Brandenburg

Frau kassiert Hartz IV und Lohn von Freiern

Die Mitarbeiterin eines Jobcenters in Eberswalde deckte eine Freundin, als diese doppelt abkassierte. Vom Staat erhielt sie Hartz IV, von Freiern Lohn für ihre Dienste im Bordell. In einem Berufungsprozess erhielt sie nun eine Geldstrafe.

Die beiden Frauen auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichtes könnten unterschiedlicher nicht sein. Beide sind Mitte 40 – die eine groß, kräftig, Solarium gebräunt und blondiert. Die andere klein, untersetzt, Brillenträgerin mit biederer Blümchen-Bluse. Kerstin S. ist deutlich anzumerken, dass sie ihrer Meinung nach nicht auf die Anklagebank gehört. Doch die Freundschaft zu der anderen, Birgit Sch., ist ihr wohl letztlich zum Verhängnis geworden.

Beide Eberswalderinnen kennen sich seit Jahren, haben zu DDR-Zeiten gemeinsam eine Ausbildung zum Facharbeiter für Schreibtechnik gemacht. Doch während Kerstin offenbar die Wende beruflich gut meisterte und beim Arbeitsamt eine einigermaßen krisensichere Anstellung fand, landete Birgit im Umschulungskarussell. Letztlich wurde sie staatlich geprüfte Heilerziehungspflegerin. Arbeiten wollte sie in diesem Job jedoch nicht. „Nicht besonders gut bezahlt und dann noch drei Schichten“, winkt sie ab. Und so landet sie schließlich im Rotlichtmilieu, arbeitet bundesweit in Bordellen.

Geld vom Staat und von Freiern

Birgit Sch. kassiert sozusagen doppelt ab – Hartz IV vom Staat und Lohn von Freiern. Sie verschweigt dem Jobcenter in ihrer Heimatstadt den laut Staatsanwaltschaft durchaus lukrativen Nebenjob. Laut Anklage hat sie zwischen 2005 und 2008 rund 26.000 Euro „Stütze“ zu unrecht bezogen, zudem ein soziales Netz von Freundinnen installiert, um ihren illegalen Job zu decken, den Briefkasten in ihrer Abwesenheit zu leeren, mit der Behörde in ihrem Namen zu korrespondieren und so den Schein der Hartz-IV-Bezieherin zu wahren.

Auch Kerstin S., die Freundin aus der Jugendzeit, soll laut Anklage dazu gehört haben. Dabei hatte sie seit Jahren angeblich gar keinen Kontakt mehr zu Birgit Sch. wie ein Freund der Familie vor Gericht erzählt. Dennoch verliert die Arbeitsberaterin aufgrund der Anschuldigungen ihren Job. Sie leidet unter Depressionen, ist in psychologischer Behandlung. Ihr Ruf ist gänzlich ruiniert, seit sie 2010 vom Eberswalder Amtsgericht wegen Bestechlichkeit und Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Birgit Sch. erhielt wegen Bestechung und gewerbsmäßigem Betrug eine Freiheitsstrafe von 16 Monaten. Beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Doch die Frauen gehen in Berufung, Kerstin S. weil sie sich keiner Schuld bewusst ist und ihren Ruf retten will, Birgit Sch. „nur wegen Kerstin“. Der Fall landet in zweiter Instanz vor dem Frankfurter Landgericht. Das Verfahren gegen Kerstin S. wird am Freitag nach ausführlichen Rechtsgesprächen gegen Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro eingestellt, „ohne Anerkennung einer Schuld aus gesundheitlichen Gründen“, wie der Verteidiger betont. Birgit Sch. zieht daraufhin ihre Berufung zurück. „Wegen Kerstin“, sagt sie abermals, „damit sie endlich Ruhe findet“.