Online-Museum

Stahnsdorfer dokumentieren ihre Geschichte im Netz

Heimatkundler Peter Reichelt will die Vergangenheit seines Wohnortes nachzeichnen und im Internet dokumentieren. Kalender, Blumenvasen, Briefe – der Fundus an Material ist riesig.

Foto: picture-alliance / picture-alliance/chromorange

Unter den Stahnsdorfer Heimatforschern zählt er zu den jüngsten. Peter Reichelt ist gerade einmal 46, seine Mitstreiter sind gut 20 Jahre älter. „Die Lust, zwischen staubigen Aktendeckeln nach einem Stück authentischer Geschichte, den eigenen Wurzeln, zu fahnden, entdecken viele erst im gesetzten Alter“, sagt Reichelt, den die Liebe zu seiner Frau vor nahezu 30 Jahren in deren Heimat, nach Stahnsdorf, geführt hat. Und Reichelt forscht gern danach, wie die Dinge früher waren.

Mit sechs Jahren hat der gebürtige Wismarer sein erstes Buch aus dem Antiquariat geschenkt bekommen – ein mecklenburgisches Gesangbuch. Der Beginn einer Leidenschaft. Reichelt liebt den Geruch vergilbter Seiten, von Holzwürmern zerfressener Kommoden, im Keller gelagerter Fotoalben. Diesen Duft atmet er tief ein. Auf so etwas muss verzichten, wer Reichelts kürzlich gegründetes Stahnsdorfer Heimatmuseum besucht. Das nämlich geht nur virtuell. Reichelt hat ein Online-Museum gegründet, als Website. „Seit Jahren wünsche ich mir ein kleines Museum, zumindest eine Heimatstube in Stahnsdorf. Aber mir fehlen die Zeit, es zu betreiben, und die finanziellen Möglichkeiten, entsprechende Räume zu mieten“, sagt der Sammler. „Das Internet bot die Lösung.“

Obwohl es ihm an möglichem Ausstellungsmaterial nicht fehlt – vom Teltower Kreiskalender, der zu DDR-Zeiten nicht zu haben war, Blumenvasen aus den 50er- Jahren, versehen mit dem Wappen Stahnsdorfs, über Briefe von der Front an Eltern und Geschwister in der Heimat, aufgegeben 1870, bis hin zu alten Zeitungen wie dem „Ortsanzeiger“. Fotos von Hochzeitspaaren, die vor Gebäuden posieren, die heute längst abgerissen sind, und Bücher zur Stahnsdorfer Postgeschichte aus dem 16. Jahrhundert sind ebenfalls dabei. Das ganze Haus nutzt Reichelt für seine Sammlung.

Sogar die Pflanzenwelt wird erfasst

Ehefrau Barbara trägt es mit Fassung. Ihr bleibt der Garten. Darin wachsen nicht etwa nur Primeln und Stiefmütterchen. Vielmehr begeistert auch Frau Reichelt sich für Althergebrachtes. Kräuter, die Nonnen und Heilerinnen schon vor Jahrhunderten aus dem märkischen Boden gezogen haben, sind ihr Hobby. Was wächst auf dem Friedhof hinter der Kirche? Wie wirkt das Kraut? Fragen, denen Barbara Reichelt nachgeht. Und Wissen, das sie in diversen Kursen an Schüler aus der Umgebung weitergibt. Barbara Reichelt nimmt auch am Tag der offenen Gärten teil. Dann dürfen Interessierte einen Blick auf ihre Pflanzenwelt werfen.

„Bei der Suche nach Puzzleteilen, mit denen sich das Bild unserer Vergangenheit zusammensetzen lässt, finden wir uns auch als Paar wieder“, sagt sie mit einem Lächeln. Dass sie im Online-Museum ebenfalls einen Bereich bekommt, ist beschlossene Sache. Trotz des umfangreichen Fundus, den die Reichelts an Historischem schon zusammengetragen haben, hoffen sie auf die Unterstützung. „Tagebücher, Postkarten, Urkunden – gerade die kleinen Dinge aus dem Alltag können jede Menge Aufschluss geben“, sagt Peter Reichelt. Als er vor einigen Jahren die im Keller der Dorfkirche gelagerten Akten sichten und sortieren sollte, machte der Heimatforscher einige interessante Entdeckungen. „Seit den 40er-Jahren hieß es offiziell, dass die Patronatsbank in der Kirche aus dem 18. oder 19. Jahrhundert stammt. Ein Urteil, das Kunstschätzer damals fälschlich abgegeben haben und das in sämtlichen Publikationen veröffentlicht und übernommen wurde.“ Dass es sich dabei um einen Irrtum handelt, deckte erst Reichelt auf. Schriften, die er im Keller der Dorfkirche fand, belegen, dass die Bank bereits im Jahr 1580 gebaut wurde. Kleine Höhepunkte im Leben des Heimatforschers.

Einen ganzen Sommer verbrachte Reichelt seinerzeit im dunklen Gemäuer der Kirche. Kreuz und quer lagen die Akten, Urkunden und Schreiben – ein über Jahrzehnte angewachsenes Chaos. Der Maschinist nahm seinen Jahresurlaub, um „auf Entdeckungsreise zu gehen“, wie er sagt. Inzwischen sind Heimatkundler aus der Umgebung auf die Schätze ihres Nachbarn aufmerksam geworden. Und auf das Online-Museum.

Reichelt freut das. „Ich bin auf die Dinge, die auf den Dachböden, in Truhen und Schubladen vergessen wurden, angewiesen, um das Bild Stahnsdorfs zusammenzusetzen – und das werde jetzt ich im Internet zeichnen.“

=> Das Online-Museum ist im Internet zu finden: www.stahnsdorf-geschichte.de