Graffitis

Straßenkünstler bringen Farbe nach Potsdam

Viele Menschen verbinden Graffiti nur mit unerwünschten Schmierereien. Doch es geht auch anders: In Potsdam verschönern Graffiti-Sprayer des Unternehmens Art-efx Stromkästen, Fassaden und Trafohäuschen.

Daniel Siering schaut auf die Zeichnung in seiner Hand und schüttelt eine Spraydose. Dann sprüht er zügig ein paar braune Linien auf die Wand vor ihm, die zu einem Trafohäuschen im Potsdamer Stadtteil Fahrland gehört. Der 31 Jahre alte gelernte Tischler, der seit seiner Jugend Sprayer ist, arbeitet für die Potsdamer Firma Art-efx. Das Unternehmen verschönert mit Graffiti Stromkästen, Trafohäuschen, Garagentore und Häuserfassaden in ganz Deutschland.

„Die meisten Kunden wollen ein Motiv mit Natur“, sagt Siering und nimmt die Maske vom Gesicht, die ihn vor giftigen Dämpfen schützt. Auch auf dem Trafohäuschen in Fahrland einsteht eine idyllische Landschaft – im Auftrag der Potsdamer Stadtwerke EWP. Siering verpasst dem Reh, das im Vordergrund steht, Ohren. Sein drei Jahre jüngerer Kollege Martin Hoffmann sprüht auf der gegenüberliegenden Seite Blumen auf eine Wiese.

Gegründet wurde Art-efx von drei Potsdamern. Sie begannen noch während des Studiums damit, Flächen gegen Bezahlung zu gestalten. Aus einem illegalen Hobby machten sie ein legales Geschäft – mit Erfolg. Allein in Brandenburg haben die mittlerweile 14 Mitarbeiter der Firma etwa 600 Werke geschaffen, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 300, in Schleswig-Holstein 150. Auch in Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sind neuerdings Art-efx-Zeichnungen zu finden, wie einer der Firmengründer, Ronny Bellovics, berichtet.

Allein für die Stadtwerke habe Art-efx schon 120 Trafohäuschen und 250 Stromverteiler gestaltet, sagt EWP-Sprecher Klotz. Von den Anwohnern komme meist ein positives Feedback, die meisten freuten sich über ein bisschen Farbe statt des üblichen Graus.

Hobby zum Beruf gemacht

Neben Stadtwerken sind auch Stromkonzerne, Wohnungsbauunternehmen oder Privatkunden die Auftraggeber. Art-efx schlage selbst ein Motiv vor oder gestalte die Vorschläge der Kunden, dann werde ein Entwurf vorgelegt, sagt Bellovics. Sind beide Seiten zufrieden, wird mit dem Sprühen begonnen.

Die meisten Wünsche könnten die Grafiker, wie Bellovics die Sprayer nennt, erfüllen. „Nur Sex und Krieg schließen wir als Themen aus“, sagt der 33-Jährige. Die Art-efx-Stromkästen, das Kerngeschäft der Firma, passen sich oft an die Landschaft an und sind erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen. Manche suggerieren dem Betrachter einen Briefkasten, Gartenzaun oder Trambahnwaggon, andere stellen das Innenleben eines Stromkastens dar.

Obwohl mit Sprayern oft Illegalität verbunden wird, würden sie selten auf ihr Tun angesprochen, berichten Siering und Hoffmann. Was möglicherweise an den zahlreichen Utensilien liegt, die sie neben dem Trafohäuschen ausgebreitet haben und die Professionalität ihrer Arbeit vermitteln: Neben zwei Kisten voll mit Schablonen und Linealen stehen unzählige Spraydosen in allen erdenklichen Farben.

Das Reh ist nun deutlich als solches zu erkennen, Daniel Siering macht sich jetzt an die Feinabstufung. Immer wieder greift er sich eine andere Farbdose und zeichnet scheinbar mühelos einige Linien, die das Tier zusehends plastischer wirken lassen. Ihm selbst wäre ein solches Motiv zu kitschig, sagt er ein wenig verlegen. „Aber ich stehe zu meiner Arbeit.“ Und schließlich zählt der Kundenauftrag.