dauerbrenner.“ Dass der Streit um einen offenen Toilettendeckel nicht eskaliert, dafür will Stefanie Schröder sorgen. Die 26-Jährige fungiert als WG-Managerin, wohnt selbst nicht im Haus, schaut aber regelmäßig vorbei, um bei Konflikten zu vermitteln.

Bis zum Ausbildungsende wollen Ladwig, Regele und Mayer auf jeden Fall im Teltower Wohnhaus bleiben. „Was danach kommt, wird sich zeigen“, sagen sie. Käding jedenfalls setzt kein zeitliches Limit. „Wer bleiben will, kann bleiben, wer gehen will, kann das auch tun. Hauptsache, die Mischung stimmt.“ Käding denkt derweil schon über eine weitere Inklusions-WG nach. In Berlin oder in Potsdam. Eine kleine Warteliste von Interessierten gebe es bereits.