Bundesbereitschaftspolizei

Wie die Einsatzkräfte den Ernstfall proben

Sie stürmen Wohnungen, schützen Personen und werden bei Demonstrationen eingesetzt: Die Spezialkräfte der Bundesbereitschaftspolizei werden gerufen, wenn die Lage eskaliert. Morgenpost Online war bei einer ihrer Übungen dabei.

Foto: Glanze

Das Schlimmste, erinnert sich Basti, war das Warten. Er hörte im Funk die Meldungen über den wütenden Schwarzen Block, der in Rostock während des G8-Gipfels 2007 Polizisten mit Molotowcocktails und Pflastersteinen angriff. Er hörte Meldungen über Kollegen, die unter dem Beschuss von Schraubenmuttern, die mit Zwillen abgefeuert wurden, zusammenbrachen. „Und wir saßen einsatzbereit in Schwerin und bekamen nicht den Befehl zum Eingreifen, weil man uns dort als Reserve brauchte. Wir sind für solche Einsätze ausgebildet und waren in dieser Situation hilflos. Das war schwer zu ertragen.“ Der 33 Jahre alte Beamte ist Angehöriger der Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft der Bundesbereitschaftspolizei mit Sitz im brandenburgischen Blumberg. Basti und seine Kollegen werden in der kommenden Woche nach Dresden geschickt, wo schwere Ausschreitungen mit rechten und linken Extremisten erwartet werden. Morgenpost Online konnte einen Blick in den Alltag der 123 Mann starken Truppe werfen.

Wohnungssturm im Übungskeller

In einem Keller ihrer Unterkunft haben sich die Beamten eine Trainingswohnung eingerichtet. Zusammengeschustert aus alten Sofas, schiefen Stühlen. In einer Ecke steht ein kaputter Fernseher, auf dem Regal eine Kaffeemaschine. Die Tür ist mit Eisenplatten verstärkt. Warum, wird schnell klar. Mit lautem Krachen fliegt sie aus den Angeln, der Lichtstrahl von Taschenlampen hüllt den Flur in zuckende Helligkeit. „Polizei, Polizei“, hallt es nach allen Seiten, da liegt der Schwerverbrecher auch schon überwältigt am Boden. Zwei Polizisten fesseln ihn, ein Kollege sichert mit der Maschinenpistole. „Aua“, ruft der Festgenommene. „Hab Dich nicht so“, kriegt er einen Schlag auf die Schulter. Dann ziehen die Männer ihre Sturmhauben herunter und grinsen sich an. Übung beendet, der „Böse“ setzt sich in einen anderen Raum. Er wird noch ein Dutzendmal überwältigt werden, dann gibt's einen Rollentausch. „Wir unterscheiden uns von der Einsatzhundertschaft dadurch, dass wir anders ausgestattet und ausgebildet sind, um beispielsweise aus einer Gruppe Steinewerfer gezielt und beweissicher dokumentiert Straftäter herausholen. Zudem übernehmen wir auch taktische Zugriffe, wenn es um die Vollstreckung von Haftbefehlen geht“, sagt der Leiter der Einheit, der anonym bleiben will. Seine Männer würden bei diesen Aktionen optisch sehr an die GSG9 erinnern, „wenn allerdings klar ist, dass Schusswaffen im Spiel sind, werden diese Einheiten angefordert“. Jeder habe seine Aufgabe.

Die seiner „Einheit“ ist speziell und umfangreich. Der Einsatz bei Demonstrationen wie am 1. Mai oder bei Castor-Transporten sowie sogar Personenschutzaufgaben im inneren Gebäudebereich bei Staats- oder Papstbesuchen in Zivil gehören ebenso dazu wie das Stürmen von Wohnungen.

Szenenwechsel, neue Übung. Vor den Garagenanlagen springen 15 Vermummte auf einem Autowrack herum. Sie schleudern Steine, grölen. Sie können die sechs Beamten der Einheit, die sich ihnen nähern, nicht sehen. Die schlagen plötzlich zu: Der „Greifer“ nimmt den Straftäter fest, während seine Kollegen sichern und die Autonomen abwehren. Dann wird der Steinewerfer abgeführt, in der Mitte der rückwärts gehenden Polizisten. Langsam, das demoralisiert. „Uns ist es nicht nur wichtig, als Sieger vom Platz zu gehen, sondern auch nur so viel Gewalt anzuwenden, wie unbedingt erforderlich“, so der Chef der Einheit. Die Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft ist vor den Spezialeinheiten wie der GSG9 quasi die letzte Verteidigungslinie. „Wir arbeiten bei großen Lagen eng mit den Bereitschaftspolizeien der Länder zusammen und sehen für Außenstehende auch ähnlich aus, haben aber einen anderen Auftrag. Wir kümmern uns um besonders gefährliche Täter und werden geschickt, wenn die Lage eskaliert.“

Von Hooligans wiedererkannt

Auch Basti und seine Kollegen dürfen ihre Identitäten durch Masken schützen. „Wir wollen keineswegs einen Sonderstatus suggerieren, aber auch wir bewegen uns im normalen Leben und werden von dem Gegner wiedererkannt“, sagt der Familienvater (33). Er kann sich noch genau an einen Abend in einer Sportsbar mit Kollegen erinnern, als sie von 20 Dynamo-Hooligans entdeckt wurden. „Gegangen sind wir nicht, aber zur Toilette waren wir an diesem Abend stets zu dritt.“ Basti weiß, dass es in Dresden hart zugehen wird. Dass auch er wie so oft getroffen werden kann. „Steinefressen“, heißt das im Jargon. Neuerdings stecken Autonome Polenböller in Mandarinen, um sie zielgenauer auf die Köpfe der Beamten schleudern zu können. „Das ist der Job, wir dürfen diesen Extremisten nicht die Straße überlassen. Außerdem sind wir gut ausgestattet, vertrauen uns blind.“ Teamarbeit sei eben alles. Angst, sagt Basti, habe er vor solchen Einsätzen nicht. „Aber wenn Du vor einer Tür stehst und nicht weißt, was Dich erwartet, das ist etwas anderes.“ Schon zweimal fand er hinter einer solchen Tür Schrotflinten und Maschinenpistolen.

Ein Kollege kommt herein und liest aus einem Einsatzbericht vor. In der zuletzt gestürmten Wohnung wurden Kataloge für Schutzwesten und andere Ausrüstung gefunden. „Auch die Gegenseite rüstet auf“, sagt Basti. „Da sollten wir doch gleich noch einmal in den Keller gehen.“