Gedenkstätte

In Brandenburg entsteht ein Wald der gefallenen Soldaten

Auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Geltow entsteht eine zentrale Gedenkstätte für Angehörige der Bundeswehr, die im Dienst gestorben sind. Sie ist in Europa einmalig.

Foto: © Rüthnick Architekten

Der Name Jenny Böken ist auf einer Grabplatte in Geilenkirchen im Rheinland zu lesen. Daneben sind die Umrisse der „Gorch Fock“ eingraviert. Das Segelschulschiff der Bundeswehr war der letzte Einsatzort der Sanitätsoffiziersanwärterin. Im September 2008 ging die 18-Jährige bei einer Übung über Bord und ertrank, nur ihre Leiche konnte aus der Nordsee geborgen werden.

Demnächst wird an die junge Soldatin noch an einem anderen Ort erinnert – auf einer Plakette, die ihren Namen trägt, angebracht an einem der Bäume auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Geltow (Potsdam-Mittelmark). Auf einem 4500 Quadratmeter großen Areal entsteht hier der „Wald der Erinnerung“ – die zentrale Gedenkstätte der Bundeswehr für alle in Ausübung ihres Dienstes verstorbenen Bundeswehrangehörigen, insbesondere für die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommenen Soldaten.

Am 15. November 2014 soll die Gedenkstätte mit einem Festakt in Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eröffnet werden.

Herzstück sind die Ehrenhaine

Die Gedenkstätte dürfte für Aufmerksamkeit sorgen – nicht zuletzt deshalb, weil das mit der Ausführung betraute Berliner Architektenbüro Rüthnick für sein Gestaltungskonzept mit dem German Design Award ausgezeichnet wird. Und weil es nach Einschätzung des Bundes Deutscher Veteranen bislang „im europäischen Raum keinen vergleichbaren Gedenkort“ gibt. Herzstück der Gedenkstätte sind Ehrenhaine. Gebilde aus wuchtigen Feldsteinen, Plaketten und Souvenirs, angelegt von Bundeswehrsoldaten in internationalen Feldlagern im Kosovo, in Bosnien oder Afghanistan im Gedenken an gefallene Kameraden.

Stück für Stück sind die Monumente in den vergangenen Monaten in Containern nach Deutschland gebracht worden. Weitgehend maßstabsgetreu, zumindest aber „unter höchstmöglichem Wiedererkennungswert“ werden sie an ihrem endgültigen Bestimmungsort, dem „Wald der Erinnerung“ nördlich der Henning-von-Tresckow-Kaserne, wiederaufgebaut. An einem Ort mit Symbolkraft. Denn von der Geltower Kaserne aus werden die Auslandseinsätze der Bundeswehr geplant, koordiniert und geleitet. Fünf Ehrenhainelemente haben die Architekten bereits auf märkischen Waldboden gesetzt. Um zwei weitere – aus dem kosovarischen Prizren und dem afghanischen Masar-i-Scharif – soll die Anlage noch ergänzt werden.

Über die Auslandseinsätze informiert wird auf Schautafeln in einem schlicht gehaltenen, quaderförmigen Empfangsgebäude. Daran schließt sich der 150 Meter lange „Weg der Erinnerung“ an. Gesäumt wird der Pfad nicht nur von den Ehrenhainen, sondern auch von sieben Stelen. Darauf werden die Namen der 104 Bundeswehrsoldaten zu lesen sein, die seit 1992 im Auslandseinsatz ums Leben gekommen sind, 37 von ihnen durch fremde Hand, 67 bei Unfällen oder durch Selbstmord. Der Ziegelsteinweg mündet in einen Flachbau, den „Ort der Stille“, der ohne jeden konfessionellen Bezug ist. Trauernde können hier Kerzen aufstellen, sich zurückziehen.

Anstoß haben Angehörige gegeben

Rund zwei Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr die Gedenkstätte kosten. Obwohl sie sich in einem militärischen Sicherheitsbereich befindet, soll sie der Öffentlichkeit zugänglich sein. In eingeschränktem Maße: Ausweise müssen Besucher am Kaserneneingang abgeben, psychologisch geschulte Soldaten werden die Trostsuchenden bei ihrem Gang über das Gelände begleiten.

Den Anstoß zu einem zentralen Gedenkort haben Angehörige gegeben. Hinterbliebene wie Marlis Böken, die Mutter der verunglückten Kadettin, die vor zwei Jahren die Idee eines Gedenkortes in Anlehnung an das Konzept der „Friedwälder“ einbrachte. Ein Konzept, das in einer aus Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums und Angehörigen bestehenden Arbeitsgruppe Anklang fand. Denn: Neben den in Afghanistan, Bosnien oder dem Kosovo Gefallenen sind im Laufe der Jahre in Deutschland 3200 Angehörige der Bundeswehr ums Leben gekommen. Verwandte und Freunde suchten nach einem Ort des Abschieds. In Geltow ist das nun möglich – an Baumstämmen können Trauernde Namensplaketten zur Erinnerung an ihre toten Familienmitglieder anbringen.

Das Bundesverteidigungsministerium prüfte im vergangenen Jahr 13 mögliche Standorte in Berlin und Brandenburg. Die Wahl fiel nicht nur wegen der Symbolkraft des Ortes auf Geltow. Auch die Größe der zur Verfügung stehenden Fläche im Havelseengebiet überzeugte. Und nicht zuletzt, dass es sich um eine Liegenschaft des Verteidigungsministeriums handelt. „Wir mussten schnell reagieren“, heißt es aus dem Einsatzführungskommando. „Denn die Soldaten sorgten sich um den Verbleib der Ehrenhaine nach ihrem Abzug.“ Man habe aber auch die Entscheidungshoheit über Gestaltung und Umsetzung der Gedenkstätte behalten wollen, heißt es aus Projektkreisen.

Ein „hochsensibles“ Projekt

Beim Bund Deutscher Veteranen bewertet man die Gedenkstätte als wichtigen Schritt zur „konstruktiven Auseinandersetzung der Bundesregierung mit den Folgen der Auslandseinsätze“ der Bundeswehr. „Das steigende Aufkommen an Auslandseinsätzen und die damit verbundenen Risiken machen einen solchen Ort unerlässlich“, sagt Sprecher Markus Beckmann. Von einem „hochsensiblen Projekt“ spricht Malte Looff, Geschäftsführer von Rüthnick Architekten und Leiter des Projekts. Sei es doch darum gegangen, „die Ansprüche des Bauherrn und der Hinterbliebenen mit einem hochwertigen Gestaltungskonzept zu verknüpfen“. Das scheint gelungen zu sein: In der Kategorie „Architecture and Urban Space“ soll das Architekturbüro mit dem German Design Award ausgezeichnet werden. Preisverleihung ist im März 2015.