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Flugrouten - In Kleinmachnow wächst die Wut

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Uta Keseling

Foto: ZB / ZB/DPA

Bereits vor mehr als zehn sollen die umstrittenen Flugrouten bekannt gewesen sein - zumindest als Szenario. Die Bürgerinitiative von Kleinmachnow fordert nun, die Planungsunterlagen des Flughafens sicherzustellen. Tausende gingen auf die Straße.

Die Parkplätze sind bewacht von Scharen freiwilliger Ordner, es gibt eine überdachte Bühne, Lautsprecher schallen bis in die letzte Ecke des Platzes. Man könnte fast den Eindruck gewinnen: Wäre die Planung des künftigen Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) so professionell gewesen wie die Organisation der gestrigen Proteste am Kleinmachnower Rathaus, ja - dann hätte es diese Demo wohl nie gegeben.

Jetzt jedoch ist die Wut größer denn je. Am vergangenen Freitag wurde ein Brief des damaligen Flughafen-Chefs Götz Herberg von 1998 bekannt, nach dem bereits damals von den abknickenden Flugrouten die Rede war. Die betroffenen Anwohner wissen erst Anfang September 2010 davon. Seitdem verbringen immer mehr Anwohner im gutsituierten Berliner Südwesten und den umliegenden Gemeinden ihre Freizeit mit etwas, an das sie früher im Traum nicht gedacht hätten - mit Demonstrieren, Protestieren und Plakatekleben. Und mit der Recherche, wie man sich professionell zur Wehr setzt, wenn man sich von der Politik "belogen und verraten fühlt", wie es jetzt von der Bühne schallt.

"Baustopp, Baustopp!", brüllt ein gesetzter Herr in brauner Wildlederjacke aus dem hinteren Winkel, als auf der Bühne vor dem Kleinmachnower Rathaus der erste Redner auftritt. Es ist Sonntag, 15 Uhr, der Rathausmarkt ist voll. 5600 Menschen, so die Veranstalter, sind da. Vorhin haben sie noch die Nordmanntannen weggeräumt, damit alle Platz haben. Danach hat eine Jazzkapelle gespielt. Es gab Glühwein. Und den Zeuthen-Song: "Wir haben unseren Ort so gern, wir wollen keinen Flugzeuglärm". Dann spricht ein grau melierter Herr in Schal und Wollmantel: Matthias Schubert von der Bürgerinitiative Kleinmachnow. "Das ist eine Schweinerei!" Pfiffe. "Mit diesem Schreiben ist klar, dass die abknickenden Flugrouten von Anfang an geplant und von Anfang an verheimlicht wurden." Trillerpfeifen, Vuvuzelas. Regenschirme werden aufgespannt. Es schneit.

Schubert, im zivilen Leben Verwaltungsjurist in Berlin, ist 1995 aus Berlin nach Kleinmachnow gezogen. Sein Problem ist das der meisten Anwesenden hier. Sollten die Flugzeuge vom Großflughafen demnächst tatsächlich auf den abknickenden Routen starten, ist es mit dem ruhigen Leben im stadtnahen Grünen vorbei. Häuser verlieren an Wert, Lebensträume zerbrechen. Die wütenden Demonstranten von Kleinmachnow - verstärkt durch die Nachbarn aus Lichtenrade, Zeuthen, Stahnsdorf und anderen Gemeinden - sind in Autos gekommen, viele tragen zu Hut oder Pudelmütze Plakate, die mit Rohrschellen ordentlich an Stäbe montiert sind - das Werk der Kleinmachnower "BI". Die wenigsten hier sind jedoch Ur-Kleinmachnower, "Jo mei", ruft einer, als Schubert von "bewusster Vertuschung" spricht. "Hurra, Hurra, Hurra", brüllt ein anderer, als die Forderung vorgetragen wird: Rücknahme des Planfeststellungsbeschlusses und ein Untersuchungsausschuss - "oder die sofortige Rückkehr zu geraden Routen."

Seit dem Bekanntwerden der neuen, abknickenden Routen im September haben sich in den betroffenen Gebieten zwischen in Berlin sowie in den angrenzenden brandenburgischen Orten zwischen Zeuthen und Potsdam mehr als 30 Bürgerinitiativen gegründet. Zu den "Montagsdemos" in Lichtenrade kommen inzwischen mehrere tausend Teilnehmer. Gestern kündigten sie den vorläufigen Höhepunkt ihres Protests an: Eine Großdemonstration am 23. Januar am Flughafen Schönefeld.

FDP fordert Wowereits Rücktritt

Auf vergangenen Demonstrationen waren Bundespolitiker aufgetreten wie Renate Künast - Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und Herausforderin von Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, bei den kommenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Wowereit war im November in Lichtenrade ausgebuht worden - ausgerechnet, er ist hier aufgewachsen. Diesmal war Matthias Platzeck (SPD) eingeladen, der Ministerpräsident Brandenburgs. Er hatte jedoch abgesagt.

Die Berliner FDP fordert nach Bekanntwerden des Briefes von 1998 politische Konsequenzen. FDP-Fraktionschef Christoph Meyer sagte am Wochenende, Wowereit, der auch Flughafen-Aufsichtsratschef ist, und Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (beide SPD) müssten zurücktreten, sollte sich herausstellen, dass sie in den vergangenen Wochen die parlamentarischen Anfragen nicht wahrheitsgemäß beantwortet haben. Der Senat hatte dagegen versichert, er sei von den umstrittenen Flugrouten-Plänen selbst überrascht worden. Von den Vorschlägen der Flugsicherung habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstmals am 6. September 2010 erfahren.

Nach Darstellung Meyers bestehen dagegen "erhebliche Zweifel" am Wahrheitsgehalt der Aussagen Wowereits und Junge-Reyers. Angesichts "offensichtlicher geheimer Absprachen" zwischen dem Bundesverkehrsministerium und der BBI-Projektplanungsgesellschaft im Jahr 1998 müsse Wowereit erklären, seit wann er von dem entsprechenden Schreiben und den sich daraus ergebenden Konsequenzen wusste. Gleiches gelte für die Mitglieder des damaligen CDU/SPD-Senats.

Heute trifft sich die Fluglärmkommission für den Flughafen Schönefeld zu einer weiteren Beratung. Die mit Spannung erwartete Sitzung im November war ergebnislos geblieben. Die Flugsicherung prüft seitdem ein Dutzend Alternativvorschläge. Zudem muss die Kommission einen neuen Vorsitzenden wählen. Der bisherige Amtsinhaber Bernd Habermann war zurückgetreten. Ihm war vorgeworfen worden, nicht neutral im Sinne aller Mitglieder gehandelt zu haben. Eine Einigung in der Kommission gilt derzeit als unwahrscheinlich.