Oderbruch

Reitweiner kämpfen für ihre Baum-Allee

Eine Bürgerinitiative kämpft seit 12 Jahren im Oderbruch um eine alte Baum-Allee oberhalb des Damms bei Reitwein. Mit Erfolg, wie sich jetzt zeigt. Das Landesumweltamt entschied sich für ein Pilotprojekt, das die Fällung der Bäume überflüssig macht.

Foto: Johann Mueller

Wer derzeit auf dem Oder-Neiße-Radweg im Oderbruch unterwegs ist, wird unversehens vom Kreischen von Motorsägen aus der stillen Idylle gerissen. An der mehr als 100 Jahre alten Baumallee auf dem Deich nahe Reitwein fallen imposante Baumriesen.

Die meisten Gehölze waren im Zuge der Hochwassersanierung nach der Jahrhundertflut von 1997 beseitigt worden. Deiche wurden entlang der Oder verbreitert und erhöht. Weite Strecken der Oderdämme waren schon seit Jahrzehnten kahl, denn Bäume auf dem Deich sind bei erhöhten Wasserständen eine Gefahr. Stürzen sie im aufgeweichten Deich um, können sie riesige Wurzelkrater in den Damm reißen Von daher bildet die landschaftsprägende Baumallee auf drei Deichkilometern in Höhe von Reitwein eine absolute Ausnahme. Doch die Eschen, Eichen, Linden und Bergahorn-Bäume sind schon sehr alt. Mangels Vitalität müssen 37 von ihnen gefällt werden, wie Matthias Freude, Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, bestätigt.

Dass die mehrere Hundert Bäume zählende Allee überhaupt noch steht, ist den Anwohnern zu verdanken. Vor zwölf Jahren taten sie sich in einer Bürgerinitiative gegen den Kahlschlag zusammen, um gegen die geplanten Fällungen zu protestieren. Mehr als 10.000 Unterschriften haben sie gesammelt und sich sogar zeitweise an die gefährdeten Bäume gekettet.

„Die Allee ist nicht nur attraktiv im ansonsten recht kahlen Oderbruch, sondern auch Lebensraum für Wildtiere und Vögel. Also wollten wir die Bäume nicht verlieren“, erinnert sich Hermann Kaiser von der Bürgerinitiative.

Und so entschied sich das Landesumweltamt letztlich für einen Kompromiss, der nicht unumstritten war. Trotz des Streits zwischen Deichfachleuten und Umweltschützern entstand mit Zustimmung von Umweltministerium und Landesrechnungshof ein Pilotprojekt: Auf etwa zweieinhalb Kilometern wurde der Deich auf seiner Wasserseite angeschüttet, das Profil des Walls verlagerte sich damit. Rund 300 Alleebäume standen nun nicht mehr in der Mitte des Dammes, sondern konnten an der Landseite weiterwachsen. „Diese Methode war deutlich billiger als die traditionelle Deichsanierung. Wir ersparten uns unter anderem Ausgleichszahlungen für gefällte Bäume“, erklärt Umweltamtspräsident Freude.

Der weit kostspieligere Teil des Pilotprojekts: Auf 500 Meter Länge – wo es im Flussvorland keinen Platz für eine Anschüttung gab – wurden vor sechs Jahren Stahlspundwände zwölf Meter tief in den Deichkörper getrieben. Seit dem beobachteten Fachleute und Anwohner den Baumbestand auf dem Deich: Würden die 100 Jahre alten Baumriesen diesen gravierenden Eingriff überstehen? Wenn ja, so könnte das Pilotprojekt laut Freude in Brandenburg Schule machen. Auch an Elbe und Schwarzer Elster gibt es seinen Angaben nach wertvolle Bäume auf dem Deich, die bei einer Hochwasserertüchtigung eigentlich weichen müssten. „Dafür haben wir an der Oder wertvolle Erfahrungen gesammelt“, resümiert Freude.

Die Vorschüttungen am Deich bereiteten den Bäumen keine Probleme, die Spundwand hingegen hemme die Wasserzufuhr. „Es gibt Arten, die das besser vertragen als andere“, so Freude. Eichen zum Beispiel oder auch Bergahorn. Linden und Eschen hingegen seien empfindlicher. Und so sind es vor allem diese Laubbaumarten, die jetzt der Säge zum Opfer fallen. „Die Eschen waren jedoch hauptsächlich von einem Pilz befallen, der seit 2009 in ganz Mitteleuropa zu einem Baumsterben führte und der in Brandenburg vor allem im Spreewald und im Havelland gewütet hat“, erklärt Freude.

Für die jetzt gefällten Bäume sollen laut Freude noch in diesem Jahr 100 Nachpflanzungen erfolgen – wieder auf dem Deich, denn insgesamt, so der Präsident, sei das Pilotprojekt geglückt. Die Aussicht auf Baumersatz freut auch die Reitweiner Bürgerinitiative. „Für uns gibt es keinen Grund, erneut auf die Barrikaden zu gehen – wenn nachgepflanzt wird, können wir damit leben“, sagt Kaiser, der das Absterben vieler imposanter Eschen allerdings bedauert. Nach wie vor ist er stolz, dass die landschaftsprägende Deichallee an sich erhalten werden konnte.

„Viele von uns sind mit diesen Bäumen aufgewachsen. Das wollen wir auch der nachfolgenden Generation ermöglichen“, sagt Hermann Kaiser.