Prozessionsspinner

Giftige Raupen – Brandenburg setzt auf neues Biozid

Per Hubschrauber gegen Schädlinge: Brandenburg will den Prozessionsspinner mit dem Mittel „Dipel ES“ bekämpfen. So sollen Parks und Wälder begehbar bleiben. Doch das Pestizid ist noch nicht zugelassen.

Foto: WILDLIFE/D.Harms / picture alliance / WILDLIFE

Vermutlich müssen in diesem Jahr Teile der Parks und Gärten, Kinderspielplätze und Waldgebiete doch nicht für die Besucher gesperrt werden: Das Land Brandenburg rechnet für Anfang Mai mit der Zulassung des Biozids "Dipel ES" durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – ein Mittel, mit dem der Eichenprozessionsspinner bekämpft werden soll.

Laut Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) ist es höchste Zeit: "Da die Raupen schnell wachsen, hoffe ich auf ein zügiges Okay des Amtes."

Das Land sei bereits jetzt für die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners bereit: "18.000 Liter des Insektizids sind angeschafft, Hubschrauber geblockt, Kommunen und Forstbehörden stehen parat", sagte Minister Vogelsänger vor dem Infrastrukturausschuss des Landtages in Potsdam. Nach Aussage von Carsten Leßner aus dem Agrarministerium bleiben für den Einsatz des Pestizids nach dem 10. Mai nur noch drei Wochen Zeit. Während gesprüht wird, würden die Gebiete abgesperrt.

Insektizid "Dipel ES" in Siedlungen verboten

Brandenburg und der Bund hatten sich lange nicht auf ein abgestimmtes Vorgehen gegen den gefährlichen Eichenprozessionsspinner einigen können. Auf Grund sehr strenger Vorgaben des zuständigen Bundesamtes zum Insektizideinsatz kann Biozid "Dipel ES" bislang nicht in Straßen und Siedlungen verwendet werden.

Brandenburgs Agrarminister Vogelsänger kritisierte das scharf. Er warf dem Bund vor, eine wirksame Bekämpfung zu blockieren, weil ein flächendeckender Einsatz des wirksamen und trotzdem umweltverträglichen Insektengifts "Dipel ES" aus der Luft noch nicht genehmigt wurde.

Potsdams CDU-Chefin und Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Katherina Reiche, hingegen kritisierte, Vogelsänger sei "auf diesem Gebiet schlicht uninformiert". Er könnte eine am 14. März erlassene Notfallverordnung nutzen. Sie ermögliche es, auch Gebiete wie den Park Sanssouci oder den Park Babelsberg bei Befall mit "Dipel ES" aus der Luft zu besprühen. Innerorts darf das Mittel nur vom Boden aus gesprüht werden. Vogelsänger verwies darauf, dass die Notfall-Zulassung nur Waldflächen betreffe. "Die Parks der Stiftung sind nicht einfach als Wald zu deklarieren."

"Dipel Es" nur für Eichenprozessionsspinner gefährlich

"Dipel Es" ist nach Angaben des Ministeriums biologisch abbaubar und für Menschen und andere Tiere als den Eichenprozessionsspinner ungefährlich. Bei dem Insektizid handele es sich um ein selektives Fraßgift mit dem Wirkstoff "Bacillus thuringiensis", das auf die Eichenblätter gesprüht wird. Die Raupen nehmen es somit über ihre Nahrung auf.

Das Mittel werde seit Jahrzehnten im ökologischen Landbau eingesetzt, sagte der Sprecher des Agrarministeriums, Jens-Uwe Schade der Berliner Morgenpost.

Eichenprozessionsspinner breitet sich in Brandenburg aus

Der Eichenprozessionsspinner breitet sich seit Jahren in Deutschland aus und besiedelt den Wald, aber auch Erholungs- und Siedlungsbereiche. Brennhaare, die ab dem dritten Larvenstadium gebildet werden, führen bei Kontakt unter anderem zu Hautirritationen, Augenreizungen und Atembeschwerden.

Der Eichenprozessionsspinner ist ein wärmeliebender Schmetterling. Das Potenzial an giftigen Brennhaaren erreiche in den nächsten Wochen den Höhepunkt, sagt Ministeriumssprecher Schade. In betroffenen Waldgebieten informiere der Landesbetrieb Forst Brandenburg über das Aussehen der Raupen und Raupennester sowie über mögliche Krankheitssymptome und gibt Hinweise zum Verhalten.

"Es muss davon ausgegangen werden, dass die Schadwirkung der Raupenhaare auch nach der Verpuppung der Raupen durch die alten Raupennester und -häute über Jahre erhalten bleibt", sagt Schade.

15.000 Hektar Eichenwald in Brandenburg betroffen

Nach der Prognose der Forstverwaltung waren im vergangenen Jahr rund 700 Hektar Eichenwälder als besonders gefährdet eingestuft worden. Nicht nur Menschen seien gefährdet, auch die Bäume könnten absterben. Angaben der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten zufolge waren allein in den Parks rund um Potsdams Schlösser 70 Prozent aller Bäume befallen.

Am meisten betroffen sind die Landkreise Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming, Havelland, Teile von Oberhavel, Prignitz und Ostprignitz-Ruppin. Laut Ministerium breitet sich der Eichenprozessionsspinner immer mehr aus. 2012 waren in Brandenburg mehr als 15.000 der 57.000 Hektar Eichenwälder befallen, 2011 waren es nur knapp 4000 Hektar. 2012 seien 3673 Menschen nach Kontakt mit den Brennhaaren erkrankt.

10.000 Berliner Eichen vom Prozessionsspinner befallen

In Berlin ist der Befall noch nicht so stark. Deswegen hat man das Biozid "Margosa-Extrakt" gewählt, das genehmigungsfrei anwendbar ist. Es wird aus den Samen des in den Tropen und Subtropen wachsenden Neembaums gewonnen und soll weitgehend umweltverträglich sein.

Die Bezirksämter wollen von Mitte April bis Mitte Mai überall dort, wo befallene Eichen stehen und sich häufig Menschen aufhalten, das Biozid versprühen, zum Beispiel in der Nähe von Schulen, Kitas und an Bushaltestellen.

In Berlin sind rund 10.000 Eichen auf öffentlichem Boden befallen. Das Land hat rund eine Million Eichen, davon sind 40.000 Straßenbäume. Besonders stark ist Steglitz-Zehlendorf betroffen, aber auch Charlottenburg-Wilmersdorf mit dem Teufelsberg.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.