Babymord in Jüterbog

Lebenslänglich - Eltern wollen in Revision gehen

Ein Ehepaar tötete sein Baby, weil die Ausgaben zu groß werden könnten. Für beide lautet das Urteil Lebenslänglich wegen Mordes. Der Richter sah das finanzielle Motiv als niederen Beweggrund an.

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Es gibt keine Erklärung für diesen Mord. Es kann keine geben. Und auch Frank Tiemann, Vorsitzender der Schwurgerichtskammer am Potsdamer Landgericht, tat sich schwer, zu deuten, was die 38 Jahre alte Kirsten H. und ihren drei Jahre jüngeren Lebensgefährten Marcel T. bewogen hat, ihr gemeinsames Kind zu töten. Beide wurden am Dienstag wegen Mordes verurteilt. Für beide lautete die Strafe Lebenslänglich.

Die Bürokauffrau und der Fliesenleger hatten sich im Jahr 2007 kennengelernt. Kirsten H. brachte schon zwei Kinder mit in diese Beziehung. Ein Jahr später wurde ein drittes gemeinsames Kind geboren. Sie kauften sich für rund 180.000 Euro ein Haus in Jüterbog (Teltow-Fläming) und nahmen dafür ein Darlehen auf. Doch das Geld war knapp. Fällige Zinsen und Nebenkosten wurden offenbar unterschätzt. Immer wieder soll es finanzielle Engpässe und deswegen auch Streit gegeben haben.

Schwere Kopfverletzungen

Beide hatten nach Aussagen von Zeugen regelmäßig getrunken, es war von regelrechten Alkoholexzessen die Rede. Marcel T. war dominant und krankhaft eifersüchtig. Er soll, behauptete zumindest Kirsten H., auch strikt gegen ein viertes Kind gewesen. „Das geht finanziell überhaupt nicht“, soll er gesagt haben. Beide waren dann längst auch nicht mehr ein liebvolles Paar, als am 2. Juni 2009 das vierte Kind in einem im Keller des Hauses gelegenen Büroraum geboren wurde. Ein kleines Mädchen, das aber nur wenige Minuten leben durfte. Marcel T. soll sich sogar noch als Geburtshelfer betätigt haben. Als unvermittelt Marcel T.s Vater zu Besuch kam und die von dem Paar geheim gehaltene Geburt aufzufliegen drohte, soll Marcel T. das Baby und die Nachgeburt in eine Plastiktüte gestopft und sie in der Keller-Bar versteckt haben. Später, als sein Vater das Haus wieder verlassen hatte, so die These der Ermittler, habe Marcel T. das Kind durch Tritte getötet und vergraben. Sie stützten sich dabei auch auf das Gutachten eines Gerichtsmediziners, der bei einer Obduktion festgestellt hatte, dass der Tod des Neugeborenen durch schwere Kopfverletzungen verursacht wurde. Anfang 2011 wurde der kleine Leichnam dann im Garten des Hauses gefunden. Kirsten H. hatte mit ihrem Wissen nicht mehr leben können, einer Bekannten von dem toten Baby gebeichtet und sich der Polizei gestellt.

Bei der Polizei und später auch vor Gericht hatten sich Kirsten H. und Marcel T. die Tötung des Babys gegenseitig anzulasten versucht. Richter Tiemann ging in seiner Urteilsbegründung davon aus, dass es für Tötung des Neugeborenen zwar keinen konkreten gemeinsamen Plan, jedoch eine stille Übereinkunft des Paares gegeben habe. Als Beweggrund nannte er finanzielle Gründe. Die Angeklagten hätten die Kosten für ein weiteres Kind gescheut. Kirsten H. neige dazu, sich Auseinandersetzungen nicht zu stellen. Auch ihr Ex-Partner lasse die Dinge eher laufen, so Tiemann. Und andere Möglichkeiten wie eine Adoption oder das Nutzen einer Babyklappe seien von den Angeklagten gar nicht erst erwogen worden.

Die Schwangerschaft hätten beide bewusst vor Verwandten und Freunden verheimlicht. Und Kirsten H. habe es auch vermieden, ein emotionales Verhältnis zu dem Kind aufzubauen. „Getötet hat er das Baby – aber sie war damit einverstanden“, erklärte der Richter.

Das Töten eines Kindes unmittelbar nach der Geburt wird in der Regel als Totschlag geahndet. Hier handele es jedoch um einen anderen Fall als die typischen Kindstötungen, bei denen die Mütter meist aus tiefer Verzweiflung handeln, sagte Tiemann. Die Motivation des angeklagten Paares sei vergleichbar mit Habgier. Daher auch eine Verurteilung wegen Mordes, weil das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe erfüllt sei.

Die Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert und dabei jeweils dem Mandanten des Kollegen die Schuld zugewiesen. Infrage gestellt wurde auch, ob das Kind nach der Geburt überhaupt gelebt habe. Beide Verteidiger kündigten an, gegen das Urteil in Revision zu gehen.

Babyleiche: DNA entschlüsselt

In einem anderen Verfahren um den Tod eines Babys können Ermittler einen ersten Erfolg verzeichnen: Rechtsmediziner konnten aus Blutflecken an dem Kind und einem Handtuch, in das der Leichnam eingewickelt worden war, Gen-Spuren isolieren. Ein Abgleich mit der Gen-Datenbank ergab jedoch keinen Treffer. Die Frau ist bisher nicht polizeibekannt.

Ein Spaziergänger hatte die Leiche einen Tag vor dem Heiligen Abend in einem Garagenkomplex in Potsdam-West gefunden. Gerichtsmediziner stellten fest, dass das Mädchen in der Nacht zum 23. Dezember geboren wurde und lebensfähig war. Der Leichnam wies Spuren von Gewalt auf, die vermutlich zum Tod führten.