Flugroutengegner

Berliner wollen Wowereit "auf den Keks" gehen

Mehr als 2000 Menschen haben am Montagabend in Berlin-Friedrichshagen gegen die geplanten Flugrouten über dem Müggelsee protestiert. Leander Haußmann übernahm die Regie und wusste zu begeistern.

An diesem Montagabend steht Leander Haußmann wieder auf der Bühne. Zu seinen Füßen haben sich die kleinsten Anwohner des Müggelsees postiert, Kinder sitzen im Halbkreis vor der kleinen Bühne auf dem Marktplatz von Friedrichshagen, dahinter die Familien, wie immer sind zahlreiche Senioren gekommen, halten Protestschilder hoch. Gespannt blicken sie auf den Mann, dem der Regierende Bürgermeister jüngst Hausverbot erteilte. Leander Haußmann, Regisseur des Films „Sonnenallee“ und – mit Unterbrechungen – Friedrichshagener seit dem 4. Lebensjahr.

„Wowereit, hebe deinen Arsch hierher und übe deinen Beruf aus – sei ein Meister der Bürger“, hatte er das letzte Mal getönt. Der Regierende Bürgermeister nahm das übel und lud ihn aus. Auch jetzt blickt Haußmann kampfeslustig durch seine Hornbrille, seine Faust ziert ein Totenkopfring. „Nach 700 Demos haben wir das Recht, emotional zu werden“, ruft er. Dem Herrn Wowereit müsse man weiter auf den Keks gehen, auch wenn die Flugzeuge fliegen. „Dieser Marktplatz hier, der wird zu klein, lasst uns in die Stadt ziehen, damit uns alle sehen“, ruft er. Das kommt an in Friedrichshagen, das Publikum johlt.

Die Bürgerinitiative Friedrichshagen hat zur siebten Montagsdemo aufgerufen, die Unterstützer sind aus Stahnsdorf, Zehlendorf, Biesdorf, aus dem Märchenviertel, aus Neuenhagen oder Biesdorf angereist. Nach Angaben der Veranstalter sind es mehr als je zuvor, mehr als 2000 Menschen. Inzwischen ist es für viele ein allwöchentliches Ritual, die Stimmung ist aufgeladen. „Das ist richtig aufregend, es schweißt uns zusammen“, sagt eine Frau.

Die Anwohner des Müggelsees fürchten um das Erholungsgebiet und die Wohngebiete in Friedrichshagen und Schöneiche und fordern ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr. Nach Angaben der Bürgerinitiative sind rund 620.000 Menschen in der Region von den jüngsten Flugroutenplänen der Deutschen Flugsicherung für den Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld unmittelbar betroffen. 80.000 von ihnen müssen mit erheblichen Lärmbelästigungen rechnen, wenn BER im Juni 2012 in Betrieb geht. Bei Ostwind sollen demnach täglich bis zu 122 startende Flugzeuge das Naherholungsgebiet Müggelsee in einer Mindesthöhe von 1150 Metern überfliegen. Die Idee, bald in der Innenstadt zu demonstrieren, finden sie gut. Derzeit sind die Demonstranten noch mit dem nächsten Großevent beschäftigt, am 28. August 2011 soll es eine Menschenkette rund um den Müggelsee geben, eine fast anderthalb Kilometer lange Bootskette soll die Lücke schließen. Nun werden 200 Boote organisiert.

Auftritte im Wahlkampf

Inzwischen ist Friedrichshagen zu einer Art Wahlkampftreff geworden. Renate Künast (Grüne) erntete Pfiffe bei der Demonstration in der vergangenen Woche. Gregor Gysi (Linke) prangerte das Gemauschel der Politiker bei der Planung an. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) versprach Betroffenen so genannte Lärmkarten auszugeben, auf denen jeder Bürger eintragen soll, welche Route sich im Lärmpegel niederschlägt. Auch CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel hatte ein Ohr für die Flugroutengegner. Während Künast empfahl, alle Einwände und Gutachten an das Bundesumweltamt zu senden, organisierten Henkel und der Köpenicker CDU-Direktkandidat Niels Korte am Montag ein Treffen mit Klaus-Dieter Scheuerle, Staatssekretär der CDU, und einem Vertreter der Deutschen Flugsicherung.

So konnte Ralf Müller, Sprecher der Friedrichshagener Bürgerinitiative, der am Gespräch teilnahm, eine gute Nachricht verkünden. „Alternative Flugrouten, die eine Lärmentlastung für alle bedeuten, werden noch in die Prüfung mit einbezogen“, verkündete er auf der Demonstration. Bis Anfang Dezember könnten noch Vorschläge mit eingebracht werden. Sollte bei der Prüfung der alternativen Routen herauskommen, dass sie eine echte Alternative sein können, muss die Fluglärmkommission in der nächsten Sitzung am 26. September darüber entscheiden. Enttäuscht zeigte Müller sich über das Gespräch bei Wowereit. „Das Gespräch war angenehm, aber hart in der Sache“, sagte er. Sowohl beim Nachtflugverbot als auch bei der Diskussion um das internationale Drehkreuz habe sich der Bürgermeister unnachgiebig gezeigt. „Man hatte das Gefühl, dass der Chef der Flugsicherung auf seinem Schoß saß“, polterte Müller.

Inzwischen haben Flugroutengegner auch einen Song zum Protest. Das Wowereit-Lied, das Liselotte Reznicek geschrieben hat. Reznicek, frühere Frontfrau der Ostberliner Band Mona Lise, will das Lied bald auch am Wannsee singen. „Ossis und Wessis dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen“, sagte sie. „500.000 waren wir bei der Wende, wenn die vom Wannsee uns unterstützen, sind wir sogar noch mehr.“