2000 Neurippiner

Massen-Gentest soll 20 Jahre alten Mord aufklären

Rund 20 Jahre nach dem Mord an einem 15-jährigen Mädchen, wurden mehr als 2000 Männer in Neuruppin zu einem Gentest aufgerufen. Die größte DNA-Untersuchung in der Geschichte Brandenburgs soll die Tat aufklären.

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Die größte DNA-Untersuchung in der Geschichte Brandenburgs beginnt am Dienstag. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin hat mehr als 2000 Männer aus dem Landkreis Uckermark dazu aufgerufen, bei dem sogenannten Massenscreening teilzunehmen. Es geht darum, einen fast 20 Jahre alten Mordfall aufzuklären. Damals war ein 15-jähriges Mädchen tot in einem Waldstück bei Warnitz in der Uckermark gefunden worden. Bis heute fehlt jede Spur von ihrem Mörder.

Insgesamt 2308 Männer zwischen 38 und 85 Jahren sind aufgerufen, an der Molekulargenetischen Reihenuntersuchung teilzunehmen. Von Dienstag an wird ihnen die Möglichkeit gegeben, eine Speichelprobe mit einem Abstrich aus der Mundhöhle abzugeben. Verglichen werden die abgegeben Proben dann mit einer genetischen Spur, die damals an der Leiche des Mädchens gefunden wurde.

„Die Personen, die in das Raster passen, wurden von uns angeschrieben und zu dem Screening eingeladen“, sagte Gerald Pillkuhn, Polizeisprecher im Schutzbereich Uckermark. Grundlage dafür, wer als Verdächtiger in Frage kommen würde, sei die Einwohnermeldekartei von 1991, so der Sprecher weiter. Alle Männer, die zu dem Zeitpunkt in der Uckermark gewohnt haben und zwischen 18 und 65 Jahren waren, wurden gebeten, an dem DNA-Test teilzunehmen. „Dafür wurden auch Personen im Ausland ausfindig gemacht“, sagte der Sprecher. Ob sich alle Angeschriebenen auch bei der Polizei zurückgemeldet haben oder ob es Personen gab, die sich bereits im Vorfeld weigerten, eine Probe abzugeben, konnte der Sprecher noch nicht sagen.

Freiwillige Teilnahme

Allerdings sei die Teilnahme an dem Screening freiwillig, betonte der leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher in einer Pressekonferenz Anfang des Monats. Niemandem entstünde ein Nachteil, wenn er sich weigere. Die genetischen Proben würden auch nicht aufbewahrt, und so auch nicht möglicherweise zur Aufklärung anderer Verbrechen genutzt. Der genetische Fingerabdruck werde nur mit der genetischen Spur aus diesem Fall verglichen. Nach Abschluss der Untersuchungen werde er gelöscht, so Schnittcher.

Auch der Leiter der Mordkommission wies daraufhin, dass man sich durch eine Weigerung zur Teilnahme an dem Gentest nicht automatisch verdächtig mache. So könnten Verdächtige nur mit einem richterlichen Beschluss zur Speichelabgabe gezwungen werden. Allerdings setzen die Ermittler auch auf den sozialen Druck, der durch ein Massencreening entstehen könnte. So habe es bereits Fälle gegeben, in denen sich ein Verdächtiger selbst stellte, nachdem er zu einem Test eingeladen worden war.

Für die zum Gentest aufgeforderten Männer gibt es mehrere Möglichkeiten, die Speichelprobe abzugeben. Der erste Anlaufpunkt ist die Feuerwehr im Angermünder Ortsteil Greiffenberg. Die Auswertung der Proben werde allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Wie lange es dauert, um zu einem Endergebnis zu kommen, konnte Polizeisprecher Gerald Pillkuhn noch nicht sagen.

Rückblick: Am 19.Mai 1991 wurde die 15-jährige Andrea Steffen leblos und komplett entkleidet in einem Waldstück bei Warnitz (Uckermark) von Spaziergängern gefunden. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Mädchen aus dem Landkreis Märkisch-Oderland bereits seit fünf Tagen vermisst. Sie war aus einem Kinderheim in Neubrandenburg ausgerissen – nicht zum ersten Mal. Zuvor war sie bereits in Heimen in Gerswalde und Schwedt untergebracht. Die Ermittler der Mordkommission Eberswalde gehen davon aus, dass das Mädchen damals als Tramperin unterwegs war. Außerdem sind sich die Beamten sicher, dass der Fundort der Leiche nicht der Tatort ist und der Mord an dem jungen Mädchen sexuell motiviert war.

Bereits 2004 hatte die Polizei die Ermittlungen zu dem Fall wieder aufgenommen. Auch damals wurde ein Gentest mit 700 Personen aus dem Umfeld von Andrea Steffen durchgeführt. Neue Erkenntnisse ergaben sich jedoch nicht.

Freiwilliger Test war bereits erfolgreich

Schon einmal gab es in Berlin einen spektakulären Fall, bei dem durch einen Gentest 2001 ein Kinderschänder gefasst wurde. Einem damals 44-jährigen Mann aus Hellersdorf konnte so der Missbrauch an neun Jungen nachgewiesen werden. Der Mann fuhr einen auffälligen Wagen – nur 500 Fahrzeuge dieses Typs waren in Berlin und Brandenburg zugelassen. Alle Halter wurden zu einem freiwilligen Gentest eingeladen, darunter auch der Hellersdorfer. Nach dem Vergleich der Proben war der Täter gefasst.

Im selben Jahr hatten auch die Ermittler in Brandenburg einen Massengentest geplant. Damals ging es um den Mord an der 12-jährigen Ulrike Brandt aus Eberswalde (Barnim). Das Mädchen wurde auf dem Weg zum Sport missbraucht und dann mit einem Schal erdrosselt. Zwei Wochen nach ihrem Verschwinden fand ein Spaziergänger in einem Waldstück bei Werneuchen schließlich die halbverbrannte Leiche von Ulrike. Der Täter hatte versucht, seine Spuren zu verwischen. Trotzdem konnten die Ermittler genetische Spuren an dem Mädchen sichern.

Als der Täter auch Wochen später nicht gefasst werden konnte, mehrten sich sowohl in der Bevölkerung wie auch vonseiten der Ermittler die Forderungen nach einem Massengentest. Doch kurz vor dem Test wurde der Täter gefasst. Er legte ein Geständnis ab. Der heute 35 Jahre alte Stephan J. wurde wegen der besonderen Schwere der Schuld zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und sitzt in der JVA Tegel. Frühestens 2016 kann die Entlassung beantragt werden.