Potsdam

Wie ein Klüngel den SV Babelsberg ruinierte

Der Fall des insolvenzbedrohten Fußballvereines SV Babelsberg steht exemplarisch für die Machenschaften in Potsdam: Wenige Männer mit viel Einfluss, die sich regelmäßig Affären und Skandale leisten - und sich im Notfall gegenseitig decken.

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Am Abend sind sie raus zum Stadion gefahren, die lange Karl-Liebknecht-Straße entlang, vorbei an den alten Bäumen, den Straßencafés. Junge Männer mit Baseballkappen oder Sonnenbrillen. Auf dem Spielfeld stand noch die Sonne, in der Geschäftsstelle dagegen waren die Mienen düster. Die Mitarbeiter dort leiden wie sie, die Fans. Denn ihr Verein, der SV Babelsberg 03, steht kurz vor der Pleite. Sie haben Isomatten dabei und eine Musikanlage. Wenn es sein muss, bleiben sie noch Tage. Eine Lösung muss her: Geld, sonst bleiben nur die Pleite und der Zwangsabstieg.

Der Wortführer der Gruppe sagt: „Der Vorstand muss gehen.“ Er habe genug von Politikern im Vorstand. Denn Politiker im Vorstand bedeuten Postengeschiebe, Gefälligkeiten unter Spezis, Geschäfte, bei denen man nicht weiß, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Tatsächlich legt ausgerechnet der Fall eines insolvenzbedrohten Drittligisten schonungslos offen, wie in Brandenburgs Landeshauptstadt oft alles mit allem zusammenhängt: Politik, städtische Betriebe, Unternehmer mit Parteibuch von SPD oder CDU – so eng sieht man das nicht.

Es ist ein Musterbeispiel dafür, wieso Potsdam im Ruf steht, einen unauflösbaren Filz zu beheimaten. Ein Beispiel dafür, wie eine kleine Gruppe Männer die Stadt beherrscht. Denn es ist eine Geschichte, in der alte Bekannte auftauchen. Auch solche, die schon in anderen unguten Zusammenhängen eine Rolle gespielt haben.

Rainer Speer etwa, der Präsident des SV Babelsberg. Speer ist ein ehemaliger Vertrauter von Ministerpräsident Matthias Platzeck, bis vergangenen Herbst war er Innenminister. Er musste zurücktreten. Speers frühere Geliebte – sie arbeitete einmal im selben Ministerium wie er – hatte für ein gemeinsames uneheliches Kind jahrelang Unterhalt vom Staat erhalten, weil der Vater nicht zahlen wollte. Speer behauptete, er habe nicht gewusst, dass er der Kindesvater ist.

Rainer Speer muss gehen

Oder Peter Paffhausen, bis vor ein paar Tagen noch Chef der Potsdamer Stadtwerke. Er musste zurücktreten, weil sein Unternehmen die Detektei eines früheren Stasi-Mannes anheuerte, um eine andere Firma auszuspähen. Es war auch sein Ende als Aufsichtsratschef bei SV Babelsberg 03. Oder Thilo Steinbach, Unternehmensberater, CDU, ein guter Freund von Speer, auch er ist Vorstand des SV Babelsberg.

Oder Frank Marczinek, einst Spitzel in Diensten der Stasi, heute Geschäftsmann, CDU-Mitglied. Auch er war bis vor Kurzem Vorstand des SV Babelsberg. Diese und ein paar andere Männer haben also die Geschicke des SV Babelsberg bestimmt, dem nun rund 1,4 Millionen Euro fehlen, damit er auch nächste Saison in der dritten Liga spielen darf. Das ist sehr viel Geld angesichts eines Jahresetats von 2,7 Millionen Euro.

Natürlich will niemand schuld sein an der Misere. Zurücktreten, wie es die Fans fordern – warum? „Es ist nicht der Zeitpunkt, mich zurückzuziehen“, sagt Speer. Wenn der Aufsichtsrat das aber wolle, dann müsse er einen Vorschlag bringen. Und der Aufsichtsrat hat einen Vorschlag gebracht. Am Montag soll der Babelsberger Kinobetreiber Thomas Bastian zum neuen Vorstandsvorsitzenden gewählt werden. Darauf hat sich der Aufsichtsrat am Sonnabend vorab geeinigt.

Brandenburg ist eines der kleinsten Bundesländer, trotzdem produziert die politische Elite Potsdams Affären, Skandälchen und Skandale in atemberaubender Abfolge: Landtagsabgeordnete, deren frühere Stasi-Tätigkeit plötzlich auffliegt, Unterhaltsaffäre des einen Ministers, Dienstwagenaffäre des anderen, die Folge: zwei Rücktritte. Stasi-Enthüllungen bei Polizei und Justiz. Und nicht zu vergessen ein millionenschweres Grundstücksgeschäft, das in der Stadt als „Krampnitz-Affäre“ firmiert. Es gibt einen Untersuchungsausschuss im Landtag. Die Staatsanwaltschaft kümmert sich um den Deal.

Beteiligt war Rainer Speer, damals Finanzminister. Und auch Frank Marczinek und Thilo Steinbach spielen eine Rolle darin. Im Jahr 2007 lässt das Land das ehemalige Kasernengelände in Potsdamer Norden, 112 Hektar groß, verkaufen. Das Land hat dafür unter Rainer Speer als Finanzminister ein Unternehmen beauftragt, das kurz zuvor noch dem Land gehörte: die Brandenburgische Bodengesellschaft. Speers Ministerium hatte sie 2006 für günstige 3,9 Millionen Euro an Marczinek abgegeben. Marczinek veräußerte das Kasernengelände für 4,1 Millionen Euro angeblich an eine namhafte dänische Immobiliengruppe, die dort angeblich einen „Country Club“ errichten will. Der tatsächliche Käufer ist allerdings ein anderer: ein dubioses Firmengeflecht, hinter dem ein Anwalt mit besten SPD-Kontakten steht.

Das Land weiß nicht, wer der wahre Käufer ist. Niemand hat geprüft, ob er überhaupt genügend Geld hat, um all die schönen Pläne wahr zu machen. Sicher scheint nur: Für den Käufer ist es ein gutes Geschäft. Denn er bekam das Areal auf Basis eines Verkehrsgutachtens, das längst überholt war. Vermutlich sind dem Land Millionen entgangen. Deshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft gegen Marczinek und zwei leitende Mitarbeiter. Der Verdacht: gemeinschaftliche schwere Untreue zu Lasten des Landes.

Im Jahr 2009 tritt dann auch Steinbach auf den Plan. Der gelernte Baufacharbeiter, seit 1985 in der Ost-CDU, wechselte 1990 in die Politik und wurde außenpolitischer Berater des letzten DDR-Regierungschefs Lothar de Maizière, ehe er in der Wirtschaft Karriere machte. Steinbach hofft auf steigende Bodenpreise durch den Umbau der Kaserne. Zusammen mit Marczinek legt er über die von ihnen mitkontrollierte Krampnitz Projektentwicklung GmbH & Co KG ein Angebot für eine Immobilie vor, die direkt an das Gelände der Krampnitz-Kasernen grenzt. Als Medien darüber berichten, ziehen sie ihr Angebot zurück. Wieder einmal entsteht der Eindruck: so laufen – in Brandenburg – Geschäfte unter Freunden. Alles Zufall, alles Vergangenheit?

Speer sagt damals gelassen: „Es wird alles aufgeklärt werden.“ Platzeck nimmt seinen Parteifreund in Schutz und spricht von einer Kampagne.

Inzwischen vermeiden es die Beteiligten eher, sich zu dieser Sache zu äußern. Speer, Steinbach und Marczinek haben noch ein anderes Projekt betreut: den SV Babelsberg. Der eine als Präsident, die anderen als Marketingchef und Bauverantwortlicher. Marczinek ist inzwischen ausgeschieden, er war außerdem Sponsor des Vereins. Und im Landtagswahlkampf 2004 spendete er an Platzecks SPD 9900 Euro. Es ist Teil des Systems Potsdam, dass wenige Menschen mehrere Ämter innehaben. Und oft spielen die Affären irgendwo in einem Bermudadreieck zwischen Politik, Wirtschaft und Sport. Politiker sitzen in den Kontrollgremien stadteigener Betriebe, in den Vorständen der Sportvereine. Sie ziehen Sponsoren an. Matthias Platzeck will es so. Er sagt, das nütze den Vereinen. Das Problem ist, dass die Männer in ihren Funktionen Aufgaben haben, die sie eigentlich trennen müssten. Tatsächlich aber ist manchmal nicht mehr klar, wer eigentlich in welcher Funktion handelt. Ob als Präsident eines Vereins oder ob als Minister.

Peter Paffhausen ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr manchmal die Grenzen verschwimmen. Vor seinem Rücktritt hat der Stadtwerke-Chef wie ein Fürst residiert: Glasbau, großes Zimmer, riesiges Aquarium, eine Sekretärin mit kurzem Rock und weißen Stiefeln, die bis über das Knie reichten. Weil er nicht nur erster Mann der Stadtwerke war, sondern auch Aufsichtsrat des SV Babelsberg, unterschrieb er in den vergangenen Jahren Ausfallbürgschaften, dem Vernehmen nach ging es um eine Million Euro im Jahr. Die Stadtverordneten erfuhren davon nichts.

Die Gefahr, dass so etwas passiert, besteht überall. In Potsdam ist sie besonders groß, weil es in dieser vergleichsweise kleinen Stadt ziemlich viele Sportvereine gibt. Und alle sind meistens klamm. Ein ideales Betätigungsfeld für fürsorgliche Politiker, die sich in die Gremien wählen lassen und Sponsoren vermitteln. Es sieht so aus, als ob in Platzecks Regierung die Rollenkonflikte, die mit solchen Konstellationen verbunden sind, nicht mehr richtig wahrgenommen werden.

Minister, Präsident, Sponsor

So ist der inzwischen wegen einer Dienstwagenaffäre zurückgetretene Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) Präsident des Handballvereins VFL Potsdam. Als Minister förderte er den Privatschulträger Educon, der war Hauptsponsor von Rupprechts Verein. Dass da Interessen kollidieren, will er nie gesehen haben

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, auch er ein SPD-Mann, führt den Aufsichtsrat der Stadtwerke an. Das Gremium hätte zu kontrollieren gehabt, wofür Peter Paffhausen Geld ausgibt, wen er mit Prüfungen beauftragt. Auch Jakobs muss sich also nun fragen lassen, warum sein Geschäftsführer einen Prüfauftrag an eine Sicherheitsfirma vergab und ohne offizielle Zustimmung der Politik für einen Fußballclub bürgt.

Die drohende Insolvenz des SV Babelsberg fordert nun eine Entscheidung: Das Geld für die Rettung der Babelsberger Fußballer, so viel steht schon fest, wird nicht der Verein auftreiben. Er ist dazu nicht in der Lage. Es müssen nun andere ran.

Noch zu Wochenbeginn hatte Potsdams Oberbürgermeister Jakobs gesagt, die Stadt werde keinesfalls für die klammen Fußballer bürgen. Das klang, als würde die Politik einmal nicht für die Fehler geradestehen. Doch inzwischen sieht es so aus, als würde es für ein Potsdamer Problem eine Potsdamer Lösung. Die Stadt will bis zu 700.000 Euro zuschießen. Öffentliches Geld.