Blindgänger

Bomben-Sprengungen sind Alltag in Oranienburg

Etwa 10.500 Sprengkörper fielen im Krieg auf die Stadt. Mindestens 300 Blindgänger liegen immer noch unentdeckt im Boden. Schon kleinste Vibrationen und Erschütterungen schwerer Fahrzeuge könnten eine Detonation auslösen.

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Die Sirenen heulen, die Polizei sperrt ab. Der Bürgermeister wartet mit Sektflaschen und Blumensträußen auf die Entwarnung. Die drei Sprengmeister sind den von Hans-Joachim Laesicke (SPD) kredenzten Tropfen bereits gewohnt. In Oranienburg gibt es für sie immer gut zu tun. Rund 10 500 Sprengbomben haben Amerikaner und Briten zwischen 1940 und 1945 über Auer-Werke und Heinkel-Flughafen aus ihren Bombern ausgeklinkt. Ein Großteil der bis zu 1000 Kilogramm schweren Last liegt als tödliches Erbe noch immer unter dem Straßenasphalt - über den auch die bis zu 20 Tonnen schweren Busse der Oberhavel Verkehrsgesellschaft rollen. Seit dem 15. August folgen allerdings vier von acht Linien neuen Streckenführungen. Die bisherigen Routen führten über Areale der höchsten Bomben-Gefährdungsklassen. Das geht zumindest aus einem bereits vor zwei Jahren erstellten Gutachten der Technischen Universität Cottbus hervor. Schon kleinste Vibrationen und Erschütterungen schwerer Fahrzeuge könnten eine Detonation auslösen.

"Wer will im Fall einer Katastrophe die Verantwortung übernehmen", fragt Albrecht Rademacher. Die Anweisung des amtierenden Landrates Michael Garske (parteilos), Busse um die risikoreiche Zone herumzuleiten, kann der Pfarrer im Ruhestand verstehen. An die Steine und Erdbrocken, die durch die Luft flogen, kann sich der 65-Jährige noch heute genau erinnern. Einige Jahre ist es her, als eine explodierende Bombe die Straße aufriss. Rademacher war in der Nähe. Auch an das aufgepeitschte Wasser, als eine Bombe im See hochging, erinnert er sich.

Rademacher wohnt mit seiner Frau in der "Weißen Stadt", den umgebauten, weiß gestrichenen "Russenkasernen". Blindgänger werden in diesem Gebiet zwar nicht vermutet. Doch der Frieden vor der Haustür hat kürzlich kleine Risse bekommen. Im benachbarten Neubaugebiet ist überraschend ein Blindgänger entdeckt worden. Seitdem sei mancher aus seinem Trott aufgewacht. "Die jungen Familien, die dort gebaut haben, vielleicht einen Kredit abbezahlen müssen, sind verunsichert."

Zeit zum Angeln

Horst Krause, Jahrgang 1942, nimmt Sperrzonen und Sprengungen dagegen gelassen. "Man muss die Fenster anklappen, sonst gehen die Scheiben zu Bruch." Eine Druckwelle hat ihm vor Jahren die Fenster zerlegt. Jetzt denke er daran, wenn er sein Haus an der Weimarer Straße verlasse. Wird mal wieder ein Absperrband gezogen, schnallt sich Krause sein Angelzeug um, setzt sich auf sein betagtes Moped und fährt zur Havel oder zum Lehnitzsee.

Zur Mittagszeit radelt Krause wenige Meter weiter zum Imbisswagen von Heidrun Gersin. Schnitzel mit Letscho futtern, dampfenden Kaffee aus der Thermoskanne schlürfen, sich im weißen Plastikstuhl zurücklehnen und übers Leben plaudern. Imbiss und Steakhouse der 50-Jährigen liegen an der Berliner Straße - genau in der ehemaligen Einflugschneise der Alliierten. Die gebürtige Oranienburgerin bekommt die Männer der Kampfmittelbeseitigung oft zu sehen. Anders als Touristen. "Die schauen sich die Landesgartenschau an und verschwinden wieder." Was Gersin so manches Mal auch schon gern getan hätte. Seit 18 Jahren bringt sie gutbürgerliche Küche auf den Tisch. Die hohe Arbeitslosenquote mache ihr zu schaffen. "Als Erstes sparen die Menschen am Essen", sagt sie.

Ihr Grund und Boden ist bombenfrei. Das sei ihr schon zu DDR-Zeiten bestätigt worden. Damals habe eine Gruppe alter Männer vorsichtig an ihre Tür geklopft. "Die erzählten, dass die SS im Keller des Hauses eine Funkanlage betrieben habe. Sie seien dabei gewesen. Und Bomben gebe es an dieser Stelle auf keinen Fall." Ein seltsamer Besuch, sagt Gersin.

Sylvia Holm, die Leiterin des Ordnungsamtes, legt einen Stadtplan auf den Tisch. In der Hildburghauser Straße ist möglicherweise ein Blindgänger gefunden worden. Sollte sich der Verdacht bestätigen, muss Holm für die dieses Mal 8000 betroffenen Anwohner Aufenthaltsmöglichkeiten außerhalb des Sperrkreises ausfindig machen. Auf Eiscafés, Seniorenzentren, Gaststätten greift Holm zurück. So nah wie möglich an der Sperrzone sollten sie liegen, der Aufwand für die Evakuierten so gering wie möglich ausfallen.

"Die Zeit drängt"

Sechs Munitionsfunde gab es bereits in diesem Jahr. "Fünfmal musste gesprengt werden. Das kommt immer häufiger vor - mit oft erheblichen Schäden bei umstehenden Gebäuden. Die Zeit drängt", sagt Holm und denkt an die sich zersetzenden chemischen Langzeitzünder. Laut TU-Gutachten sollen noch mindestens 300 Blindgänger in der Stadt liegen.

Im angrenzenden, wegen Sanierungsarbeiten eingerüsteten Schloss beschäftigen Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke die vom Gutachter geschätzten 450 Millionen Euro, die erforderlich sind, um seine Stadt von der tödlichen Last zu befreien. "Es ist nicht die Frage, ob die Bomben explodieren werden, sondern wann." Bund und Land stünden in der Pflicht. Einer, der sie nach Laesickes Auffassung nicht nachkommen. "Sie verstecken sich in den Schützengräben der rechtlichen Unzuständigkeit." Betrogen fühlt sich der 56-Jährige. "Wer zählt die vielen Investoren, die wegen möglicher Munitionsfunde Oranienburg als Standort wieder verworfen haben?" Und er denkt an das große Möbelunternehmen, das auf dem ehemaligen Flughafengelände bauen wollte, aber wieder abgesprungen ist. Nicht zu vergessen, dass ein Bauherr für eine Baugenehmigung Munitionsfreiheit auf seinem Grundstück nachweisen muss.

Laesicke schließt das Fenster, stellt die nächsten drei Flaschen Sekt für die Sprengmeister kühl.