Buchvorstellung

Eine Entdeckungstour über die Havelseen mit dem Motorboot

Michael Stoffregen-Büller recherchierte mit seinem Motorboot: Aus Liebe zu den Brandenburger Havelseen hat der Münsteraner Orte und Geschichten rund um das Ufer erforscht - und ein Buch herausgebracht.

Foto: Hilke Stoffregen / ©Hilke Stoffregen

Knapp zwei Stunden dauert die Sieben-Seen-Rundfahrt um die Wannsee-Insel mit einem Fahrgastschiff. Sie kann aber auch Jahre dauern. Acht Jahre brauchte Michael Stoffregen-Büller, um die besonderen Orte auf dieser Tour zu erkunden. In einem Buch hat er seine Recherchen zu Wasser und zu Land zusammengetragen. Das Buch schärft nicht nur den Blick für die schöne Uferkulisse, es lässt den Leser auch abtauchen in 200 Jahre deutscher Geschichte — vom preußischen Königreich bis heute.

Jeden Sommer am Wannsee

Vor acht Jahren hatte sich der frühere Fernsehjournalist Stoffregen-Büller mit seiner Frau eine Wohnung am Kleinen Wannsee gekauft, dazu ein Motorboot, die „Seehase“. Seitdem verbringt der heute 75-Jährige, der eigentlich in Münster lebt, jeden Sommer in Wannsee, die meiste Zeit auf dem Wasser. Schon auf den ersten Fahrten über die Havel und deren Seen beeindruckte ihn, was er am Ufer sah. Schlösser, idyllische Parks, schöne Villen, in denen Künstler und Politiker wohnten, die oftmals Geschichte schrieben.

Er wollte mehr wissen und fand viele Bücher, die einzelne Orte im Südwesten Berlins beschreiben. Doch keines widmete sich der gesamten Uferkulisse rund um die Wannsee-Insel. Also nahm er dieses Projekt selbst in Angriff. Immer wieder fuhr er über die sieben Seen: Kleiner Wannsee, Pohlesee, Stölpchensee, Griebnitzsee, Glienicker Lake, Jungfernsee und Großer Wannsee. Er forschte in Archiven und sprach mit Zeitzeugen.

Das Grab des Dichters

Dabei hatte er schnell seinen Lieblingsplatz gefunden: den Jungfernsee. Von der Seemitte fällt sein Blick im Südwesten auf die vergoldete Kuppel des Marmorpalais im Potsdamer Neuen Garten und im Nordosten auf die schneeweiße Fassade des Schlosses auf der Pfaueninsel. Dazwischen liegen die Glienicker Brücke und die Sacrower Heilandskirche. Am liebsten kommt Stoffregen-Büller in den Abendstunden hierher, wenn die Ausflugsschiffe im Hafen liegen und sich Stille über das Wasser legt. Gern stellt er dann den Motor ab und bleibt die Nacht über auf der „Seehase“.

16 Kilometer umfasst die Rundfahrt, die am Kleinen Wannsee beginnt. Am Ufer reiht sich ein Ruderverein an den nächsten, nur an einer Stelle ist die Wasserkante öffentlich zugänglich. Es ist jener Ort, wo der Dichter Heinrich von Kleist am 21. November 1811 erst seine kranke Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoss. Noch heute kann man hier ihr Grab besuchen.

Vom Stolper Loch zum Wannsee

Damals hieß der Kleine Wannsee übrigens noch Stolper Loch. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Ufer erschlossen. Weil sich Immobilien an einem „Loch“ weniger gut verkaufen ließen, bekam das schmale Gewässer einen neuen Namen. Auf der nördlichen Uferseite entstand ab 1869 eine der damals schönsten und nobelsten Siedlungen in ganz Berlin: die Colonie Alsen, in der sich reiche Kaufleute, Industrielle, Bankiers und Künstler ihre Sommerresidenzen bauen ließen.

Zur illustren Wannseer Gesellschaft gehörte Arnold von Siemens mit seiner Frau. Auch der Verleger Carl Langenscheidt hatte hier eine Villa und der Maler Max Liebermann. Dessen restaurierte Sommerresidenz gibt einen Eindruck, wie die Colonie in ihrer besten Zeit ausgesehen haben muss. Heute sind nur noch wenige Villen erhalten, manche Eigentümer waren schon mit der Inflation vertrieben worden. In den 30er-Jahren wurden jüdische Besitzer zum Verkauf gezwungen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lieferte sich der Volkssturm letzte Gefechte mit der Roten Armee, viele Häuser brannten ab, auch das Holzhaus Heinz Rühmanns am Kleinen Wannsee.

Erst 1957 kehrte der Schauspieler nach Wannsee zurück, für die Dreharbeiten zum Film „Der Eiserne Gustav“, über den schon Hans Fallada einen Roman geschrieben hatte. Gedreht wurde zum Teil in den alten Stallungen der Siemens-Villa. Diesen Gustav gab es wirklich. Als 68-Jähriger entschloss sich der „verrückte Droschkenkutscher aus Wannsee“ zu einer 1000-Kilometer-Fahrt mit seiner Kutsche von Berlin nach Paris. Seine Enkelin lebt noch heute im Haus des Großvaters an der Alsenstraße.

Der Teltow-Kanal war der BER seiner Zeit

Hinter dem Kleinen Wannsee, dem Pohlesee und dem Stölpchensee fährt die „Seehase“ durch den Prinz-Friedrich-Leopold-Kanal. 1906 war er feierlich eröffnet worden, als letztes Stück des Teltow-Kanals zwischen Havel und Oder. An einem regnerischen Junitag fuhr der Kaiser als erster durch das Gewässer. Es gibt ein Bild im Buch, das seine Majestät mit Gemahlin und Würdenträgern auf der Kaiserlichen Yacht zeigt. Vergessen waren in diesem Moment wohl die Jahre des Baus. Das Projekt Teltow-Kanal, so recherchierte der Autor, muss für damalige Verhältnisse so etwas wie der BER gewesen sein. Ursprünglich waren 25 Millionen Reichsmark für den Kanalbau veranschlagt, am Ende war die es fast doppelt so viel.

Am Wochenende raus ans Wasser

Auch zu den anderen Seen hat der Autor viele Geschichten zusammengetragen. Ausführlich beschreibt er zum Beispiel die Vorbereitungen zur Dreimächtekonferenz im Schloss Cecilienhof nach dem Zweiten Weltkrieg, lässt aber auch das Freizeitleben der Berliner Anfang des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Damals strömten die Städter an den Wochenenden zu Tausenden Richtung Wannsee. Michael Stoffregen-Büller wünscht sich, dass sein Buch dazu beiträgt, den Blick heutiger Wannsee-Besucher zu schärfen und ihnen Lust auf neue Entdeckungen zu machen.

Michael Stoffregen-Büller: „Uferblicke. Geschichten rund um den Wannsee“, Nicolai-Verlag, 29,95 Euro. Lesung des Autors am 20. November, 19 Uhr, Galerie Mutter Fourage, Chausseestraße 15a, Wannsee. Eintritt frei.