Berliner Ring

Angeklagte fährt nach Busunglück mit 14 Toten wieder Auto

In Potsdam hat der Prozess um das Busunglück begonnen, bei dem 14 Menschen auf dem Berliner Ring starben.

Foto: DAPD

Am 26. Oktober 2010 feierte Karolina Przytulo aus dem polnischen Zlonieniec ihren 13. Geburtstag. Die Busreise nach Spanien war ein Geschenk. Die Reisegesellschaft war auf dem Weg nach Hause, als der Bus an diesem 26. Oktober um 10.36 Uhr auf der Autobahn A 10 mit einem Mercedes kollidierte und mit etwa 80 Kilometern pro Stunde gegen einen Brückenpfeiler prallte. 14 Insassen starben, 35 wurden verletzt. Unter den Toten war auch Karolina Przytulo.

Der Unfall und der Tod dieser Menschen ist nun Thema eines Prozesses, der am Freitag vor einer Großen Strafkammer in Potsdam begann. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung ist eine 38-jährige Frau: Beatrice D. wollte am 26. Oktober mit einem alten Mercedes 320 auf die A 10 wechseln. Es war ein regnerischer Sonntag. Den Ermittlungen zufolge hatte sie das ungünstige Wetter nicht genügend berücksichtigt, war ins Schleudern geraten und mit dem Auto gegen den Bus geraten.

Beatrice D.s Verteidiger Carsten C. Hoenig will diese Anklage so nicht hinnehmen. „Eine sehr kleine Ursache löste eine riesige Katastrophe aus“, stellt er in einer Art vorgezogenem Plädoyer fest. „Die Behauptung der Staatsanwaltschaft, die Angeklagte habe fahrlässig und schuldhaft gehandelt, muss jedoch erst einmal geprüft werden.“ Was aber nicht bedeuten solle, dass er und seine Mandantin hier eine Konfliktverteidigung planten. Im Gegenteil, angesichts der erschütternden Situation unmittelbar nach dem Unfall seien den Beamten „natürlich Ermittlungsfehler unterlaufen“. Darauf wolle sich die Verteidigung aber nicht stützen. „Meiner Mandantin geht es vor allem um Aufklärung. Für sich, aber auch für die Angehörigen der Toten und Verletzten. Sie will sich nicht vor der Verantwortung drücken. Sie hat den unbedingten Willen, sich der Verantwortung zu stellen“, sagt Hoenig.

Anschließend verliest Beatrice D. mit brüchiger Stimme und immer wieder von Weinanfällen unterbrochen eine vorbereitete Erklärung. An das Unfallgeschehen hat sie kaum Erinnerungen. Sie, eine Freundin und ein Bekannter planten eine Tagesfahrt nach Polen, um sich dort Zigaretten zu kaufen. Gefahren werden sollte mit dem alten Mercedes des Bekannten. Warum ausgerechnet Beatrice D. hinterm Lenkrad saß, kommt nicht zur Sprache. Sie wisse zwar noch, dass sie gefahren sei, sagt sie. „Aber was danach geschah, weiß ich nicht.“ Ihre Erinnerung setze erst wieder ein, als sie im Krankenhaus aufwachte. „Meine Freundin stand am Bett und sagte, dass wir einen sehr schweren Unfall hatten.“ Erst am nächsten Tag habe sie die volle Wahrheit erfahren. Als sie sich im Krankenhaus eine Zeitung kaufte und die Titelseite sah, auf der von einem verstorbenen Mädchen berichtet wurde – Karolina Przytulo.

Albträume mit Leichenbildern

Ein zweiter vorbereiteter und von ihr verlesener Text behandelt ihre Biografie: Abschluss zehnte Klasse, Ausbildung zur Fernmeldemonteurin, danach Bürotätigkeiten in verschiedenen Betrieben. 1995 wechselte sie zur Berliner Polizei und arbeitet seitdem als Verwaltungsangestellte im Polizeipräsidium. Der Unfall habe jedoch auch bei ihr alles durcheinandergebracht, sagt sie weinend. Sie berichtet von Panikattacken, Albträumen, von quälenden „Leichenbildern“, von Schweißausbrüchen und Selbstmordgedanken. Mehrfach war sie in Kliniken, hat sich Therapien unterzogen. Auch heute sei sie noch in psychologischer Betreuung. Und sie sei auch noch immer arbeitsunfähig.

Für ein Raunen im Saal sorgt die Erklärung der Angeklagten, dass sie inzwischen wieder Auto fahre und ab und an, so ist es herauszuhören, auch auf ihr Motorrad steige. Autobahnfahrten meide sie jedoch. Und vor allem Regenwetter und die Begegnung mit „großen Fahrzeugen“ bereiteten ihr nach wie vor Unbehagen.

Die Vorsitzende Richterin fragt – sehr irritiert wirkend – bei Beatrice D. noch einmal nach, ob ihr die Fahrerlaubnis nach dem Unfall tatsächlich nicht entzogen worden sei. Beatrice D. murmelt eine Antwort, die so viel wie „nein, nicht entzogen“ bedeuten könnte. Die Frage, seit wann sie wieder fährt, kann oder will sie nicht beantworten. Das Fahren gehöre aber zu den Aufgaben, die ihr die Psychologen aufgegeben hätten.

Für den Nebenklagevertreter Radoslaw Niecko ist das schwer nachzuvollziehen. „Das kann doch nicht sein, dass die Frau einfach so weiter fahren darf“, sagt der Anwalt, „das ist ein Versäumnis der Ordnungsbehörden.“ Niecko und sein Kollege Gerold Windfelder, der die Kinder zweier Todesopfer vertritt, hätten sich „von der Angeklagten so etwas wie eine Entschuldigung oder zumindest Bedauern“ gewünscht. „Ich denke, das wäre der Situation angemessen“, sagt Niecko.

Ein sachlicher Zeuge

Sein Mandant, der Busfahrer Grzegorz Jarosz, ist nicht nur Nebenkläger, sondern auch der erste Zeuge in diesem Prozess. Der 42-Jährige ist ein ruhig und bedächtig wirkender Mann. Ohne Groll, bemüht um Sachlichkeit. Er wurde durch den Unfall am Auge verletzt, ist erst seit zwei Wochen wieder arbeitsfähig. Das war nicht leicht für seine Familie. Jarosz ist Alleinverdiener, er hat zwei Kinder.

Er berichtet, dass er und ein Kollege den Bus abwechselnd gesteuert hätten. Anderthalb Stunden vor dem Unfall habe er ausgeruht das Lenkrad übernommen. Er wisse noch, sagt er, dass Sekunden vor dem Unfall Fahrzeuge auf die Autobahn auffahren wollten und er mit dem Bus auf die Mittelspur zog. Er habe noch den roten Mercedes gesehen, der ins Schleudern kam und mit der linken Vorderseite gegen den Bus knallte. „Anschließend setzt meine Erinnerung erst wieder ein, als der Bus stand“, sagt Jarosz.

Er hatte sein Handy genommen und über 112 die Polizei alarmiert. „Da war mir noch nicht bewusst, was überhaupt passiert ist“, erinnert er sich. Das sei ihm erst klar geworden, als er sich umdrehte und hinter sich die grauenvolle Zerstörung sah. Am schwersten war der linke Teil des Busses betroffen, der an dem Brückenpfeiler entlanggeschrammt war. Einige Insassen hatte es regelrecht zerrissen. Zu ihnen zählte auch das Geburtstagskind, die Jüngste im Bus – die 13-jährige Karolina Przytulo.