Landwirtschaft

Zu wenig Jäger – Brandenburg kämpft gegen Wildschäden

Rehe und Wildschweine richten immense Schäden an. Obwohl die Jäger Hunderttausende Tiere erlegen, kommen sie gegen die Bestände nicht an.

Foto: DPA

Mit aufmerksamem Blick mustert Jan Beckmann seine wogenden Rapsfelder nahe Biegen (Landkreis Oder-Spree). Stellenweise sind die Pflanzen ratzekahl abgefressen. „Diese Wildschäden sind echt nicht lustig. Und die Bank fragt nicht danach, wenn es um die Rückzahlung von Krediten geht“, sagt der Landwirt mit bitterem Unterton. Alles einzuzäunen, könne er sich aber nicht leisten, sagt er.

Das Wild in Brandenburg – hauptsächlich sind es Wildschweine, Rehe, Rot- und Damwild – richtet mittlerweile immense Schäden an. Mehr als 164.000 Tiere haben Brandenburgs Jäger laut jüngster Statistik zwischen April 2010 und März 2011 erlegt. Doch obwohl sie so viel geschossen haben wie in kaum einer Saison zuvor, gibt es nach wie vor zu viele Tiere, sind die Bestände so groß wie noch nie.

„Die Tiere verschwinden einfach tage- und wochenlang auf den riesigen Raps- oder Maisfeldern“, sagt Matthias Fochtmann, Mitarbeiter der unteren Jagdbehörde der Kreisverwaltung Oder-Spree. 55 Hektar große Felder seien keine Seltenheit, in seiner Nachbarschaft gibt es gar einen 72 Hektar großen Schlag.

„Raps und Mais bieten nicht nur ausreichend Nahrung, sondern vor allem auch einen Sichtschutz“, sagt der erfahrene Waidmann. Ihm zufolge könnten da auch speziell angelegte Sichtschneisen nicht viel helfen. „Du hörst die Tiere schmatzen und kauen. Im nächsten Moment rennt beispielsweise die komplette Wildschweinrotte durch die Schneise, noch ehe Du zum Gewehr gegriffen hast.“

Und stundenlang mit der Waffe im Anschlag dazusitzen, sei illusorisch, sagt Fochtmann, der deutlich macht, wie aufwendig die Jagd eigentlich ist: Laut einem wissenschaftlichen Großversuch braucht es 21 dieser nächtlichen Versuche, um ein Wildschwein zu erlegen. Fochtmann selbst benötigt etwa zwölf, hat er ausgerechnet. „Da sitze ich also elfmal umsonst, jeweils vier bis fünf Stunden lang“, sagt der 63-Jährige.

Hohe Kosten entstehen

„Das Wild geht nicht über diese Sichtschneisen“, hat Landwirt Beckmann die Erfahrung gemacht. Auch er winkt da beinahe resigniert ab. Die Wildtiere richten bei ihrem „Untertauchen“ auf den Feldern riesige Schäden an. Und für die muss der Jäger aufkommen, der für dieses Gebiet die Jagdpacht übernommen hat – und somit auch die Verantwortung, dass das Gebiet ausreichend bejagt wird. Gelingt dem Jäger das nicht, und entstehen daher Schäden auf den Feldern, haftet er dafür.

„Da kommen auf einen Schlag locker mal 50.000 Euro zusammen – und die muss der Jagdpächter zahlen“, macht Fochtmann deutlich. Seinen Angaben nach sind im Landkreis derzeit zwei dieser Fälle vor Gericht anhängig. „Wenn der Jäger nicht zahlen kann, bleibt ihm nur die private Insolvenz.“ Werden solche Fälle publik, wirken sie abschreckend. „Unter diesen Umständen finden sich kaum noch Jagdpächter“, erzählt er, „uns fehlen definitiv Jäger.“

Von den 325 Revieren im Landkreis seien so schon einige unbesetzt. „Da läuft einen das Wild regelrecht um. Die Rudel sind nicht selten 80 bis 100 Tiere groß“, beschreibt Fochtmann. Wie schlimm es wird, wenn in einem Revier gar nicht mehr gejagt wird, hat Bauer Beckmann erlebt. „Weil der alte Pächter sich nicht kümmerte, gibt es dort Massen von Rotwild, das regelrecht in die Felder drückt“, beschreibt er, erleichtert darüber, dass das betreffende Revier inzwischen neu verpachtet wurde. Der Jacobsdorfer will sich aber nicht länger auf andere verlassen und hat selbst gerade die Jagdprüfung abgelegt. „Man muss doch etwas tun“, begründet er seine Entscheidung. Die Jagdprüfung sei allerdings „nicht ohne“ gewesen. „Das hatte ich mir wirklich leichter vorgestellt.“

Die Brandenburger Jägerschaft ist nach Einschätzung von Fochtmann stark überaltert. Junge Menschen würden aus der Region wegziehen – oder aber sie hätten Jobs, die ihnen kaum Freizeit ließen. Anderen wiederum, sagt Fochtmann, fehle das handwerkliche Können und Geschick. Hinzu komme der fehlende finanzielle Anreiz. War Wildfleisch unter Feinschmeckern noch vor Jahren heiß begehrt, so gibt es aufgrund der starken Vermehrung von Wildschwein, Reh und Hirsch inzwischen ein Überangebot.

„Die Preise sind im Keller, die Jäger müssen die Sachen unter Wert verkaufen“, erklärt Fochtmann. Ideal für eine wirksame Regulierung des Wildbestandes sind seiner Einschätzung nach ortsansässige Waidmänner, wie Beckmann, die im ständigen Kontakt mit Landwirten und Waldbesitzern ihres Reviers sind, wie es auch Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger gefordert hat. „Wichtig ist, dass diese Leute miteinander reden, so dass Bauern oder Förster ihre Beobachtungen zum Wildwechsel mitteilen oder den Anbau auf ihren Feldern mit den Jägern abstimmen“, sind sich Behördenmitarbeiter und Neu-Jäger einig.

Wildschweine sind lernfähig

Beckmann ist überzeugt, dass das Wild genau wisse, wann es geschossen werde dürfe und wann Schonzeit bestehe. „Die Tiere haben einen inneren Kalender“, glaubt er. Fochtmann hält große, revierübergreifende Drückjagden für die effektivste Bejagungsmethode. Allerdings: „Wildschweine sind schlau und lernfähig. Die mogeln sich geschickt durchs Unterholz um die Treiber herum oder rennen sie einfach um.“ Das habe er selbst erlebt. Ähnliches kann er über Rotwild-Rudel berichten.

Laut den Schilderungen von Jägern werden Wildschweine gegenüber Jagdhunden immer aggressiver. Die Waidmänner geben Wölfen die Schuld an dieser gefährlichen Entwicklung. Das Schwarzwild könne schließlich zwischen den Raubtieren und artverwandten Hunden nicht unterscheiden. Wölfe hätten sich darauf verlegt, Frischlinge zu jagen. Die ganze Wildschwein-Rotte stürze sich auf den Angreifer. Nicht selten bekommen Jagdhunde deshalb inzwischen Schutzwesten angelegt, die an Ritterrüstungen erinnern.