Zu hohe Kosten

Mindestlohn macht Obsternte in Brandenburg unrentabel

Die Einführung des Mindestlohns bedrängt die Bauern in den brandenburgischen Anbaugebieten. Viele werden sich die Ernte von Sauerkirschen, Erdbeeren oder Pflaumen bald nicht mehr leisten können.

Foto: Johann Müller

Bei den Obstbauern im Frankfurter Ortsteil Markendorf ist die Sauerkirsch-Ernte in vollem Gange. Thomas Bröcker steht am Rande seiner drei Hektar großen Plantage und beobachtet seine Erntehelfer, die mit um die Hüften geschnallten blauen Eimern geschäftig pflücken und ihre Ausbeute immer wieder in grüne Stiegen auf einem kleinen Traktor entleeren. „Nach der Ernte werde ich die Kirschbäume herausnehmen und durch Äpfel ersetzen“, sagt der 56-Jährige.

38 Cent bekommt er für das Kilo Sauerkirschen, ein ohnehin schon geringer Erlös. 15 Kilogramm Früchte ohne Stiel pflückt eine Saisonkraft in der Stunde. Wird er seinen 35 ausschließlich polnischen Saisonkräften ab kommendem Jahr einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen müssen, entstehen pro Kilo allein 60 Cent Pflückkosten, hat der Obstbauer ausgerechnet. „Ich zahle also drauf, das bringt es nicht mehr“, sagt Bröcker, Mitglied des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg.

So wie die Sauerkirsche dürften auch andere, handarbeitsintensive Obstsorten demnächst verschwinden: Erdbeeren mit noch geringerer Pflückleistung von vier bis sieben Kilogramm pro Stunde, Pflaumen und anderes Beerenobst. Bei Äpfeln hingegen sei der Anteil der Handarbeits-Kosten nicht so hoch – schon allein, weil die Früchte viel größer sind. Süßkirschen lohnten weiterhin, weil die Preise mit ein bis zwei Euro je Kilo deutlich höher liegen.

„Durch die Einführung des Mindestlohnes werden kleine Familienbetriebe langfristig auf der Strecke bleiben“, glaubt Steffen Aurich, Geschäftsführer der Markendorfer Obst eG, in der die 20 Frankfurter Obstbauern, drei Gemüseanbauer aus dem Spreewald und der Oderbruch-Landwirtschaftsbetrieb ODEGA als Erzeugergemeinschaft vereint sind. Die höheren Lohnkosten würden die Branche vor ungeahnte Herausforderungen stellen.

Alle Frankfurter Obstbauern arbeiten bedingt durch die Grenzlage seit Jahren auf ihren insgesamt 450 Hektar Obstanbauflächen mit polnischen Saisonkräften. Fünf bis sechs Euro verdienen diese derzeit pro Stunde. „Sie kommen morgens und fahren abends nach Hause. Vier Wochen sind sie in der Weichobst-Ernte, vier bis fünf Wochen in den Äpfeln.“ Allerdings: „Die Erntehelfer haben in ihrer Heimat ganz andere Lebenshaltungskosten, sie konnten mit dem bisher gezahlten Lohn gut auskommen. Aber wir können unser Obst nicht billig in Polen produzieren lassen, dann ist es kein deutsches Obst mehr“, sagt Bröcker.

Kostenanstieg frisst Erlös auf

Der Obstbauer weiß, dass er sich gegen die Einführung des Mindestlohnes nicht sträuben kann. Seine zwei festangestellten Mitarbeiter bezahlt er schon immer nach Tarif. Doch Hauptkostenfaktor sind die Saisonkräfte. „Der deutsche Staat hat nichts davon, denn ihre Abgaben zahlen unsere Erntehelfer ja in Polen.“ Statt mit polnischen nun mit deutschen Saisonkräften arbeiten will er dennoch nicht. „Die meisten meiner Mitarbeiter habe ich seit 15 Jahren. Sie kennen sich aus, sind eingespielt.“ Würde er stattdessen beispielsweise ungeübte, arbeitslose Deutsche beschäftigen, wären die Pflückmengen angesichts der körperlich anstrengenden Arbeit nicht zu halten. „Und bei dem Preisdruck durch den Handel kann ich mir das einfach nicht leisten.“

Die meisten Brandenburger Obstbauern – 80 Prozent sind kleine Familienbetriebe – hofften, es wenigstens noch bis zur Rente zu schaffen. Dann aber gebe es niemanden, der den Betrieb weiterführen wird, so Bröcker. Schon jetzt befürchtet er, als Obstbauer perspektivisch selbst kein Einkommen mehr zu haben. „Der Kostenanstieg frisst den Erlös auf. Die deutschen Bauern haben schon jetzt laut Statistik ein unterdurchschnittliches Einkommen – deutlich unter 8,50 Euro.“ Der Preisdruck aus Polen, immerhin größter Apfelproduzent Europas, werde immer stärker.

„Der Hauptmarkt Polens war bisher Russland. Doch die politischen Spannungen bewirken, dass sich das Nachbarland verstärkt nach Westeuropa umorientiert.“ Paradoxerweise holen sich die polnischen Landwirte ihre Erntehelfer mittlerweile aus der Ukraine. „Denen müssen sie noch weniger zahlen als ihren Landsleuten, und die bekommen umgerechnet 2,83 Euro“, so der Frankfurter Landwirt, der 35 Hektar Obstplantagen sowie eine ebenso große Anbaufläche mit Getreide und Kartoffeln bewirtschaftet. Über den Preis regele sich nun mal die Nachfrage, vor allem in den Supermärkten. „Ein Viertel unseres Obstes verkaufen wir in der Direktvermarktung. Am Obststand sind die Kunden noch bereit, mehr zu zahlen, wenn Erdbeeren, Äpfel oder Kirschen vor Ort angebaut werden“, sagt Bröker. Allerdings drängten auch hier polnische Obst- und Gemüsehändler ins Grenzgebiet.

Bröcker hofft auf eine gute Apfelernte. Die Bäume hängen voll. In den vergangenen drei Jahren waren die Markendorfer Obstbauern gerade in dieser Hinsicht arg gebeutelt. 2011 erfroren 70 Prozent der Blüten durch späten Frost, ein Jahr später verursachte erst Hagel massive Schäden, später wütete die Pflanzenkrankheit Feuerbrand. Und auch 2013 wurde die Ernte verhagelt.