„Neißewelle“

Deutsch-polnische Brücke schürt Angst vor Grenzkriminalität

Die 101 Meter lange Brücke „Neißewelle“ in Coschen (Landkreis Oder-Spree) soll das Dorf mit dem polnischen Zytowan verbinden. Doch einige Einwohner haben Angst vor zunehmenden Diebstählen.

Foto: Mario Behnke / dpa

Noch ist Coschen (Landkreis Oder-Spree) ein Sackgassendorf, typisch für Orte direkt an Oder und Neiße. Die schnurgerade Hauptstraße durch das 350-Seelen-Dorf zwischen Neuzelle und Guben endet nach wenigen Hundert Metern direkt an der Neiße. An schönen Tagen reihen sich hier die Autos der Ausflügler. Seit einigen Monaten lockt noch etwas anderes: Die Baustelle der „Neißewelle“, einer Stahl-Beton-Brücken-Konstruktion, die an jener Stelle gebaut wird, wo bis 1945 eine 100 Meter lange Holzkonstruktion die beiden Flussufer verband.

„In Scharen kommen Schaulustige, vor allem an den Wochenenden“, sagt der Coschener Ortsvorsteher Edmund Henze nicht ohne Stolz. Schließlich ist das Bauwerk die erste neue Brückenverbindung zwischen Brandenburg und Polen seit Jahrzehnten. Noch Ende 2014 geht es für Fußgänger, Rad- und Autofahrer sowie Laster bis zu 7,5 Tonnen über das neue, 101 Meter lange und 14 Meter breite Viadukt von Coschen aus ins polnische Zytowan, einem kleinen Dörfchen.

Auf der gegenüberliegenden Seite wird bereits eifrig gebaut – an Bungalows als Übernachtungsmöglichkeit für Radfahrer. „Endlich kommt der europäische Aufschwung auch zu uns“, freut sich Ortsvorsteher Kazimierz Nowicki.

Baukosten in Höhe von 5,46 Millionen Euro

Zweifellos soll Europa an dieser Stelle weiter zusammenwachsen. So sieht es die Kreisverwaltung Oder-Spree als Bauherr der „Neißewelle“. Denn der Landkreis hat 50 Kilometer deutsch-polnische Grenze, bisher allerdings keinen einzigen Übergang. Und so erwartet es auch die Europäische Union, die immerhin 85 Prozent der Baukosten in Höhe von 5,46 Millionen Euro finanziert. Auf der deutschen Seite hingegen ist die Freude getrübt, nicht nur aufgrund des zu erwartenden steigenden Verkehrs. Hier sind die Leute Ruhe gewöhnt, sehen nicht die Notwendigkeit für eine Brücke. Schließlich gibt es acht Kilometer weiter südlich in Guben gleich zwei Möglichkeiten, die Neiße zu überqueren – per Auto oder per Zug.

Was aber viel mehr zählt, ist die Angst vor Grenzkriminalität, die in der Mark allein im vergangenen Jahr um elf Prozent gestiegen ist. So scheinen auch die Befürchtungen an der Neiße berechtigt zu sein. Häufen sich doch seit zwei, drei Jahren Einbrüche und Diebstähle nicht nur in Coschen selbst, sondern auch in den Nachbardörfern. Rasenmäher, Mopeds, Fahrräder, sogar die Bereifung eines Autos, das auf dem heimischen Hof stand, zählen zum Diebesgut. Henze erzählt von verschwundenen Landmaschinen, die über die Bahngleise ins polnische Gubin gebracht wurden. Die Aufklärungsquote bei Eigentumsdelikten liegt in Brandenburg allerdings nur zwischen zehn und 20 Prozent.

Einwohner berichten von einer Zunahme der Delikte in diesem Jahr. „Die Diebe kommen durch die Gärten und Hinterhöfe. Du kannst nicht mehr ruhig schlafen, weil sie dir nebenan die Bude ausräumen“, erzählt ein Mann. „Früher haben wir nicht einmal nachts die Tür abgeschlossen. Heute kannst du den Schlüssel nicht mal stecken lassen, um kurz in den Garten zu gehen“, erzählt eine Frau, der am helllichten Tag der Schmuck geklaut worden ist. Die Unsicherheit sei groß. Keiner wisse, wie schlimm es werde, wenn die Brücke offen sei.

Dabei ist die „Neißewelle“ noch nicht einmal fertig. Aber man komme herüber, wenn man wolle. Verhindern soll unberechtigtes Passieren ein Wachschutz, den die deutsche Bauleitung engagiert hat, um Diebe abzuschrecken. „Wir haben vorher eine Neißebrücke in Görlitz ans polnische Ufer gebaut und unsere Erfahrungen gemacht“, erzählt Vorarbeiter Uwe Sobiella. Beobachtet werde die Baustelle von zwielichtigen Gestalten regelmäßig. Der Firma, die Ende 2013 an den Fundamenten der Brücke gebaut hatte, waren ohne eine Bewachung regelmäßig Diesel abgezapft und Werkzeuge entwendet worden. Von der abschreckenden Wirkung des Wachschutzes ist Henze allerdings wenig überzeugt.

Diebe sollen durch mehr Kontrollen abgeschreckt werden

Die Brücke sei nicht notwendig, um die Grenze zu überqueren. „Die Neiße ist so flach, da wird beim Durchwaten nicht einmal der Bauchnabel nass“, erklärt der 74-Jährige. In Ratzdorf wurden seinen Informationen nach geklaute Motorräder mit Kähnen ans polnische Ufer transportiert. Trotz allem ist das Coschener Dorfoberhaupt von Beginn an ein Befürworter der Brücke gewesen, schon mit Blick auf den Tourismus. „Es gab ja hier schon vor dem Erstem Weltkrieg eine Brücke. Viele alte Coschener stammen eigentlich von der anderen Neißeseite und erzählen von einem tollen Badesee ganz in der Nähe“, so Henze, der zugeben muss, dass die kommunalen Kontakte nach Polen inzwischen eingeschlafen sind. „Mit der Brücke könnten wir die ja wieder beleben“, überlegt er. Vielleicht schon im September, wenn Coschen sein 600-jähriges Bestehen feiere.

Einzige Voraussetzung: Diebe müssen durch mehr Kontrollen abgeschreckt werden, vor allem in der Nacht. Mit der Forderung nach mehr Polizeipräsenz weiß er sich eins mit Ute Petzel, Bürgermeisterin der Gemeinde Neißemünde, zu der Coschen gehört: „Wir wollen nicht alle Osteuropäer über einen Kamm scheren, aber die, die kriminell sind, müssen abgeschreckt werden.“