Getürmter Grünen-Schatzmeister

Neue mysteriöse Buchungen aufgetaucht

Von dem untergetauchten Schatzmeister der Brandenburger Grünen fehlt den Behörden noch immer eine heiße Spur. Möglicherweise hat er sich nach Bulgarien abgesetzt - mit mehr Geld als den bisher vermissten 40.000 Euro.

Foto: Die Gruenen

Gegen den verschwundenen ehemaligen Landesschatzmeister der Grünen, Christian Goetjes (33), gibt es neue Verdachtsmomente: Der Kreisverband der Grünen in Oberhavel, wo Goetjes auch Kassierer war, hat unklare Buchungen festgestellt. Dabei handelt es sich um zwei Lastschriften in einer Höhe von insgesamt 1200 Euro, deren Grund nicht bekannt ist. Belege sind dafür nicht bisher aufgetaucht.

Auch am Freitag hatten die Behörden keine Spur des ehemaligen Landesschatzmeister, der im Verdacht steht, 40.000 Euro aus der Landeskasse genommen zu haben. Möglicherweise ist er bereits außer Landes. Nach Recherchen von „Spiegel TV“ könnte sich Goetjes nach Bulgarien zu seiner dortigen Freundin abgesetzt haben.

Das Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg hat die Suche nach dem Grünen übernommen. Nachdem die Beamten in Eberswalde bereits wegen des Verdachts der Geldwäsche ermitteln, werden sie auch das Verfahren zur Untreue übernehmen, sagte ein LKA-Sprecher.

Die Landesvorsitzenden der Grünen, Annalena Baerbock und Benjamin Raschke, haben am Freitag die von der Hausbank ausgehändigten Auszahlungsbelege an die Ermittlungsbeamten übergeben. „Damit ist ab sofort die Polizei für alle Fragen zu den laufenden Ermittlungen zuständig“, teilten sie mit. Das Gespräch mit der Bank habe außerdem ergeben, dass „gegen das in der Finanzordnung des Landesvorstands verankerte Verbot von Barabhebungen ohne Vorstandsbeschluss von der abhebenden Person verstoßen wurde“. Ein Bankverschulden habe zu keinem Zeitpunkt vorgelegen. Auf einer Sondersitzung zu Beginn der kommenden Woche wollen sie dem Vorstand vorschlagen, dass eine Kommission die Kassenführung des Jahres 2010 sowie der ersten beiden Monate dieses Jahres prüft.

Möglicherweise kommen zu den bereits bekannten 40.000 Euro nun weitere Beträge aus dem Kreisverband Oberhavel hinzu. Denn die 1200 Euro sind nur die ersten als unregelmäßig festgestellten Buchungen. Dadurch rutschte das Konto der Grünen in Oberhavel ins Minus. „Wir sind nur ein kleiner Kreisverband ohne großes Vermögen“, sagte Kreisgeschäftsführerin Manuela Ditt. Man habe die Überweisungen sofort rückgängig gemacht.

Am Wochenende wollen die Grünen in Oberhavel die Kasse prüfen und herausfinden, ob es weitere Unstimmigkeiten gibt. „Das wird sehr mühselig“, so Ditt. Die Kreisgeschäftsführerin sagte, dass sich hinter den bisher unerklärbaren Buchungen nicht automatisch eine Straftat verbergen muss. „Es ist nicht belegt, dass Christian Goetjes etwas Unrechtes getan hat“, sagte Ditt, die den 33-Jährigen als integer und fleißig beschrieb. Nur Goetjes verfüge möglicherweise über Belege, die ihn entlasten könnten. Die Parteimitglieder hatten offenbar so großes Vertrauen in ihren Kreisschatzmeister, dass nur er jahrelang über das Konto der Partei verfügen konnte. Erst vor einem Jahr drängte der Kreisvorstand, eine Zugangsberechtigung zum Konto zu bekommen.

Die Führung der Grünen in Brandenburg hatte am Freitag mit großem Erstaunen festgestellt, dass es auch ein laufendes Verfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche gegen Goetjes bei der Staatsanwaltschaft Brandenburg gibt. Oberstaatsanwältin Claudia Grimm sagte, dass es zu den Ermittlungen aufgrund einer Verdachtsanzeige kam. „Ohne Herrn Goetjes kommen die Ermittlungen allerdings nur schwer voran“, so die Oberstaatsanwältin. Das hängt mit den Geldwäscheverfahren zusammen. Wenn eine Bank beispielsweise ungewöhnlich hohe Bareinzahlungen bei der Polizei melde, habe man zwar möglicherweise eine Beute, aber noch keine Straftat. Das Verfahren war in Berlin eröffnet und vor einem Jahr nach Eberswalde zur dortigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft abgegeben worden. Die Ermittler prüfen, ob das Geld aus Straftaten stammt. Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es zwischen den 40.000 Euro, die in der Landeskasse fehlen, und dem Geldwäscheverfahren keine Zusammenhänge. Zu der Höhe der Geldsumme, aufgrund derer das Geldwäscheverfahren eröffnet wurde, wurden keine Angaben gemacht.

Weggefährten sind entsetzt

Am Montag war der Landesschatzmeister von seinem Amt zurückgetreten – und verschwunden. Die Landesvorsitzenden der Grünen übernahmen noch am Montag Goetjes' Aufgaben, um die finanzielle Handlungsfähigkeit des Landesverbandes zu sichern. Dabei stellten sie fest, dass es in den Tagen vor dem Rücktritt Barabhebungen in Höhe von 40.000 Euro gegeben hatte. Daraufhin hatten die Grünen Strafanzeige erstattet. Goetjes hatte seit mehr als elf Jahren die Kasse der Grünen verwaltet – ohne Auffälligkeiten.

Die „Märkische Allgemeine“ zitierte am Freitag einen Weggefährten. Jonas Reif, der in Zeuthen Fraktionsvorsitzender der Grünen ist und 1999 zusammen mit Goetjes den Jugendverband der Grünen in Brandenburg gründete. „Ich kenne Christian Goetjes seit zwölf Jahren und kann mir das nicht erklären“, so Reif. Das könne nur eine Kurzschlusshandlung gewesen sein. Reif beschrieb Goetjes als jemanden, der sein ganzes Leben bei den Grünen verbracht habe. Über zehn Jahre habe Goetjes versucht, die prekäre finanzielle Lage zu verbessern. Zurzeit gibt es jedoch wieder ein Loch von mehreren Zehntausend Euro in der Landeskasse der Partei.