BBI-Flugrouten

Bürger kämpfen vehement für ihre Nachtruhe

Mehrere Tausend Berliner und Brandenburger haben wieder am Standort des geplanten Hauptstadtflughafens in Schönefeld gegen Fluglärm demonstriert. Sie legten mit ihrem Protestzug die Zufahrten zum alten Terminal lahm.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) will am heutigen Montag präzisierte Varianten der umstrittenen Flugrouten vorstellen. Dabei soll es auch um den Überflug des Forschungsreaktors in Wannsee und um Potsdam gehen. Doch trotz der jüngsten Entwicklungen in der Fluglärmkommission, wonach alternative Flugroutenvorschläge weniger Lärmbelastungen zur Folge haben sollen, bleibt der Widerstand groß. Nach wie vor fordern die in dem Bündnis vereinten Bürgerinitiativen der vom Fluglärm betroffenen Kommunen und Berliner Bezirke eine Rückkehr zu den ursprünglichen Planungen. Diese gehen von einem Verkehrsflughafen aus, der den regionalen Bedarf für Berlin und Brandenburg deckt.

Am Sonntagnachmittag demonstrierten in Schönefeld nach Veranstalterangaben rund 10.000 Gegner des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg International (BBI). Die Polizei sprach von 4000 Demonstranten.

Das „Bündnis Berlin Brandenburg gegen die neuen Flugrouten“ hatte unter dem Motto „Kein internationales Drehkreuz, kein Nachtflug, kein Flugroutenbetrug“ zur dritten Großdemonstration aufgerufen. Nach einer Kundgebung an der Dorfkirche Schönefeld zogen die BBI-Gegner in einem Protestmarsch über die B96a Richtung Flughafen. Durch den Protestzug, der durch einen Teil der Gemeinde Schönefeld über die Bundesstraße 96 führte, war die Erreichbarkeit des Flughafens für etwa eine Stunde beeinträchtigt. Flugreisende, die mit dem Auto zum Airport gelangen wollten, waren nach Veranstalterangaben vor der Demonstration auf Einschränkungen hingewiesen worden.

Die Demonstranten stellen weitreichende Forderungen. Die Verwirrung über die geplanten Änderungen der Flugrouten ist groß. „Es kann nicht sein, dass uns Anwohnern zwölf Jahre lang Routen vorgeführt werden, die nun nicht mehr gelten sollen“, sagt Ulrike Lau (54). Sie hat sich in Lichtenrade vor drei Jahren ein Haus gekauft, fühlt sich betrogen und getäuscht. Eine ähnliche Meinung vertritt Pawel Sillinger (39). Er trägt einen weißen Maleranzug mit der Aufschrift „Lärmopfer“. Demonstrativ hat er Ohrenschützer aufgesetzt. „Als ich vor einem Jahr nach Zeuthen gezogen bin, war von Fluglärm keine Rede“, sagt Sillinger. Sein Vertrauen in die Politik sei erschüttert. Nach den aktuellen Plänen wird Zeuthen zwar voraussichtlich verschont. Die Pläne verunsichern den Malermeister dennoch. Er zweifelt an der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland. Für Annette Breitmann (49) steht längst fest: „Wenn die Flugzeuge kommen, bleibe ich nicht in Zeuthen wohnen.“ Sie habe drei Kinder, die frei von Fluglärm aufwachsen sollen.

Besonders viel Aufregung herrscht um den Flugpunkt „Noost“. Die Route mit Zielen in nördlicher, östlicher und nordöstlicher Richtung soll direkt über das Helmholtz-Zentrum in Wannsee führen – und dessen Atomreaktor. Der ist derzeit wegen Umbauarbeiten zwar stillgelegt, könnte ab Mai aber wieder den Betrieb aufnehmen. Sollte ein Flugzeug oder auch ein herabfallendes Flugzeugteil auf das Betondach des Reaktors stürzen und es zum Einsturz bringen, ist eine Kernschmelze möglich. Das befürchtet auch Gundula Aurfali (59) aus Wannsee. „Wenn ich an potenzielle Strahlenschäden denke, bekomme ich Angst“, sagt sie.

Außerdem soll der BBI nach dem Willen der Demonstranten nicht zum internationalen Drehkreuz ausgebaut werden, sondern „Regionalflughafen“ bleiben. „Schönefeld ist als Drehkreuz nicht geeignet“, sagt Renate C. (67) aus Kleinmachnow.

Nach Ansicht des Sprechers des Bündnisses „Berlin Brandenburg gegen neue Flugrouten“, Markus Peichl, ist das Einlenken bei den Flugrouten „Kosmetik“. Die ganze Diskussion sei ein „Ablenkungsmanöver von den Planungen des Flughafens als internationales Drehkreuz“. Peichl warf den Landesregierungen in Berlin und Brandenburg „Täuschung, perfide Manipulation, gezielte Fehlinformationen und verlogene Beschwichtigungspolitik“ vor. Er prophezeite: „Wenn die Politik nicht zur Vernunft kommt, wird der Protest ausufern.“

Der Sprecher der Bürgerinitiative Zeuthen gegen Fluglärm, Martin Henkel, sagte: „Es geht längst nicht mehr allein um die Frage von Flugrouten, sondern darum, wie transparent die Politik mit Großprojekten umgeht.“ Nachdem das Bundesverwaltungsgericht in der vergangenen Woche darauf hingewiesen hatte, dass die Frist für die im Dezember 2010 eingereichten Klagen gegen die Planfeststellung zum Ausbau des BBI möglicherweise verstrichen sei, sieht Henkel den Weg frei zum Bundesverfassungsgericht sowie zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Bündnis-Sprecher Peichl sagte dazu: „Wenn der Flughafen, so wie er jetzt entstehen soll, vom Bundesverwaltungsgericht durchgewunken wird, dann gute Nacht Rechtsstaat.“