Glienicker Brücke

Sowjet-Häftling kehrt an Ort der Freiheit zurück

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Sven Felix Kellerhoff

Foto: Reto Klar

Ein Spion war Natan Scharanski nie. Trotzdem schickten die Sowjets den israelischen Bürgerrechtler 1977 in ein Straflager. Vor 25 Jahren wurde er an der Glienicker Brücke "eingetauscht" - und ist jetzt erstmals wieder dorthin zurückgekehrt.

Nur wer Unfreiheit erlitten hat, kennt den Wert der Freiheit wirklich. Natan Scharanski hat viele Jahre lang in der kommunistischen Diktatur leben müssen, darunter neun Jahre in einem Straflager des Gulagsystems in Sibirien. Im Februar 1986 überschritt er dann die Grenze zwischen Diktatur und Demokratie: Der Dissident und Sowjet-Kritiker, 1977 schuldig gesprochen der „Spionage“, wurde auf der Glienicker Brücke im Rahmen eines Agentenaustauschs freigelassen.

Fast genau ein Vierteljahrhundert danach ist Scharanski, inzwischen ein geachteter Politiker und Publizist in Israel, nun zurückgekehrt an den Ort, an dem sich sein Leben fundamental geändert hat. „In nur einem Tag kam ich aus der Hölle ins Paradies“, erinnerte sich der 63-Jährige jetzt in der Villa Schöningen, dem privaten Geschichts- und Kunstmuseum auf Potsdamer Seite der Brücke. Er war innerhalb kurzer Zeit von Moskau erst nach Ost-Berlin geflogen und dann zu der Brücke gefahren worden, auf deren anderer Seite bereits der damalige Botschafter der USA in der Bundesrepublik, Richard Burt, gewartet hatte, um ihn in Empfang zu nehmen.

Lebensthema Freiheit

„Natan Scharanski ist ein echter Vorkämpfer der Freiheit“, sagte Hausherr Mathias Döpfner. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, in der auch Morgenpost Online erscheint, hatte den israelischen Gast gebeten, bei seinem Deutschlandbesuch über Freiheit zu sprechen. Das Lebensthema des Bürgerrechtlers also, der heute als Chef der Jewish Agency die Einwanderung von Juden aus aller Welt nach Israel fördert. An den dramatischen Austausch bei klirrender Kälte auf der Brücke, die wie wohl kein anderes Bauwerk der Welt ein Symbol des Kalten Krieges ist, kann sich Scharanski noch gut erinnern. Nach monatelangen Verhandlungen hatten die USA der Sowjetunion abgerungen, Scharanski am Rande eines größeren Austauschs von insgesamt acht Agenten freizugeben.

Doch bestand die Regierung von Präsident Ronald Reagan darauf, Scharanski vor den tatsächlichen Spionen in Empfang nehmen zu können – um so deutlich zu zeigen, dass der Dissident für die freie Welt eben kein Agent war, sondern ein Kämpfer für Bürger- und Menschenrechte. An dieser Bedingung wäre der Austausch beinahe im letzten Moment noch gescheitert. „Der weiße Strich mitten auf der Brücke war für mich die Grenze zwischen der Welt der Angst und der Welt der Freiheit“, sagte Scharanski über den „sehr schönen Tag“, der ihn nach West-Berlin geführt und ihm persönlich damit die Freiheit gebracht hatte.

In der Ausstellung der Villa Schöningen informierte sich Scharanski über die Grenzanlagen der DDR, die Fluchten über die Glienicker Brücke oder durch die Havel verhindern sollten – auch über die „Flächensperren“, mit denen der Flussboden nahe dem Ufer der Havel gespickt war. Die Metallgitter mit zehn Zentimeter langen Dornen, von denen ein Original im Museum ausgestellt ist, verhinderten zuverlässig jeden Versuch, ins tiefere Wasser zu gelangen. Der ehemalige Insasse eines sowjetischen Arbeitslagers zeigte sich beeindruckt von diesem grausamen Exponat.

Geboren 1948 in Donezk in der Ukraine, dem damaligen Stalino, hatte Scharanski nach dem Studium der Physik als Programmierer gearbeitet. Als die Sowjetunion ihm die beantragte Auswanderung nach Israel verweigerte, begann er, sich als Bürgerrechtler und Dissident zu engagieren, unter anderem für Andrej Sacharow, den wohl prominentesten Regimekritiker der Sowjetunion. Wegen angeblicher „Agententätigkeit“ und „Hochverrats“ wurde Scharanski zu 13 Jahren Haft und Straflager verurteilt, von denen er zwei Drittel absitzen musste, bis es schließlich zu seinem Austausch kam. In dieser Zeit lernten seine Mitgefangenen und er die Unterstützung der freien Welt besonders zu schätzen – jedenfalls jener Menschen, die gegen Diktatur und für Demokratie eintraten wie Papst Johannes Paul II, US-Präsident Ronald Reagan und der Berliner Verleger und Verfechter der Einheit Deutschlands, Axel Springer. Viele westliche Intellektuelle und Politiker dagegen waren, so Scharanski, zu faulen Kompromissen bereit, machten sich oft sogar zu Komplizen der kommunistischen Diktatoren.

Eine Chance für Israel

Vor demselben Problem stehe die freie Welt heute wieder, sagte Scharanski, der selbst als Minister in verschiedenen israelischen Regierungen zwischen 1996 und 2005 politische Verantwortung trug. So wie er 1986 die „weiße Linie“ zwischen Unfreiheit und Freiheit überschritten habe, so täten das Gleiche heute die Menschen in arabischen Staaten. Siegreich in Tunesien und Ägypten, jedoch in Bahrain, Syrien und vor allem Libyen bislang ohne Erfolg. In dieser arabischen Freiheitsbewegung sieht der frühere Dissident und Bürgerrechtler eine Chance für Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten. Er widersprach damit der Haltung vieler israelischer und westlicher Politiker, die aus Sorge vor fundamentalistischen und unberechenbaren Gruppen wie der Hamas relativ kalkulierbare Gewaltherrscher unterstützt hatten.

Nur der Weg über Freiheit und Demokratie führe tatsächlich zu Frieden in der Konfliktregion. Der große Fehler des Osloer Friedensprozesses von 1993 sei es gewesen, dass man ihn mit dem „Diktator“ Jassir Arafat abgeschlossen habe – und damit den Palästinensern den Weg zur Demokratie verbaut habe. Seine Botschaft der Freiheit wandte Scharanski auch auf den aktuellen Konflikt in Libyen an. Eindringlich warnte er davor, schwankend zu werden: Wenn Gaddafi an der Macht bleibe, statt gestürzt oder getötet zu werden, dann werde er „der gefährlichste Diktator der Welt sein“.