Restaurierung

Rettung für Frankfurts barockes Georgenhospital

Aus einem der ältesten Häuser der Oderstadt wird nach jahrelangem Leerstand ein Quartier für Gäste der Universität Viadrina. Bald soll es auch Führungen auf der Baustelle geben.

Foto: Winfried Mausolf

Die Baugerüste sind höher als das Gebäude selbst. Sie verdecken ein Haus, das als eines der ältesten und bedeutendsten der Frankfurter Stadtgeschichte gilt, seit Jahrzehnten aufgrund seines desolaten Zustandes jedoch ein Schattendasein fristet. Das unter Denkmalschutz stehende Georgenhospital war 1794 als Barockbau vor den Toren der Oderstadt errichtet worden, Vorgängerbauten soll es bereits Anfang des 14. Jahrhunderts gegeben haben.

Laut Historikern diente das Hospital – die Hansestadt Frankfurt hatte in ihren Vorstädten mehrere davon – einst der medizinischen und seelsorgerischen Versorgung der ärmeren Stadtbevölkerung und Ortsfremder. Es lag als Siechenhaus im Mittelalter gleich gegenüber der „Totengasse“. „Bei Seuchengefahr sollten die ‚Aussätzigen‘ außerhalb der Stadtmauern bleiben“, sagt Frankfurts Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel.

Von der früheren Schönheit des im 18. Jahrhundert erbauten, zweistöckigen Georgenhospitals mit dem charakteristischen Mittelgang und dem tief gezogenen Dach ist schon lange nichts mehr zu sehen – die Fensterhöhlen sind leer, die Fassade ist schmutzig und beschmiert, teilweise bröckelt der Putz. In den Balken sitzt der Hausschwamm, der Baugrund gilt wegen der Nähe zur Oder als schwierig.

Noch in den 1980er-Jahren hatten zwei betagte Frauen in dem Haus gelebt. Das archäologische Landesmuseum nutzte ein Jahrzehnt später ein paar Räume. Dann stand das Gebäude unbeachtet und leer. Kein schöner Anblick für Gäste, die von Nordosten her nach Frankfurt kamen, meinten auch die Stadtväter und suchten nach einem neuen Nutzer. Sie hatten das Haus vor 13 Jahren bei einer Zwangsversteigerung aus Privatbesitz erworben. Denn historische Bausubstanz hat Seltenheitswert in der einstigen Garnisonstadt, die zuletzt im Krieg stark zerstört wurde.

Die Lösung fand sich schließlich mit dem Studentenwerk, das nach der Sanierung auf insgesamt 1000 Quadratmetern Nutzfläche 26 Wohn- und Arbeitsräume vor allem für Gastdozenten und -studenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina einrichten will. „Die Universität hat regen Austausch mit mehr als 200 Partneruniversitäten weltweit“, sagt Studentenwerks-Chefin Gudrun Hartmann. Insgesamt rund 2,75 Millionen Euro aus EU- und Landesmitteln sowie aus dem städtischen Haushalt stehen für die Bauarbeiten zur Verfügung.

„Die Gerüste sind deshalb so hoch, weil wir die Sanierung des Hauses mit dem barocken Dachstuhl beginnen werden“, sagt Ulrich Dinse, Chef der unteren Denkmalschutzbehörde Frankfurts. Spätestens im Sommer will er an den Arbeiten auch interessierte Besucher teilhaben lassen. Es soll regelmäßige Führungen geben.

Frankfurter zeigen großes Interesse

Markus Derling, Dezernent für Stadtentwicklung, erzählt von einem überraschend großen Interesse der Frankfurter. „Wir haben ständig Nachfragen, wann es endlich so richtig los geht und wann wir einen Tag der offenen Tür machen.“ Und auch die Viadrina begleitet die Rettung des alten Hauses. Studenten und Mitarbeiter des Studiengangs „Schutz europäischer Kulturgüter“ dokumentieren alles. Derling freut sich über eine städtebauliche „Initialzündung“ für den nördlichen Frankfurter Stadtteil, in dem seit der Wende mehr verfällt, als neu entsteht.

Parallel zur Entkernung des Hauses rückten Archäologen an und haben das Gelände untersucht. Erwartungsgemäß stießen sie auf Reste der früheren Georgenkirche, die im Laufe der Jahrhunderte vor allem infolge von Kriegen mehrfach abgebrannt und wieder aufgebaut worden war. Der mittelalterliche Bau mit dem gotischen Hallenschiff war 1926 abgerissen worden, weil er auf sumpfigem Untergrund als zu baufällig und eng eingeschätzt wurde. Überliefert ist die Beschwerde eines Pfarrers, im Kirchengang hätte nicht einmal ein Brautpaar nebeneinander laufen können. Die meisten Steine verwendete man nach dem Abriss für den Neubau, der mit seinem markanten Kuppeldach seit 1928 etwas weiter westlich steht.

Die entdeckten Fundamente und Teile der Grundmauern sollen nun als Bodendenkmal erhalten bleiben. Gefunden wurden bei den Grabungen Dutzende Gewölbe-Rippensteine aus der einstigen Kirchendecke und auch einer mittelalterliche Säuglingsbestattung.