Illegale Geschäfte

Wie Schmuggelzigaretten nach Berlin kommen

350 Verkaufsplätze für Schmuggelzigaretten gibt es in Berlin. Die großen Ladungen bringen kriminelle Organisationen auf den Markt, die kleineren auch mal scheinbar durchschnittliche Frauen und ihre Familien. Für Irina M. aus Guben erwies sich der Schmuggel jedoch als riesiges Minusgeschäft.

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/dpa-Zentralbild

Ein Septembermorgen auf einer Tankstelle in Guben (Spree-Neiße), kurz nach Sonnenaufgang. Hinter dem Verkaufsgebäude setzen sich kurz vor sieben Uhr acht Einsatzfahrzeuge der Zollfahndung Berlin-Brandenburg gleichzeitig in Bewegung. Minuten später, punkt Sieben, läuten Beamte an der Platanenstraße, der Damaschke-, Leonhard-Frank- und der Flemingstraße an den Wohnungstüren von vier mutmaßlichen Händlern unverzollter Schmuggelzigaretten. In der Leonhard-Frank-Straße warten Schüler und Erwachsene mit legaler Beschäftigung auf den Bus. Die drei verdächtigten Frauen im Alter von 42 und 45 Jahren sowie die Haupttäterin Irina M. (48) öffnen nichts ahnend die Türen. Auch die Wohnung, der Keller und Pkw eines 36 Jahre alten Komplizen werden durchsucht. Die Fahnder stellen Unterlagen und Mobiltelefone sicher. Zur gleichen Zeit durchsuchen Beamte in Baden-Württemberg die Wohnungen von zehn Verdächtigen, die als Mittäter gelten. Sie alle stehen in Verdacht, von Irina M. mit Schmuggelware beliefert worden zusein. Bei zwei von ihnen werden jeweils mehrere Hundert unverzollte Zigaretten entdeckt.

Die 48-Jährige hatte die Ermittlungen der Zollfahnder ins Rollen gebracht. In ihrem Auto hatte der Zoll bei einer Kontrolle 17.000 unverzollte Zigaretten der Marke L&M aus der ukrainischen Produktion entdeckt, die sie in Polen gekauft und ins Bundesgebiet geschmuggelt hatte. Eigentlich kein großer Fang, doch bei der folgenden Durchsuchung fanden die Ermittler weitere 111.000 Zigaretten verschiedener Marken in der Wohnung der 48-Jährigen. Das war im Dezember 2008.

Zehn Monate akribischer Ermittlungsarbeit später standen wieder Zollbeamte vor ihrer Haustür. Die Ermittler der Dienststelle Forst hatten herausbekommen, dass die Deutsche russischer Herkunft offenbar einen schwunghaften Handel mit in Russland und der Ukraine hergestellten Zigaretten betrieben hat. Quittungen über mehr als 150 Paketsendungen, die sie und ihre Komplizen aus Guben unter falschen Namen an Irinas Verwandte im Südwesten Deutschlands versandt hatten, erregten Verdacht. Drei Pakete wurden abgefangen, die jeweils etliche Tausend unversteuerte Zigaretten enthielten. Offenbar hatte die Hartz-IV-Empfängerin auf diesem Weg ihren Familienangehörigen einen illegalen Zusatzverdienst verschafft, vermuten die Ermittler.

„Die Durchsuchungen haben die Ermittlungsergebnisse bestätigt und ermöglichen weitere Nachforschungen“, sagt Zollamtsrat Dietmar Hensel sichtlich zufrieden. Unterlagen und Mobilfunkverbindungen müssten nun ausgewertet, die Rollen der einzelnen Beschuldigten im Vertriebssystem ermittelt werden. Die Verdächtigen hätten bereits Anwälte eingeschaltet.

Tausende schaffen mittelgroße Mengen ins Land

Bis zu 2,5 Millionen Zigaretten könnte Irina M. den Ermittlungen zu Folge seit Anfang 2007 illegal importiert und weiterverkauft haben. Bei Ankaufpreisen zwischen zehn und 14 Euro und einem Erlös von etwa 20 Euro pro Stange ein einträgliches Geschäft.

Dieser so genannte „Ameisenschmuggel“, also die Einfuhr mittelgroßer Mengen, wird an den EU-Außengrenzen aber auch innerhalb – von Polen und Tschechien aus – von Tausenden Schmugglern betrieben. Dem deutschen Finanzministerium gingen 2008 nach Angaben des Deutschen Zigarettenverbandes (DZV) insgesamt 1,3 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren. Den Schaden für die deutsche Industrie durch Fälschungen und Schmuggel beziffert der Verband mit 267 Millionen Euro. Der Handel beklagt immense Umsatzausfälle, Kioskbesitzer bringen immer weniger legale Ware an den Mann. Die Branchenvertreter gehen anhand einer Studie der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft (BDZ) davon aus, dass die Deutschen im Vorjahr sieben Milliarden unverzollte Zigaretten geraucht hätten.

Die Einfuhr von großen Ladungen wird indes von kriminellen Organisationen abgewickelt, die straff organisiert, bewaffnet und mit enormen Geldmitteln ausgestattet sind. Mehrere Dutzend Mal pro Jahr werden bundesweit Lkw mit jeweils mehreren Millionen Zigaretten vom Zoll aufgegriffen, zumeist hinter Tarnladungen versteckt. In speziellen Röntgenanlagen des Zoll wie in Frankfurt O. können die kompletten Lkw gescannt werden. Charakteristische Farbunterschiede machen die versteckten Ladungen für die geschulten Augen der Zollfahnder sofort sichtbar. In diesen Fällen haben die Schmuggler keine Chance. Auch wenn speziell abgerichtete Tabakspürhunde der mobilen Kontrollgruppen auf verdächtige Fahrzeuge angesetzt werden, entgeht den Vierbeinern selten eine Stange. Dennoch erreichen ungezählte Ladungen ihre Bestimmungsorte. Etwa die 350 Verkaufsplätze in Berlin, die fest in vietnamesischer Hand sind.

Erste Zigarettenmarke wird nur für Schwarzmarkt produziert

Die großen Preisunterschiede – hervorgerufen durch unterschiedlich hohe Tabaksteuern in den EU-Nationen, machen den Schmuggel sowohl für kleine Schleuser wie auch für straff organisierte Banden von Kriminellen derart lukrativ. Auf dem Vormarsch ist besonders eine Zigarettenmarke mit dem chinesisch klingenden Namen Jin Ling. Wegen der äußeren Erscheinung der Packung heißt die Marke im Zolljargon „Gelbe Bergziege“. Produziert wird die wohl weltweit einzige ausschließlich für den Schwarzmarkt produzierte Zigarettenmarke jedoch in Osteuropa. Drei Fabriken in Donezk (Ukraine), Chisinau (Moldawien) und in Kaliningrad (ehemals Königsberg) versorgen den illegalen Markt von den westlichen EU- bis zu den skandinavischen Staaten mit Jin Ling. Allein die Fabrik in der russischen Exklave an der Ostsee kommt bei einem Drei-Schichten-Betrieb auf eine Tagesproduktion von 10.000 Stangen – und gearbeitet wird hier pro Jahr an 363 Tagen, nur zu den Feiertagen an Weihnachten und Ostern bleiben die Produktionslinien ausgeschaltet. Die örtlichen Behörden schauen – mutmaßlich desensibilisiert durch üppige Zuwendungen – bewusst weg.

Auch im Bundesgebiet versuchen Kriminelle, in Eigenregie produzierte Zigaretten namhafter Marken auf dem Schwarzmarkt abzusetzen. So hatte das Zollfahndungsamt Frankfurt/M. vor zwei Jahren einer Bande die Herstellung von 400 Millionen gefälschten Marlboro nachweisen können, die in fabrikähnlichen Anlagen in Köln und Koblenz produziert wurden. Der Steuerschaden wurde auf 70 Millionen Euro beziffert. Beim Ausheben der Fabriken beschlagnahmten die Zollfahnder allein 74 Tonnen Rohtabak und 38 Tonnen Produktionsmaterialien wie Papier, Filter, Kartonagen oder Leim.

Gegen die 23 Beschuldigten verhängten Koblenzer Gerichte nach zwei Jahren Prozessdauer Haftstrafen von insgesamt 76,5 Jahren. Der Kopf der Bande wurde zu neun Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Für Irina M. aus Guben und ihre Familienangehörigen aus Baden-Württemberg wird sich das Schmuggelgeschäft indes als fatales Minusgeschäft erweisen. Zwar dauern die Ermittlungen noch an. Doch neben dem Verlust der konfiszierten Ware und den zu erwarteten Freiheitsstrafen müssen alle Beteiligten auch die dem Fiskus durch Schmuggel vorenthaltenen Steuersummen irgendwann begleichen. „Bei einem angenommenen Steuerschaden von 450.000 Euro dürfte die 48-Jährige wohl ihr restliches Leben Steuerschulden haben“, sagte ein Zollfahnder nach den Razzien.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.