Brandenburg

Junge Firmengründer zieht es nach Potsdam

Brandenburgs Hauptstadt hat die Auswirkungen der Wirtschaftskrise überstanden: Die Region verzeichnet einen starken Zuwachs an Unternehmen aus der Kommunikations- und IT-Branche.. Eine Rolle spielt dabei die Nähe zum BBI.

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Der Weg zur Post, zum Supermarkt oder zum Arzt ist auf einmal vergessen. Selbst die eigene Adresse ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Demenzkranke laufen Gefahr, an ganz alltäglichen Dingen zu scheitern. Schreitet die Krankheit voran, wächst auch der Druck auf die Angehörigen. Verirrt sich ein Kranker unbemerkt von Pfleger oder Familie, kann er schnell in Lebensgefahr schweben. Hilfe bietet jetzt das junge Potsdamer IT-Unternehmen WebXells. Gemeinsam mit der Berliner Charité haben WebXells-Chef Lars Geißler und seine 17 Beschäftigten eine Software entwickelt, mit der Bewegungen von Demenzkranken überwacht werden können. Aufs leichte Handling kam es dem Team aus Ärzten, IT-Leuten und Studenten der FH Brandenburg dabei an. Der Kranke bekommt ein spezielles GPS-Smartphone in die Tasche. Verlässt er ein festgelegtes Areal, wird Alarm ausgelöst. Mittels Satellitentechnik kann der Patient schnell gefunden werden. Je nach Schwere der Demenz wird der Betroffene selbst per Bild oder Ton des Mobiltelefons erinnert oder gewarnt.

WebXells ist eines der Unternehmen aus der Branche der Informations- und Kommunikationstechnologien, die nach Ansicht von Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) mittlerweile eine Schlüsselbranche in der Hauptstadtregion bilden.

„Derzeit arbeiten wir an einer GPS-Armbanduhr. Erste Tests mit Patienten der Charité laufen bereits“, sagt Geißler. 2010 erwirtschaftete seine Firma einen Umsatz von 500.000 Euro. In diesem Jahr will Geißler die Million knacken.

Teltow, die Stadt im Berliner Speckgürtel und in fast unmittelbarer Nähe zum künftigen Großflughafen BBI in Schönefeld entpuppt sich derzeit als beliebtes Zuzugsgebiet für Firmen der Kommunikationsbranche. Erst im Januar verlegte NextiraOne, Spezialist für Installation, Wartung und Vertrieb von Datenverarbeitungsanlagen, sein Deutschlandzentrum mit 360 Mitarbeitern ins „Teltow-Karree“. Der holländische Kabelhersteller „Twentsche Kabelfabriek“ packte erst vor wenigen Tagen die Umzugskartons in Teltow aus.

Mehr IT-Ansiedlungen

Unternehmen aus der IT-Branche haben im vergangenen Jahr einen Großteil der Ansiedlungen in Brandenburg ausgemacht, bestätigt Steffen Kammradt, Geschäftsführer der ZukunftsAgentur Brandenburg (ZAB). Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise scheinen überstanden.

„Wir rechnen damit, unseren Umsatz im nächsten Jahr zu verdoppeln“, sagt Dragomir Prodanov, Leiter der Softwareentwicklung bei Visapix. Das Unternehmen mit Sitz in den Potsdamer Bahnhofspassagen ist dort direkt an der Zielgruppe: Für den Einzelhandel hat das 22-köpfige Team seit 2009 ein Kamerasystem samt Software entwickelt, das die unbekannte Größe „Käufer“ transparent machen will. Unbemerkt von den Kunden analysieren Kameras deren Mimik, bestimmen nach Falten und Gesichtsform Alter, Geschlecht und künftig auch den Gemütszustand der Einkaufenden. Die Frage, ob eine Werbebotschaft beim Kunden ankomme und welche Zielgruppe sich für welches Produkt entscheide, sei damit geklärt. „In Kombination mit anderen Systemen, die Daten zur aktuellen Personalstärke liefern, ergibt sich der eigentliche Mehrwert für den Supermarkt oder das Einkaufscenter“, sagt Chefentwickler Prodanov. „So kann sich nie eine Schlange an der Kasse bilden, weil die Kameraauswertung die Anzahl der Kunden im Laden überwacht und rechtzeitig warnt.“ Da die Daten anonymisiert und nicht gespeichert würden, gäbe es auch kein Problem mit dem Datenschutz. In den Bahnhofspassagen und dem Stern-Center werde die Technik bereits angewandt. IBM ist seit einem Jahr als Partner mit an Bord. „Unsere Kunden sind die kleinen Tante-Emma-Läden ebenso wie die großen internationalen Konzerne“, sagt Prodanov.

Kunden hat der Potsdamer Patrick Düssel derzeit zwar noch nicht, aber ein Konzept. Und an potenziellen Auftraggebern mangele es nicht. Mit seinen ehemaligen Kommilitonen René Gerstenberger und Christian Gehl aus Velten will Düssel die Trifense GmbH auf dem Markt platzieren. Das Start-Up-Unternehmen setzt auf „selbstlernende Sicherheitslösungen“, um Hackerangriffe in Netzwerken abzuwehren. Die TU Berlin hat die drei Diplom-Informatiker zusammengeführt. In Berlin und Velten haben sich die Firmengründer eingerichtet. „Die Unterstützung in Brandenburg ist großartig“, sagt Düssel und hofft auf die Förderanträge von Trifense. Die drei Gründer haben gute Erfahrungen gemacht, können bereits auf Geld aus dem Exist-Förderprogramm des Bundes bauen.

Davon, sich ins kalte Wasser zu stürzen, ist Tim Simroth noch weit entfernt. An geschäftsträchtigen Ideen mangelt es dem 22-Jährigen, der an der Technischen Hochschule Wildau Telematik studiert, allerdings nicht. Als Professorin Birgit Wilkes zum projektbezogenen Forschen im Semester anregte, machte Simroth eine Schwäche zur Tugend. Er entwickelte einen multifunktionalen Wecker, der selbst Langschläfern keine Chance zum Trödeln lässt. „Stufenweise wird man zunächst mit Licht, dann mit akustischen Signalen geweckt. Erst wenn der Betreffende seine Füße auf eine trittempfindliche Matte setzt, endet der Weckvorgang“, sagt Simroth. Im nächsten Semester, seinem sechsten, will er den Wecker mobiler gestalten. Noch nichts, womit man in Serienproduktion gehen könnte, sagt auch Wilkes. Aber das sei – gerade in dieser Branche – nur der Anfang.