Brandenburg

Wie die Ziltendorfer eine neue Oder-Brücke verhindern wollen

Um den Bau einer Oder-Brücke zu verhindern, wollen die Bewohner der Ziltendorfer Niederung eine Fährverbindung aus der Vorkriegszeit reanimieren. Die würde nicht nur Lärm verhindern.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Durch die Ziltendorfer Niederung nach Polen – Oderauen-Idylle zwischen Fährverbindung und neuer Grenzbrücke Ziltendorf. Die Idee klingt pfiffig und möglicherweise könnten die Grenzbewohner in der Ziltendorfer Niederung der Bundespolitik ein Schnippchen schlagen. Sie wollen Tatsachen schaffen, bevor der im Bundesverkehrswegeplan stehende neue Grenzübergang zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt realisiert wird.

An sich haben sie nichts gegen eine neue Verbindung nach Polen. Brauchen doch die Bewohner des deutschen Aurith und des polnischen Urad, die nur durch die Oder getrennt einander gegenüber liegen, 42 Kilometer Umweg, um zueinander zu kommen. Der direkte Weg führt über den Grenzfluss.

Laut dem Ende 2010 abgeschlossenen deutsch-polnischen Raumordnungsverfahren soll dafür mitten im Vogelschutzgebiet eine Brücke gebaut werden – nicht in erster Linie für Einheimische und Touristen, sondern vor allem für den Warenverkehr, als Entlastung des Grenzüberganges Frankfurt/Autobahn. Um zu der neuen Brücke in Aurith zu gelangen, müssen 40-Tonner quer durch die Ziltendorfer Niederung.

Ziltendorfer setzen sich für Oder-Fähre ein

Diese Vorstellung treibt die Anwohner seit Jahren auf die Barrikaden. Sie setzen sich deshalb für die Wiederbelebung der Aurither Fährverbindung ans andere Oderufer ein, so wie es sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gab. Ein gutes Vorbild ist die bisher einzige Oderfähre bei Güstebieser Loose im Oderbruch – auch dort eine Wiederbelebung der Vorkriegs-Verbindung.

Kommunalvertreter aus dem polnischen Cybinka und Ostbrandenburg unterzeichneten entsprechende Vereinbarungen und hoffen nicht zuletzt, durch die Fähre bei Aurith eine Brücke zu verhindern. „Ich bin da guter Dinge, die Fähre wäre eine sinnvolle und bedarfsgerechte Alternative“, sagt der zuständige Amtsdirektor von Brieskow-Finkenheerd, Danny Busse. Die Region müsse einfach schneller sein, als der Bund und mit der Fährverbindung Tatsachen schaffen. Schließlich ist der Bundesverkehrswegeplan noch nicht beschlossen, erst im nächsten Jahr soll es Klarheit über die Projekte geben.

Doch vor Ort regte sich kürzlich ungeahnter Widerstand aus den eigenen Reihen. Die gut 1600 Ziltendorfer waren aufgerufen, in einem Bürgerentscheid abzustimmen, ob sich die Gemeinde am Unterhalt eines Fähranlegers beteiligen soll. Einige wenige Kritiker wollten, dass die künftigen Unterhaltungskosten nicht aus dem Gemeindehaushalt finanziert werden. Dabei gehe es um eine Summe von rund 900 Euro jährlich, macht Amtsdirektor Busse deutlich. „Da bekommt mancher Sportverein monatlich mehr“, lautet sein Kommentar. Für ihn eine Genugtuung: Die Kritiker scheiterten knapp.

Deutsch-Polnische Wanderroute ohne Oder-Überquerung

Busse ärgert vor allem der Zeitverzug, der ihm gerade gegenüber den polnischen Partnern eher peinlich ist. Hatte sich die Gemeinde Cybinka doch dazu entschlossen, Kauf und Betrieb der Fähre aus eigenen Kräften zu stemmen. Gemeinsam mit der polnischen Seite und der Euroregion „Pro Europa Viadrina“ ist zudem eine neue grenzüberschreitende Rad- und Wanderroute namens „Oder-Schlaubetal-Schleife“ entwickelt worden. Sie ist bereits ausgeschildert. Was bisher fehlt, ist allerdings die Möglichkeit der Überquerung des Grenzflusses – also die Fähre.

Es gibt noch mehr Hindernisse: „Die neue EU-Förderperiode läuft ziemlich zäh an, es gibt noch nicht einmal Antragsformulare“, macht Busse deutlich. Fördermittel brauche man aber, um den gut 100.000 Euro teuren Fähranleger auf deutscher Seite zu bauen. Schätzungsweise in zwei, drei Jahren könnte die Fähre ablegen – wenn es zu keinen weiteren Zeitverzögerungen komme. „Je länger wir brauchen, um so höher ist die Gefahr, dass die Brücke doch noch kommt“, macht er deutlich.

Angst vor Grenzkriminalität

Für rund 22 Millionen Euro soll die Straßenverbindung über die Oder gebaut werden – zwischen der deutschen Bundesstraße 112 und der polnischen Landesstraße 275. Der Grenzübergang für Schwerlasttransporter wird im regionalen Wachstumskern Frankfurt-Eisenhüttenstadt platziert. Das Papier aus der Eisenhüttenstädter Papierfabrik beispielsweise wird zur Weiterverarbeitung nach Polen gebracht. Das Arcelor-Stahlwerk ist einer der größten Zulieferer von Automobilblechen nach Polen und Tschechien. Vier Trassenführungen waren im Raumordnungsverfahren geprüft worden – die Variante über Aurith war die kostengünstigste. Laut den Berechnungen der Planer werden künftig rund 3000 Transporter täglich auf einer zwölf Meter hohen Brücke über die Oder donnern.

Nicht das einzige Problem der Anwohner. „Die große Frage ist doch: Was kommt von jenseits der Oder zu uns herüber“, formuliert die Aurither Gastwirtin Silke Thurian die Ängste und verweist auf die Grenzkriminalität gerade in den Orten, die einen Grenzübergang nach Polen haben. „Wenn der Bund stur bleibt und den Plan durchdrückt, können wir mit unserem Projekt auch nichts ändern“, meint der Amtsdirektor. Dann, so glaubt Busse, wäre die Fähre zumindest eine Ergänzung zur Brücke. Denn die schwimmende Verbindung ist ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer gedacht. Fuß- oder Radwege sind bei der geplanten Brücke hingegen nicht vorgesehen.