Streit um Wiederansiedlung

Tierzüchter vertreiben Wolf in der Ruppiner Heide

Er riss 50 Damhirsche und Rentiere, jetzt ist er wieder verschwunden. Der Streit um die Wiederansiedlung der Raubtiere verschärft sich

Foto: pa

Bei seinem ersten Raubzug vor einer Woche hatte ein Wolf in dem Rentiergehege im Müritzkreis fette Beute gemacht. Er kam, so die Spurenlage, mindestens noch einmal wieder, dann aber ohne Erfolg. Nun hat der Räuber offenbar aufgegeben. "Wir haben jetzt noch Flatterbänder am Zaun angebracht und keine neuen Wolfsspuren gefunden", sagt Rentierhalterin Eva Maria Fehrmann am Donnerstag im Müritz-Dorf Schwarz. Sie hofft, dass die Schutzvorkehrungen nun dauerhaft wirken.

Der Wolf, der vermutlich aus der Kyritz-Ruppiner Heide kommend sein Revier nach Norden ausdehnte, hatte nachts drei der zwölf Rentiere gerissen. Damit entbrannte auch eine neue Diskussion darüber, ob Wölfe wirklich wieder in Deutschland heimisch werden sollten. Seit dem Sommer soll es an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern vier solcher Vorfälle gegeben haben. Dem Wolf werden mehr als 50 tote Damhirsche und Rentiere in den Gehegen angelastet.

Für Fehrmanns ist klar: "Der Wolf passt einfach nicht mehr hierher." Man habe die Wiederansiedlung, die in Internetforen derzeit wieder heiß und kontrovers diskutiert wird, schon von Anfang an skeptisch gesehen.

Und es bleibe ja auch nicht bei den toten Tieren. Zwei weitere Rentiere wurden verletzt, die gesamte Herde ist wegen Tollwutgefahr für acht Wochen unter Quarantäne gestellt. "Wir leben immer noch in Unruhe", sagt die Rentierzüchterin.

Ohne die Gefahr, die speziell von diesem Wolf ausgeht, ignorieren zu wollen, äußert Wolfsexperte Norman Stier eine andere Meinung. "Wir haben schon länger Regionen, wo der Wolf lebt, wo es aber keine Probleme mit Wildgehegen gibt." Als Beispiele für solche Regionen nennt der Fachmann, der ein Forschungsprojekt der TU Dresden leitet, die Lausitz und die Ueckermünder Heide. Bei dem Wolf in Nordbrandenburg handele es sich um ein besonderes Tier, das vermutlich einmal positive Erfahrungen mit Wildgehegen gemacht habe. "Jetzt hoffen wir, dass er auch einmal negative Erfahrungen macht." Das könne ein elektrischer Schlag an einem Stromzaun sein.

Gefahr rund ums Bombodrom

Einen solchen Elektrozaun hat ein weiterer Rentierzüchter im benachbarten Mecklenburg-Strelitz sicherheitshalber installiert. "Der will jetzt auch Flatterbänder anbringen", erzählt Stier. Das helfe erfahrungsgemäß, den Räuber erst einmal abzuschrecken. Dem Wolfskenner zufolge müssten Tierhalter in einem Umkreis von 10 bis 20 Kilometern um den ehemaligen Truppenübungsplatz "Bombodrom" herum besonders vorsichtig sein. Das Gebiet entspreche ungefähr der Reviergröße des Raubtieres.

"Das hätten wir mal schon eher wissen sollen", erklärt Fehrmann. Doch die Landesgrenze erwies sich bisher auch als Informationsgrenze. So soll der Wolf schon Anfang Januar in Gadow bei Wittstock in ein Wildgehege eingedrungen sein und 13 der 14 Tiere getötet haben. Das sprach sich aber in drei Wochen nicht bis ins mecklenburgische Schwarz herum. "Man konnte die Rentierhalter nicht mehr rechtzeitig warnen", erklärt Stier, obwohl eine Anfrage über die Landesbehörden gelaufen war. Fehrmanns sollen nun eine Entschädigung erhalten, wie es der "Wolfsmanagementplan" des Landes Mecklenburg-Vorpommern vorsieht. Das Fangen und Wegbringen des Wolfes, wie von den Rentierzüchtern gefordert, lehnt das Ministerium in Schwerin ab.

Spekulationen, dass es in der Kyritz-Ruppiner Heide noch weitere Wölfe gibt, weist Stier zurück: "Wenn wir den Leuten glauben, die immer mal wieder mehrere Wölfe heulen hören, müsste schon ganz Norddeutschland flächendeckend mit Wölfen besiedelt sein." Im Müritz-Nationalpark, der noch 20 Kilometer weiter nördlich von Schwarz liegt, wartet man schon seit Monaten auf Wölfe. So weit werde das Tier aus der Wittstocker Gegend aber nicht laufen, meint der Wolfsexperte. So haben die seit Monaten im Nationalpark aufgestellten Fotofallen bisher nur andere Tiere abgelichtet, Rehe und Hasen vor allem.

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